Sci-Fi-Shooter im Test Das neue "Half-Life" ist gruselig gut

Ein Videospiel wie für Albträume gemacht: Mit "Alyx" feiert die Kultserie "Half-Life" nach über zwölf Jahren ein Comeback - in der virtuellen Realität. Unsere Autoren über das vielleicht aufregendste Spiel 2020.
Von Markus Böhm und Achim Fehrenbach
Sci-Fi-Grusel mit Mittendrin-Gefühl: "Half-Life" ist zurück, als Virtual-Reality-Spiel

Sci-Fi-Grusel mit Mittendrin-Gefühl: "Half-Life" ist zurück, als Virtual-Reality-Spiel

Foto: DER SPIEGEL/Valve

Spoiler-Hinweis: Um Fans der Serie nichts vorwegzunehmen, verrät dieser Artikel keine Details zur Handlung von "Alyx".

Bedrohliche Aliens, gefährlich wenig Munition: Das sind die Grundprobleme, mit denen sich Spielerinnen und Spieler im neuesten Werk des Entwicklerstudios Valve konfrontiert sehen. "Half-Life: Alyx", so der Titel, ist allerdings nicht irgendein Spiel. Es gehört zur legendären Shooter-Reihe "Half-Life", die seit 2007 brach lag. An diesem Montagabend wird sie fortgeführt, mit dem wohl spannendsten Experiment des Spielejahres: einem neuen Teil der Serie, der ausschließlich als Virtual-Reality-Game veröffentlicht wird. Valve - selbst auch Headset-Hersteller  - wagt etwas.

Durch ihre Brillen tauchen die Spieler noch unmittelbarer ins Geschehen ein als in den bisherigen "Half-Life"-Teilen, die schon ohne das VR-Mittendrin-Gefühl Beklemmungen auslösen konnten. Berühmt-berüchtigt ist "Half-Life" etwa für die sogenannten Kopfkrabben - Aliens, die direkt ins Gesicht der Spieler springen.

Doch wie gut ist nun "Alyx" - und wie gruselig? Markus Böhm und Achim Fehrenbach haben das Spiel getestet und beantworten hier die zehn wichtigsten Fragen.

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So sieht "Half-Life: Alyx" aus

Foto: DER SPIEGEL/Valve

1. Wie kann man sich "Half-Life" in VR vorstellen?

Böhm: Geistig und körperlich fordernd. Durch die VR-Brille hat man wirklich das Gefühl, in der dystopischen Spielwelt zu stehen. Die Gegner haben eine realistische Größe und sind furchteinflößender als bisher. Zumal man oft in Räumen ohne Tageslicht unterwegs ist. Dazu kommt die Steuerung über die Handcontroller: Gegenstände lassen sich aufheben und herumwerfen. Und weil man im Spiel sogenannte Gravitationshandschuhe trägt, lässt sich die Umgebung sogar in einigen Metern Entfernung manipulieren, indem man Dinge zu sich hinzieht. Beim Schießen in VR muss mit Handbewegungen gezielt werden.

Sehr hilfreich: Die Gravitationshandschuhe von Alyx Vance. Mit ihnen lassen sich Gegenstände anziehen

Sehr hilfreich: Die Gravitationshandschuhe von Alyx Vance. Mit ihnen lassen sich Gegenstände anziehen

Foto: DER SPIEGEL/Valve

2. Muss man für "Alyx" gut in Shootern sein?

Fehrenbach: Es hilft auf jeden Fall, schon Shooter gespielt zu haben. Besonders das Nachladen der Waffen in hektischen Situationen werden geübte Spieler mit mehr Coolness absolvieren. Valve hat es absichtlich sehr umständlich gestaltet, nach dem Prinzip "Leeres Magazin auswerfen, neues aus dem Rucksack holen, einsetzen, durchladen". Spieler können so nicht blindlings wegballern, was ihnen vor die Flinte kommt. Generell sind die Kämpfe sehr taktisch: Mangelnde Reflexe lassen sich durch umsichtiges Vorgehen ausgleichen.

Böhm: Ich spiele selten Shooter, hatte an "Alyx" aber trotzdem Spaß. Anders als etwa in "Doom Eternal" trifft man hier auch nicht auf Gegnerhorden. Toll fand ich es zum Beispiel, hinter virtuellen Hindernissen wie Kisten in Deckung gehen zu können, indem ich mich auf den Wohnzimmerboden kniete. Als Erleichterung habe ich es außerdem empfunden, dass ich jederzeit den Spielstand speichern konnte. Das war hilfreich, für den Fall, dass ich die entscheidende Granate in Panik mal wieder neben statt auf ein Alien werfe. Der zweitniedrigste Schwierigkeitsgrad "Leicht" war für mich genau richtig.

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3. Wie sieht eine typische Spielszene aus?

Böhm: In der Rolle der Hauptfigur Alyx Vance stehe ich in einigen Metern Höhe draußen auf einer Fensterbank, nicht ahnend, was im zugehörigen Hotelzimmer passiert. Also schiebe ich mit dem Handcontroller den Sichtschutz des Fensters nach oben. Drinnen: stöhnende Zombies, in der Masse potenziell tödlich. Also: Sichtschutz sofort wieder runter, durchatmen. Lag da nicht auch eine Granate, an die ich rankomme? Genau. Also: Fenster auf, Granate schnappen, Zünder aktivieren, Fenster zu. Ein großer Knall, kurz darauf stehe ich im Zimmer und fühle mich clever. Jedenfalls solange, bis ich im angrenzenden Badezimmer die Klospülung höre... Oh, oh...

4. Was ist das Beste am Spiel?

Fehrenbach: Die Vielfalt und der Detailgrad der Schauplätze. Valve hat unglaublich viel Sorgfalt und Liebe in die Gestaltung der Orte gelegt. Nichts wirkt generisch, alles hat den guten alten Ostblock-Charme der City 17 aus den früheren Teilen der Serie. Ich stoße auf großartige Panoramen, aber auch auf Gänge, die von Alien-Pilzen überwuchert sind, oder einen Raum mit einer Zombie-Leiche, die im Gegenlicht kopfüber von der Decke hängt. Jeder Schauplatz ist auf seine Art filmreif.

Böhm: "Alyx" hat einen nahezu perfekten Spielrhythmus. Es hat mich noch keine Minute gelangweilt - und das gelingt nicht vielen Games. Ruhige Passagen wechseln sich mit aufwühlenden ab und je nach Kapitel hat das Spiel einen etwas anderen Schwerpunkt. Ich lerne nach und nach Neues, aber auch vorheriges Wissen bleibt von Bedeutung. Da macht es auch nichts, dass "Alyx" sehr linear aufgebaut ist, dass man manche Tür einfach nie öffnen kann. Jedes Level hat die passende Länge.

Geschick statt Feuerkraft gefragt: Eine von einer Handvoll Minispiel-Varianten in "Alyx"

Geschick statt Feuerkraft gefragt: Eine von einer Handvoll Minispiel-Varianten in "Alyx"

Foto: DER SPIEGEL/Valve

5. Was stört am meisten?

Fehrenbach: Genervt haben mich die Mini-Games, die es zwischendurch immer mal wieder zu erledigen gibt. Sie sollen wohl das Shooter-Gameplay auflockern, ich hätte mir dabei aber mehr Variation gewünscht.

Böhm: Am meisten geflucht habe ich nicht über "Alyx", sondern über das zum Spielen nötige Kabel an meiner Oculus Quest. Vor allem in Kämpfen hat es sich immer mal wieder vom PC oder vom Headset gelöst, ich musste dann vom letzten Speicherpunkt neu starten.

Gaming-PC plus VR-Headset: So haben wir "Alyx" getestet

Gespielt haben beide Tester auf Gaming-Rechnern mit Oculus-Headsets (mehr dazu, welche Hardware Sie für "Alyx" mindestens benötigen, lesen Sie hier). Das System von Autor Böhm zum Beispiel bestand aus einem i7-6700-Prozessor, 16 GB RAM und einer GeForce RTX 2070 Super. Valve empfahl für diesen Rechner automatisch die Leistungsstufe "Niedrig", das Spiel lief jedoch auch auf "Mittel" flüssig genug.

Oculus Rift (links) neben der Oculus Quest: Jene Mobil-Brille kann nur dann für "Alyx" verwendet werden, wenn sie mit einem PC verkabelt wird. Das teuerste und technisch beste Headset für Alyx ist derweil Valves System namens Index

Oculus Rift (links) neben der Oculus Quest: Jene Mobil-Brille kann nur dann für "Alyx" verwendet werden, wenn sie mit einem PC verkabelt wird. Das teuerste und technisch beste Headset für Alyx ist derweil Valves System namens Index

Foto: SPIEGEL ONLINE

Als Headset nutzte Böhm die 2019 erschienene Oculus Quest mit Link-Kabel, Fehrenbach eine Oculus Rift von 2016. Mit beiden Headsets und ihren nahezu identischen Handcontrollern ließ sich "Alyx" gut steuern. Im Testzeitraum komplett durchspielen konnten beide Tester das Spiel noch nicht, Böhm ist nach über einem Dutzend Spielstunden aber auf der Zielgeraden der Geschichte. Fehrenbach hat gut zehn Stunden hinter sich.

6. Auf seiner Verkaufsplattform Steam hat Valve "Alyx" selbst als "Meisterwerk" deklariert. Ist das Spiel eins?

Fehrenbach: Für mich ist "Alyx" das mit Abstand beste VR-Spiel, das es bisher gibt. Valve hat einfach verstanden, worauf es in VR ankommt: auf eine lebendige Spielwelt. Das beidhändige Gameplay von "Alyx" dürfte zum Goldstandard für künftige VR-Action-Titel werden. Es sorgt auch dafür, dass man immer etwas zu tun hat. Mit der schwachen Hand zieht man mit seinem Handschuh Gegenstände heran, mit der starken bedient man Waffe oder Werkzeug.

Böhm: Auch ich sehe "Alyx" als Meilenstein - für VR, damit aber letztlich fürs gesamte Gaming. Vieles, was im Spiel vorkommt, habe ich zwar schon ähnlich in anderen VR-Games gesehen. Aber hier kommen all die Funktionen und Ideen, von Physik bis Grafik, endlich sinnvoll zusammen, zu einem Spiel mit Story, das mit circa 15 Stunden auch eine vernünftige Länge hat.

Fehrenbach: Bemerkenswert finde ich auch, dass sich "Alyx" wie die Vorgängerspiele anfühlt. Valve hat genau darauf geachtet, wichtige Spielbestandteile in VR zu übertragen. Das fängt bei den Originalgeräuschen an und geht über die Gegnerklassen bis hin zur Ästhetik der Gebäude weiter. Nur fühlt sich Alyx als Protagonistin anders an als Gordon Freeman: Gordon hat nie etwas gesagt, er war eine Projektionsfläche für die Spieler. Alyx hat deutlich mehr Charakter: Sie kommentiert die Geschehnisse und steht in Funkverbindung mit dem Techniker der Widerständler. Dem sagt sie dann zum Beispiel vor einer Passage im Stockfinsteren, dass er bloß weiterreden soll.

Faszinierend wie verstörend: Die Welt des neuen "Half-Life"

Faszinierend wie verstörend: Die Welt des neuen "Half-Life"

Foto: DER SPIEGEL/Valve

7. Ist "Alyx" allein ein Grund, sich für mehrere Hundert Euro eine VR-Brille zu kaufen?

Fehrenbach: Nur für "Alyx" dürfte sich so eine Anschaffung kaum lohnen. Allerdings gibt es mittlerweile viele tolle VR-Games, wie etwa "The Walking Dead: Saints and Sinners". Als Einstieg würde ich aber eher kurze oder kurzweilige Games wie "Beat Saber" empfehlen. "Alyx" könnte VR-Neulinge mit seinem vergleichsweise komplexen Gameplay durchaus überfordern.

Böhm: Wenn man zumindest schon einen Spielerechner besitzt, könnte man als Shooter- oder "Half-Life"-Fan vielleicht schon über einen Brillenkauf nachdenken. Oder man leiht sich erstmal eine aus.

8. Kann einem beim "Alyx"-Spielen schlecht werden?

Böhm: Ich spiele öfter in VR, habe "Alyx" aber trotzdem fast durchgehend mit der als magenfreundlich geltenden Bewegungsart "Teleportation" gespielt. Sie fühlte sich für mich am besten an - und ich hielt auch mal anderthalb Stunden am Stück durch. Valve scheint ein gutes Gefühl dafür zu haben, was man Spielern in VR zumuten kann und was nicht. Selbst wenn einem etwa eine Kopfkrabbe ins Gesicht springt, ist der Bildschirm-Tod in "Alyx" vergleichsweise harmlos inszeniert.

Fehrenbach: Ich habe "Alyx" mit freier Bewegung gespielt und auch mir wurde nicht schlecht - ich bin aber auch sehr VR-erfahren. Um mich nicht zu sehr zu stressen, habe ich die Brille zudem alle 20 bis 30 Minuten abgenommen und eine kurze Pause eingelegt. Allgemein hilft es "Alyx", dass das Spieltempo für einen Shooter recht langsam ist: Man kann zum Beispiel nicht rennen.

9. In "Half-Life" geht es um die Folgen einer Alien-Invasion, um eine menschenfeindliche Welt. Will man so ein Szenario in Zeiten der Coronakrise erleben?

Fehrenbach: In der Spielwelt geht es unter anderem um Quarantäne-Regeln, die von den Machthabern rigoros durchgesetzt werden: Das weckte bei mir schon ungute Assoziationen. Anderseits bin ich wie viele Computerspieler an dystopische Szenarien gewöhnt und kann entsprechend gut abstrahieren. Klopapier gibt es im Spiel übrigens genug: Man kann es sogar benutzen, um Sprengfallen zu deaktivieren.

Böhm: Ich würde auch sagen: Sicher gibt es Spiele-Neuheiten mit größerem Entspannungspotenzial, wie etwa "Animal Crossing", aber so kaputt wie die von "Half-Life", ist unsere echte Welt ja glücklicherweise nicht. Ganz klar ist "Half-Life" in VR aber auch kein erholsamer Sci-Fi-Spaziergang. Es ist ein Spiel für Erwachsene mit starken Nerven. Zumindest am ersten Abend hatte ich einige Erlebnisse aus dem Spiel auch noch sehr präsent im Kopf - mir fiel es schwer, einzuschlafen. Und Arachnophobiker kann ich nur warnen: Später im Spiel stößt man auf giftige Kopfkrabben (im Englischen: poison headcrabs), die zumindest ein Stück weit an Spinnen erinnern. Die sollte man sich vielleicht vorab einmal in einem Video anschauen.

10. Alles in allem: War es die richtige Entscheidung von Valve, das neue "Half-Life" als VR-Spiel herauszubringen?

Fehrenbach: Aus Sicht eines Headset-Besitzers: ja. In VR ist fast alles, was "Half-Life" ausmacht, eindrücklicher: Man fühlt jetzt sogar mit den radioaktiven Würmern mit, die in den Energiespendern zerquetscht werden. Auch die gewaltigen, in den Himmel aufragenden Alien-Maschinen kämen außerhalb von VR nicht annähernd so ehrfurchtgebietend rüber. Ich kann es nur wiederholen: Valve hat verstanden, wie VR funktioniert.

Böhm: Welchen Fußabdruck "Alyx" in der Branche hinterlässt, wird sich zeigen. Was das Game-Design anging, waren aber auch schon "Half-Life" und "Half-Life 2" Trendsetter. Insofern finde ich es konsequent und erfreulich, dass Valve jetzt genau mit dieser Kultreihe in VR experimentiert. Und nun, wo sich das altehrwürdige "Half-Life" neu erfunden hat, wieso sollten dies nicht auch andere großen Marken tun?

Kaufen lässt sich das Computerspiel für derzeit 45 Euro auf Steam . Besitzer von Valves Index-Headset oder den Index-Controllern bekommen es kostenlos.

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