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Max Hoppenstedt

Hackerkongress rC3 Wenn die vier schönsten Tage des Jahres nur im Internet stattfinden

Max Hoppenstedt
Ein Netzwelt-Newsletter von Max Hoppenstedt
Ein Netzwelt-Newsletter von Max Hoppenstedt

Liebe Leserin, lieber Leser,

eigentlich sollte ich gerade leicht übernächtigt zwischen Mate-Flaschen und blinkenden Leuchtdioden in einer Ecke der Leipziger Messehallen sitzen und diesen Newsletter für Sie schreiben. Kurz vor Jahresende findet da normalerweise das Treffen des Chaos Computer Clubs (CCC) statt. Doch statt von dort gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen über Europas größtes Hackertreffen zu berichten, schreibe ich diesen Text aus dem Homeoffice.

Wenn Sie allerdings gedacht hätten, dass der CCC sich im Corona-Jahr 2020 darauf verlegt, ein paar Vorträge über irgendeine Open-Source-Videokonferenz-Software zu streamen, dann kennen Sie die Hackergemeinde schlecht. So blinkt und leuchtet neben diesem Text gerade bei mir zu Hause auf einem zweiten Monitor eine virtuelle 2D-Welt, durch die Hunderte Besucher-Avatare wuseln.

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Denn für die 37. Ausgabe des Kongresses haben die Organisatoren eine eigene 2D-Spielewelt geschaffen. Hier trifft sich die Hackergemeinde für ihren Kongress, der in diesem Jahr unter dem Titel »Remote Chaos Experience« (rC3) vom 27. bis zum 30. Dezember stattfindet. Oder wie eine Moderatorin es aus einem zugeschalteten Hacker-Space zum Auftakt ausdrückte: »Die vier schönsten Tage des Jahres.«

Virtuelle Kongressstimmung

Wer in der Welt auf einen anderen Besucher-Avatar trifft, kann mit ihr oder ihm videotelefonieren und sich so zum Beispiel erzählen, welchen Vortrag man gerade verpasst hat oder wo entlang es nun zu dieser einen Bar neben der Mate-Kisten-Rennstrecke geht. So kommt beim Besuch der virtuellen RC3-Welt zumindest ein bisschen jene Stimmung eines gemeinsamen Kongresserlebnisses auf, die das Treffen sonst auszeichnet.

Normalerweise lädt der Chaos Computer Club in die Leipziger Messehallen, die zu diesem Anlass mit allerlei blinkenden Gerätschaften von ehrenamtlichen Helfern geschmückt werden

Normalerweise lädt der Chaos Computer Club in die Leipziger Messehallen, die zu diesem Anlass mit allerlei blinkenden Gerätschaften von ehrenamtlichen Helfern geschmückt werden

Foto: Jens Schlueter/ Getty Images

Die virtuelle Kongresswelt steckt mindestens genauso voller Nerd-Anspielungen und Insider-Witzen wie die physischen Veranstaltungen es bisher taten. Und wer ein bisschen in der Welt unterwegs ist, stellt auch fest, dass man sich dort mindestens genauso gut verlaufen kann wie in den Leipziger Messehallen oder früher im Hamburger CCH. Einige der Überraschungen, die es in der in Retro-Ästhetik gehaltenen Spielewelt so zu entdecken gibt, zeigt die Twitter-Nutzerin Noujoum alias Miriam Seyffarth hier auf ihrem Rundgang .

Die Spielwelt ist nur für Besucherinnen und Besucher zugänglich, die sich vorher ein Ticket gesichert haben. Für jeden anzuschauen sind hingegen die zahlreichen Vorträge des Kongresses. Eine eigene Plattform, auf der Vorträge live gestreamt und auch später angeschaut werden können, hat der CCC übrigens bereits seit vielen Jahren. Hier gelangen Sie zum Stream der virtuellen Hauptbühne  und hier gelangen Sie zur Übersicht aller Livestreams und der bisher hochgeladenen Vortragsvideos .

Vorträge über IT-Sicherheit, rechtsextreme Foren und Krypto-Kriege

Auch der CCC ist allerdings nicht vor technischen Problemen gefeit, und so gab es am ersten und zweiten Tag immer mal wieder technische Probleme mit der virtuellen Welt und der Liveübertragung der Vorträge. Wie es sich für einen Kongress der Hackergemeinde gehört, hören Sie im Testbild bei technischen Problemen übrigens Synthesizer-Klänge.

Zum Einstieg ins Programm legt Ihnen mein Kollege Patrick Beuth einen Vortrag des Netzpredigers Cory Doctorow ans Herz, dem er anlässlich seiner Keynote ein Kurzporträt gewidmet hat. Außerdem freuen wir uns in der Netzwelt-Redaktion zum Beispiel auf Vorträge darüber, warum der Verschwörungsmythos QAnon sich so erfolgreich verbreiten konnte , wie es war, als Löscharbeiter für eine Porno-Plattform zu arbeiten  und über die Geschichte und die nächsten möglichen Schritte in den Verschlüsselungskriegen . Das gesamte Programm finden Sie hier .

Und auch wenn wir dieses Jahr nicht in Leipzig vor Ort sein können, werden meine Kollegen und ich selbstverständlich über weitere spannende Vorträge für den SPIEGEL berichten.

Fremdlinks: drei Tipps aus anderen Medien

  • »Hackers threaten to leak plastic surgery pictures«  (Englisch, drei Leseminuten)
    Hackerangriffe mit Ransomware liefen in der Vergangenheit meist darauf hinaus, dass die Daten der Opfer verschlüsselt und erst gegen Lösegeld wieder entschlüsselt werden. Doch in letzter Zeit drohen die Täter offenbar vermehrt damit, persönliche Daten zu veröffentlichen. So ist es auch einer Kette von Schönheitschirurgie-Praxen passiert, deren Dienste in Großbritannien auch bekannte Stars in Anspruch genommen haben.

  • »US-Senatoren fordern Ausweispflicht für Pornodarsteller«  (Deutsch, vier Leseminuten)
    Nach den Berichten über Porno-Plattformen, die zu wenig dagegen tun, dass über ihre Seiten Missbrauchsaufnahmen verbreitet werden, haben nicht nur manche der Betreiber der Seiten reagiert. Auch zwei US-Senatoren melden sich zu Wort – mit einem Vorschlag, der wohl ebenfalls in Europa Folgen hätte.

  • »Warum steht diese Brücke in Assassin's Creed Valhalla«?  (Deutsch, fünf Leseminuten)
    Die meisten Spieler werden sich durch das neueste »Assassin's Creed«-Videospiel kämpfen, ohne allzu sehr darauf zu achten, wie historisch stimmig kleine Details der Wikinger-Welt sind. Anders unser Autor Dom Schott, der Archäologie studiert hat: Er stieß im virtuellen Südengland auf eine Brücke, die ihm einfach keine Ruhe mehr ließ.

Ich wünsche Ihnen einen guten Rutsch ins neue Jahr und bleiben Sie gesund

Max Hoppenstedt