Terroranschlag in Halle Was das Attentat mit Videospielen zu tun hat - und was nicht

Der Anschlag in Halle weckt bei vielen Menschen Videospiel-Assoziationen, vor allem durch das per Kopfkamera aufgenommene Video. Doch nicht hinter jedem Bezug zur Gamingkultur steckt Kalkül.

Der Lauf der Waffe im Bild: Das Video des Täters, aus dem wir hier bewusst kein Bild zeigen, erinnert durch die Ich-Perspektive an Shooter
yogysic/ Getty Images

Der Lauf der Waffe im Bild: Das Video des Täters, aus dem wir hier bewusst kein Bild zeigen, erinnert durch die Ich-Perspektive an Shooter

Eine Analyse von


"Rechtsterrorismus, inszeniert wie ein Computerspiel" (Link)
"Er plante seine Taten wie Computerspiele" (Link)
"Er will wie in einem Spiel Punkte sammeln und gelobt werden" (Link)

Solche Überschriften machen derzeit zum Attentat in Halle die Runde - und vor allem Spielefans ärgert diese Art der Berichterstattung. Schließlich spielen allein in Deutschland Millionen Menschen, und viele davon identifizieren sich mit diesem Hobby, das so vielschichtig ist wie die Auswahl an Spielen. Die reicht von Action-Games wie "Call of Duty" oder "Fortnite" bis hin zur Alltagssimulation "Die Sims".

Manche Menschen definieren sich sogar entscheidend darüber, Gamer zu sein. Andere erinnern die Schlagzeilen an die teils faktenfreie "Killerspiel"-Debatte der Nullerjahre, als Shooter wie "Counter-Strike" am Pranger standen.

Fast alle Empörten eint wohl der Gedanke, dass sie sich von jemandem wie dem Attentäter von Halle maximal weit distanzieren wollen. Dass die Tat dieses Mannes den kleinsten Bezug zur eigenen Lebenswelt haben könnte, scheint ein ungutes Bauchgefühl zu wecken, wenn es jemand bloß andeutet - unabhängig davon, dass Spielen unter jungen Männern wohl das Allerweltshobby Nummer eins ist.

Ist es also ein Problem, wenn Medien oder auch Politiker wie Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff das Attentat in Bezug zu Games rücken, obwohl Millionen Spieler niemals auf die Idee kämen, solche Taten zu begehen?

Zwei Dinge seien vorab klargestellt:

  • Dies ist ein Randaspekt der Debatte. Nach einem Angriff auf eine Synagoge in Deutschland ist es ungleich wichtiger über rechten Terror sowie über Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit zu reden, als über Videospiel-Bezüge. Problematischer wirken auch die Sümpfe von Verschwörungstheorien und die soziale Isolation, in die der Täter mit seiner Gedankenwelt abgeglitten sein muss, ohne dass es Sicherheitsbehörden mitbekamen.
  • Jeder Spiele-Vergleich beim Beschreiben des Anschlags wird zudem der Realität nicht gerecht. In Computerspielen sterben Pixelfiguren, und, ja, man darf auch das unmoralisch finden. Aber bei Anschlägen sterben echte Menschen, wie jetzt Jana L. und Kevin S. Gaming-Vergleiche verharmlosen das.

Trotzdem ist es verständlich, dass jemand sofort an Computerspiele denkt, wenn er Szenen aus dem Video sieht, das der Täter selbst per Smartphone an seinem Helm aufgenommen hat. Zwar nutzen auch Surfer oder Fahrradfahrer Helmkameras, im Bild ist dabei aber kein Waffenlauf. Zwangsläufig entsteht so eine Ästhetik, die wir in Deutschland bisher - zum Glück - nahezu ausschließlich aus Games mit Ich-Perspektive kennen.

Der Täter muss es auf diese Assoziation nicht angelegt haben, denn sie entsteht einfach. Doch sie passt in sein krudes Konzept vom Schaulauf für mögliche Nachahmungstäter (mehr dazu hier).

Es wirkt wie ein Let's-Play

Seinen Stream stellte der Täter bei Twitch ein. Dort laufen längst nicht mehr nur Gaming-Livestreams, Hauptinhalt der Plattform sind aber nach wie vor Übertragungen von spielenden Menschen. Dabei kommentieren sie das Spielgeschehen oder quatschen mit der Community. Unter dem Stichwort Let's-Play existiert auch auf YouTube ein ganzes Videogenre dieser Art.

Vieles von dem, was der Täter im Stream von sich gibt, wie "Scheiß drauf, spreng ich mich halt rein" und "Ich hab mir einen Reifen zerschossen. Fuck" erinnert an solche Videos. Man merkt, dass der Täter damit rechnet, im Livestream ein Publikum zu haben - für dieses Publikum kommentiert er die Ereignisse. Es ist nicht nur lautes Denken, denn manchmal spricht er etwaige Zuschauer sogar an.

Von der Art her, wie der Täter sein Vorgehen inszeniert, hat es so mehr mit einem Let's-Play gemein als mit dem normalen Spielen eines Videospiels. Es ist - Alarmismus-Modus kurz angeworfen - ein Let's-Kill, ein Tötungswahnsinn fürs Livepublikum.

Es ist möglich, dass der Mann Twitch für so etwas als ideale Plattform sah. Es könnte aber genauso gut sein, dass er davon ausging, dass die Übertragung etwa auf Facebook, wo mit dem Christchurch-Attentäter sein mutmaßliches Vorbild streamte, einfach schneller gestoppt worden wäre.

Zynische "Achievements" - also Aufgaben fürs Morden

Auch Gewaltszenen aus dem Video lassen verschiedene Interpretationen zu. Wenn der Täter erneut auf eine augenscheinlich bereits tote Person schießt, kann man darin eine Spiele-Referenz sehen, weil mancher Spieler so etwas in Games schon mal tut. Es könnte aber genauso gut Unsicherheit, irrationales Handeln sein. Oder auch ein Versuch des Täters, dem Publikum von Foren wie 4chan oder 8chan irgendwie zu liefern, was es aus seiner wirren Sicht wohl verlangt: Action und Tote.

Wie genau und wo in der Gamingkultur der Täter verwurzelt ist, ist noch unklar. Bezüge zur Spielewelt liefert aber auch sein "Manifest", in dem er unter dem Schlagwort "Achievements" auflistet, welche Facetten sein oder ein Anschlag haben könnte, vom Töten mit einer bestimmten Waffe über Opfer bestimmter Religionszugehörigkeit bis zur versehentlichen Selbstverletzung der eigenen Hand. All diese Ziele sind zynisch benannt, etwa mit "I liked that Hand...".

"Achievements", bestimmte Ziele, deren Erreichen zu digitalen Trophäen führt, gibt es in fast in jedem modernen Videospiel. In Shootern wie "Call of Duty" haben sie Beschreibungen wie "Beschützt die Bomber in 'Ardennenoffensive', indem ihr 12 feindliche Flugzeuge abschießt." Achievements sind aber auch Teil der sogenannten Gamification, der Übernahme von Spielmechanismen in den Alltag. Eingesetzt werden sie etwa bei Internetforen, wo Nutzer bestimmte Stufen erreichen können.

Trotzdem scheint es klar, dass der Attentäter seine Pläne durch die Erwähnung der Achievements wie ein Spiel inszenieren will. Dass junge Männer wie er ahnen, dass ihre Gamingbezüge durchleuchtet werden, zeigte bereits der Fall Christchurch. Da schrieb der Täter in sein Manifest, dass ihn "Fortnite" zum Killer ausgebildet habe - nur um diesen Satz sofort als Witz zu entlarven, mit einem darauffolgenden "No". Auch im Fall Halle kann man sich sicher sein, dass ein Täter, der selbst gebaute Waffen verwendet, sich nicht nur mit Games auf ihren Einsatz vorbereitet hat (Nachtrag, 18.30 Uhr: Mittlerweile ist bekannt, dass der Täter bei der Bundeswehr den Umgang mit Waffen lernte ).

Debatten, die geführt werden sollten

Das Halle-Attentat hat also durchaus Bezüge zum Gaming, wenn auch oft diffuse. Die Gewalttat ist damit sicher kein Grund, die "Killerspiel"-Debatte aufzuwärmen, zumal der Täter nicht jugendlich, sondern 27 Jahre alt war.

Die Tat könnte aber - solange es wichtigere Themen wie Antisemitismus und die Radikalisierung durch Internetforen nicht aus dem Fokus nimmt - ein Anlass sein, auch über die Verantwortung der Spielebranche, von Streaming-Plattformen oder Spieler- und Forengemeinschaften nachzudenken.

  • Zu sprechen lohnt es sich etwa über den rauen Umgangston in Onlinegames, Spielechats oder Streams. Grenzüberschreitungen, etwa in Richtung Antisemitismus oder Frauenhass, bleiben oft nicht nur unbestraft, sondern auch von anderen Spielern unwidersprochen. Die sogenannte Gamergate-Bewegung entstand vor fünf Jahren aus diesem Nährboden heraus.
  • Diskussionswürdig ist auch das Männlichkeitsbild, das manche Spiele propagieren und das in vielen Communitys noch immer vorherrscht. Statt um sportlichen Wettkampf oder um Spaß geht es mitunter um Macht und Dominanz.
  • Thematisieren könnte man ebenso die teils sehr engen Verbindungen von Spielefirmen und Waffenherstellern. Dabei könnte man über die damit einhergehende Verherrlichung und Verharmlosung von Kriegsgeräten sprechen.
  • Und dann wären da noch Plattformen aus dem Gaming-Kosmos, die die Ausbreitung von menschenfeindlichen Verschwörungstheorien oder rechtem Gedankengut samt Nazi-Symbolen offenkundig nicht als Problem sehen.

Das sind nur vier Ideen von vielen - und oft geht es nur um kleinste, dafür aber erstaunlich laute Gruppen. Keine Spielefirma, keine Streaming-Plattform, kein unbeteiligter Spielefan trägt Verantwortung für das, was in Halle geschehen ist. Doch in ihrer Gesamtheit hat auch die Gaming-Community, so heterogen sie ist, eine Verantwortung für das gesellschaftliche Miteinander, wie sie andere Gemeinschaften auch haben.

Es ist die Verantwortung, alles dafür zu tun, dass so etwas wie in Halle nicht noch einmal passiert. Und das kann mit simplen Dingen beginnen, wie der Meldung von antisemitischen Chat-Sprüchen, oder mit Kritik, wenn eine Spielefirma mal ausgerechnet 8chan für eine sinnvolle PR-Plattform hält. Mit Handeln im normalen Online- und Spielalltag also, dessen Teil wohl auch der Täter von Halle einmal war.



insgesamt 117 Beiträge
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index77 11.10.2019
1. Lasst uns bloß in Ruhe!
Schon wieder diese Verallgemeinerungen. Leute erzählen nicht komische Sachen weil sie gamen, sondern weil die komisch sind. Und aus unseren Clans fliegen solche Leute fix raus. Resozialisierung ist nämlich nicht unser Thema.
incubes 11.10.2019
2. Unseriöse Analyse ...
und sehr leicht zu widerlegen. Der Zusammenhang zwischen Shooter Games und aggressivem Verhalten kann nicht bewiesen werden. https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rsos.171474#d2586331e1 https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2017.00174/full
gruenerwaldgeist 11.10.2019
3. Was soll diese Berichterstattung über das Video?
Möchtet Ihr, dass sich auch der letzte dieses unsägliche Machwerk anschaut? Nein Danke, ich verzichte. Und ich hoffe, ich bin damit nicht alleine.
braamsery 11.10.2019
4. Nichts
Es hat nichts damit zu tun. Es gibt - wie immer - Untergruppen. Natürlich müsste man entsprechende Sachen bestrafen und/oder strafrechtlich verfolgen. Das blöde ist nur, man muss schon danach suchen wenn man strafbare Sachen finden möchte. Die meisten sind nicht so extrem und eher ironisch/sarkastisch gemeint. Und sonst passt da auch nichts. Eine echte Waffe mit einem Spiel vergleichen funktioniert nicht. Ich habe in den USA ne richtige Waffe in den Händen gehabt. Ist ein klitzekleiner Unterschied. Und der rechtsextreme Hintergrund kommt auch nicht durch die "normalen" Spiele. Es sind Spiele, die man nur in entsprechenden Foren oder auf entsprechenden Seiten findet. Sonst gibt es da nichts was zu so etwas auch nur beitragen würde.
zimond 11.10.2019
5. Der Anschlag zeigt deutlich
das scharfe Waffengesetze ihre Wirkung zeigen. Ein gleich gesinnter Täter hätte den USA mindestens 10 Menschen auf dem Gewissen weil er sich sein Arsenal nicht erst hätte selber zusammenschrauben müssen. Ach... und diese dumme Videospieldebatte wieder? Die hat er soooo nen Bart. Völlig sinnfrei da noch drauf einzugehen.
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