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14. August 2018, 17:14 Uhr

Verfassungswidrige Symbole

Berliner Studio zeigt erstes Videospiel mit Hakenkreuzen

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Die Darstellung verfassungswidriger Symbole in Videospielen war bisher in Deutschland verboten. Das hat sich jetzt geändert. Nur wenige Tage später legt ein Entwicklerstudio das erste Spiel mit Hakenkreuzen vor.

10. Mai 1933 auf dem heutigen Bebelplatz, damals Opernplatz, in Berlin. Die Flammen lodern, Buch um Buch wird vernichtet. Das sogenannte Dritte Reich zeigt in aller Deutlichkeit, wie mit Andersdenkenden umgegangen wird. Fanatische Massen versammeln sich um das Feuer und zeigen den Hitlergruß. Eine Szene, die theoretisch auch in einem Videospiel gezeigt werden könnte - allerdings bisher nicht in Deutschland.

"Diese Szene hätten wir aus der deutschen Version wohl herausgeschnitten", sagt Jörg Friedrich von Paintbucket Games. Zusammen mit Sebastian Schulz arbeitet er an dem Strategiespiel "Through the Darkest of Times", das den Widerstand während des Nationalsozialismus thematisiert. Ein Spiel über die Menschen, die kaum jemand kennt, die aber versuchten, gegen das große Regime vorzugehen. Ein Antikriegsspiel. Über diejenigen, sie sich gegen die Diktatur und ihre großen Symbole auflehnten.

Doch viele dieser Symbole durften in Deutschland bisher in einem Videospiel nicht abgebildet werden. Da Videospiele kein adäquates Medium seien, um sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Paragraf 86 des Strafgesetzbuchs, Absatz 1, besagt, dass Personen, die Propagandamittel verbreiten, "die nach ihrem Inhalt dazu bestimmt sind, Bestrebungen einer ehemaligen nationalsozialistischen Organisation fortzusetzen", mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bestraft werden können.

Nun gilt die Ausnahmeregelung auch für Videospiele

Allerdings gilt Absatz 1 nicht, wenn das Symbol in Kunst oder Wissenschaft gezeigt wird und beispielweise der Forschung, Lehre oder Berichterstattung über das Zeitgeschehen dient. Diese Einschränkung regelt die Sozialadäquanzklausel. Videospiele fielen bisher nicht unter die Ausnahmen.

Entsprechend sahen Spieler in Deutschland abstrakte Symbole und Kreuze, wo im Ausland Hakenkreuze zu sehen waren, etwa bei Spielen wie "Wolfenstein II" (siehe Fotostrecke).

Nun gab die zuständige Prüfstelle USK kürzlich bekannt, dass diese Sozialadäquanzklausel künftig auch für Videospiele geltend gemacht werden kann. Und damit verändert sich sehr viel für das Medium Videospiel.

Für Jörg Friedrich und Sebastian Schulz hätte sich dadurch eigentlich gar nicht viel ändern müssen. Denn: "Wir haben von Anfang an zwei Versionen des Spiels entwickelt, eine deutsche und eine internationale." In der deutschen Version hat es keine Hakenkreuze gegeben, stattdessen eine Flagge mit rotem Hintergrund und leerem weißen Kreis. Es hat auch keine Menschen gegeben, die den Arm zum Hitlergruß heben. Und dennoch: "Es war die ganze Zeit eine große Unsicherheit da", sagt Friedrich.

Zur Gamescom zeigt das Studio eine Demoversion - mit Hakenkreuzen

Hinderlich für den kreativen Prozess sei es gewesen, bei jedem Schritt mit zu denken, ob eine Szene wohl problematisch in Deutschland sein könnte. Dem Land, von dem der Nationalsozialismus und sein Morden ausging. "Jetzt haben wir eine Freiheit im Kopf", sagt er. Eine Freiheit, da wo es angebracht sei, auch explizit das zu zeigen, worum es geht. Keine Leerstellen mehr.

Deshalb haben Friedrich und Schulz zur kommenden Spielemesse Gamescom der USK sofort eine spielbare Version vorgelegt, die die verfassungswidrigen Symbole zeigt. Das habe man im Eilverfahren gemacht, was einen deutlichen Aufpreis mit sich bringt.

Inzwischen wurde die Demoversion von der USK geprüft und ab dem Alter von 12 Jahren freigegeben. Damit ist "Through the Darkest of Times" das erste Spiel, das in Deutschland ein Hakenkreuz zeigen darf. Schulz und Friedrich hätten also endlich Gewissheit, sagen sie. Auch darüber, dass sie das Spiel so in Deutschland vertreiben können - ein wichtiger wirtschaftlicher Aspekt.

Die Möglichkeit, einen Nazi zu spielen

Damit endet die lange Zeit, in der Spieleentwicklern nicht zugetraut wurde, ein solch komplexes Thema verhandeln zu können. Videospiele wurden nicht als Kunstform angesehen, die zum historischen Diskurs etwas Substanzielles beitragen könnten. Es war das Medium für den Spaß, die Unterhaltung - niemals mehr.

Das wird sich nun ändern, da auch endlich die Rechtsauffassung an diesem Punkt angekommen ist: Videospiele können auch ernste Themen, sie können Geschichte, Politik; Grausamkeit ebenso wie Spaß vermitteln, zu einem Grad nachfühlbar machen. Nur anders als es Literatur oder Filme können. Aber wie sollten sich diese Traditionen, diese Gattungen in Deutschland bilden, wenn es am Fundamentalen fehlte: dem Zutrauen?

Jörg Friedrich aber sieht auch Grenzen. "Ich sehe es als höchst problematisch, wenn etwa ein Multiplayerspiel völlig kontextlos diese Symbole verwendet." Denn anders als etwa im Film gebe es das interaktive Moment. Und damit auch die etwaige Möglichkeit, in einem Spiel in einem Multiplayermatch einen Nazi zu spielen, mit Hakenkreuz oder SS-Rune an der Uniform - und dann ein anderes Land zu überfallen.

"Ich wäre froh, wenn die USK in solchen Fällen urteilen würde, dass das nicht sozialadäquat ist", betont Friedrich. Der nächste Schritt also: eine Verständigung darüber, wo die videospielende Gesellschaft die Grenzen sieht.

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