Nächstes Level "Green Gaming" Was Spieler fürs Klima tun können

Mit dem Games-Markt wächst dessen Energiebedarf. Die Umweltfolgen sind für die Spieler aber oft Nebensache. US-Forscher wollen das ändern - erst recht angesichts des nächsten großen Trends.
Womit spielt es sich am umweltfreundlichsten? Norm Bourassa (l.) und Tester Jimmy Mai testeten 26 Geräte

Womit spielt es sich am umweltfreundlichsten? Norm Bourassa (l.) und Tester Jimmy Mai testeten 26 Geräte

Foto: Marilyn Chung/Green Gaming

Größer, schneller, schöner: Wie für Spielemessen üblich, wird diese Woche auch auf der Kölner Gamescom wieder mit Superlativen geprotzt. Es geht um Dutzende anstehende Spieleblockbuster und weltweit steigende Spielerzahlen. Aber auch um Tech-Trends wie das Cloud-Gaming, bei dem Spiele von leistungsstarken Rechenzentren aus in hoher Qualität auf Endgeräte daheim gestreamt werden, so ähnlich wie Netflix Filme und Serien streamt.

Ein Thema jedoch, das Gesellschaft und Politik zunehmend umtreibt, kommt auf der Gamescom, wie in der Branche insgesamt, Jahr für Jahr nur am Rande vor: die Umweltfolgen des Spielens. Denn wenn die Gameswelt größer und vernetzter wird, steigt auch ihr Energiebedarf.

Einer der wenigen, die versuchen, ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen, ist Norm Bourassa - unter dem Schlagwort "Green Gaming". Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern hat der Energieexperte für das kalifornische Lawrence Berkeley National Laboratory  (LBNT) erforscht, wie viel Strom bestimmte Spiele, Konsolen, Gaming-Rechner und VR-Brillen verbrauchen  und was diese Zahlen bedeuten.

Auf dem Gamescom Congress, der die Messe flankiert, fasst Bourassa am Mittwochnachmittag seine Erkenntnisse zusammen . Der SPIEGEL hat ihn und seinen Kollegen Evan Mills vorab gesprochen.

Zu den Personen
Foto: Green Gaming

Norm Bourassa ist Energie-Manager am National Energy Research Scientific Computing Center (NERSC), das vom Lawrence Berkeley National Laboratory (LBNL) für das US-Energieministerium betrieben wird. Dort beschäftigt er sich mit der Energieeffizienz moderner Rechenzentren. Bourassa, der für den Gamescom Congress 2019 nach Köln reist, spielt am liebsten Schach auf dem iPhone.

Foto: Green Gaming

Evan Mills nennt sich einen "glücklich pensionierten Seniorwissenschaftler", der das LBNL bei Projekten unterstützt. Er ist Fan des Kartenspiels "Set".

SPIEGEL: Herr Bourassa, Herr Mills, ich spiele relativ häufig. Muss ich mit Blick auf meinen ökologischen Fußabdruck ein schlechtes Gewissen haben?

Evan Mills: Schuld ist keine konstruktive Reaktion. Besser ist es, wenn man sich verantwortlich fühlt und in der Lage ist, intelligente Entscheidungen zu treffen. Das gilt fürs Spielen, aber auch fürs Autofahren oder Kochen - im Prinzip für alles, wobei Energie verbraucht wird.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt Energieeffizienz in der Gaming-Szene?

Mills: Die Leute machen sich darüber kaum Gedanken - das gilt auch für das Wissenschaftsumfeld. Die Bedeutung des Themas wird bislang unterschätzt. Dabei ist Gaming ein tief in der Gesellschaft verwurzeltes soziales Phänomen. In den USA wird in zwei von drei Haushalten gespielt. Allein hier schätzen wir die Energieausgaben fürs Spielen auf rund fünf Milliarden Dollar pro Jahr. Was die CO2-Bilanz angeht, entspricht das Gaming in den USA ungefähr fünf Millionen amerikanischen Autos oder 85 Millionen Kühlschränken mit hoher Effizienz.

SPIEGEL: Auf der Website "Greening the Beast " sammeln Sie Energiespartipps für Spieler - unter dem Stichwort "Spare $$". Funktioniert das besser als "Rette den Planeten"?

Mills: Traurig, aber wahr: Die meisten Verbraucher achten zuerst aufs Geld, dann auf die Umwelt. Es gibt aber noch einen weiteren Faktor, die Qualität des Spielerlebnisses: So wie jemand, der mit Solarenergie heizt, nicht will, dass es im Winter zu kalt ist, will ein Spieler zum Beispiel nicht, dass ein Spiel hängen bleibt, weil sein Gerät zu ineffizient arbeitet. Idealerweise verstärken sich alle Faktoren gegenseitig. Energieeffizientes Gaming-Equipment ist generell kühler, Strom wird schließlich in Wärme umgewandelt. Und entsprechende Technik ist auch leiser.

SPIEGEL: Welchen Ratschlag finden Sie besonders wichtig?

Mills: Das System ausschalten, wenn es nicht benutzt wird. Übers Jahr hat das einen großen Effekt auf den Energieverbrauch. Außerdem starten moderne Systeme schnell, das macht kaum Unannehmlichkeiten.

Norm Bourassa: Es bringt Vorteile, das zum eigenen Spielertyp passende System zu nutzen. Wenn es dir nicht um die Optik des Spiels, sondern eher um den Highscore geht, hol dir ein Mittelklasse-System oder auch eine Konsole. Wenn es dir egal ist, ob du ein schönes 4K-Display hast, verschwende dafür weder Geld noch Energie.

Das Testfeld für die Studie reichte von Nintendos Switch bis zum Highend-Gaming-PC - jedes System hat eine Kennzahl wie H2 oder C7

Das Testfeld für die Studie reichte von Nintendos Switch bis zum Highend-Gaming-PC - jedes System hat eine Kennzahl wie H2 oder C7

Foto: Green Gaming

SPIEGEL: Wie viel macht das System aus?

Bourassa: Das Rollenspiel "Skyrim" war auf fast allen getesteten Plattformen verfügbar. Der Stromverbrauch dafür variierte aber je nach System um mehr als das 20-Fache. Wenn es dir also in erster Linie darum geht, die Story des Spiels zu erleben, macht die Plattform viel aus.

Stromverbrauch für "Skyrim" auf verschiedenen Testplattformen

Stromverbrauch für "Skyrim" auf verschiedenen Testplattformen

Foto: LBNL

SPIEGEL: Haben die Hardware-Hersteller nicht viel mehr Einfluss auf den Energieverbrauch als die Spieler?

Mills: Natürlich ist die Energieeffizienz von Prozessoren oder Bildschirmen wichtig. Oft ist es aber genauso entscheidend oder sogar wichtiger, wie Gamer spielen, als worauf sie spielen - von den Stunden pro Tag bis zu den verwendeten Einstellungen. Das Übertakten von Prozessoren oder der Einsatz von Shadern  etwa kann den Stromverbrauch beim Spielen um 30 bis 40 Prozent steigern. Genauso lässt sich durch bestimmte Anpassungen der Verbrauch senken.

SPIEGEL: Gamer können die Lage also verbessern?

Mills: Es gibt Softwarelösungen, die Strom sparen helfen. Radeon Chill  von AMD etwa regelt die Bildfrequenz runter, wenn gerade keine 60 oder 100 Bilder pro Sekunde benötigt werden. Vieles, was Energie spart, lässt sich einfach aktivieren, das kostet nichts. Software-Entwickler könnten bei dem ganzen Thema generell eine größere Rolle spielen: Noch aber kommt niemand zu ihnen und sagt "Könnt ihr uns helfen, Games energieeffizienter zu machen?".

Bourassa: Ich halte Konsolen im Bildschirmschoner-Modus für eine große Energieverschwendung. Spiele für Konsolen sind oft so designt, dass Spieler keine Möglichkeit haben, einfach aufzuhören, weil man zum Speichern erst einen bestimmten Punkt erreichen muss und sonst der Fortschritt verloren geht. Das führt dazu, dass Spieler Pause drücken oder ein Menü aufrufen, wenn sie essen oder zur Arbeit gehen, ihre Konsole aber stundenlang weiter laufen lassen.

Ein vergleichsweise neues Gerät: Norm Bourassa beobachtet den Test einer VR-Brille

Ein vergleichsweise neues Gerät: Norm Bourassa beobachtet den Test einer VR-Brille

Foto: Marilyn Chung/Green Gaming

SPIEGEL: Was könnte die Politik tun?

Bourassa: Die Gamesbranche entwickelt sich schnell weiter - das macht es für Entscheidungsträger schwer zu reagieren. Aber: Vom Online- und Cloud-Gaming abgesehen gehen die Trends hin zu mehr Energieeffizienz. Was die Geräte angeht, die man zu Hause stehen hat, beobachten wir allgemein eine Verbesserung.

Mills: Uns ist aufgefallen, dass es keinen Standardtest für die Energieeffizienz eines Spiele-PCs gibt. Bei Gaming-Equipment gibt es oft auch keine Klima-Label oder Angaben zum Stromverbrauch. Das ist ein großes Hindernis für Menschen, die das Richtige tun wollen.

SPIEGEL: Kann man einem Spiel seinen Stromverbrauch ansehen?

Mills: Games, die simpel aussehen, verbrauchen nicht unbedingt weniger Strom. "Die Sims" etwa braucht viel Energie - weil es eine Simulation ist, in der die ganze Zeit viel passiert, das berechnet werden muss. Wenn die Branche also überlegt, ob sie ihre Hardware labelt, sollte sie auch die Spiele labeln.

Stromverbrauch verschiedener Spiele auf unterschiedlichen Plattformen

Stromverbrauch verschiedener Spiele auf unterschiedlichen Plattformen

Foto: LBNL

SPIEGEL: Verbrauchen Onlinespiele mehr Strom als Offlinetitel?

Mills: Wenn das Spiel weiter lokal auf dem System läuft, ist der Unterschied, was den Stromverbrauch angeht, gering. Anders ist das beim Cloud-Gaming. Der Stromverbrauch kann sich dabei je nach Dienst und Spiel verdoppeln, und er kann sogar aufs Drei- oder Vierfache steigen.

SPIEGEL: Wie kommt das?

Mills: Die Rechenzentren brauchen Energie fürs Rechnen, aber auch für Kühlung und Belüftung. Wer das Spielen in ein Rechenzentrum verlagert, nimmt - so wie es jetzt gerade um die Technik steht - eine Menge zusätzlichen Energieverbrauch in Kauf. Hinzu kommt, dass das Internet selbst zu einem bedeutenden Energiefaktor wird, weil das Cloud-Gaming so viel zusätzlichen Datenverkehr erzeugt.

SPIEGEL: Bislang geht es bei der Debatte zum Cloud-Gaming eher um Dinge wie die Latenzzeiten, oder?

Bourassa: Ich vermute schon, dass die Benutzererfahrung für viele Nutzer wichtiger sein wird als die möglichen Folgen für die Umwelt.

Mills: Wenn du das Gaming ins Rechenzentrum verlagerst, macht sich der Stromverbrauch der Spiele nicht mehr auf der Stromrechnung bemerkbar. Du zahlst zwar einen bestimmten Festpreis für den Cloud-Gaming-Dienst, dessen Energiebedarf aber ist intransparent. Du kannst so eine High-End- und sehr energieintensive Grafikkarte nutzen, ohne sie zu kaufen - und ohne deren Leistung über deine Stromrechnung bezahlen zu müssen.

Webtipps zum Thema Green Gaming
Foto: Green Gaming

- Ein ausführlicher, englischsprachiger Bericht der Forscher findet sich hier .

- Auf der Website "Greening the Beast"  wurden aus den Studienergebnissen Alltagstipps für Gamer abgeleitet. Ins Netz gestellt wurde das Begleit-Angebot von Nathaniel Mills (hier auf dem Bild), der an der Studie mitgearbeitet hat.

- Tipps für Konsolenspieler liefert auch die US-Seite "Energy Star"  - darunter der Hinweis, dass es ökologisch gesehen sinnvoller ist, Streaming-Dienste wie Netflix, falls möglich, direkt per Smart-TV-App zu schauen statt per Spielkonsole. So spart man sich den Strom fürs Zusatzgerät.

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