"Harry Potter: Wizards Unite" im Test Hokuspokus, Akkus leerus

Drei Jahre nach ihrem Welterfolg "Pokémon Go" haben die Macher ein neues Spiel auf den Markt gebracht, angelehnt an das "Harry-Potter"-Franchise, mit dem Handy als Zauberstab. Macht das Spaß?

Harry Potter Wizards Unite/ Niantic

Von Dominik Schott


Jeden Moment würde die Polizei kommen, da war ich mir sicher. Minutenlang stand ich nun schon vor diesem Blumenladen, ging vor dem Schaufenster unruhig auf und ab und starrte gestresst auf mein Smartphone. Von der anderen Straßenseite aus beobachteten mich bereits zwei ältere Damen misstrauisch, während ich fluchend über mein Display wischte.

Dabei war eigentlich alles ganz harmlos: Ich spielte das Mobilspiel "Harry Potter: Wizards Unite", das mich wenige Stunden zuvor in meinem Wohnzimmer zum Zauberer ernannt hatte. Seitdem eilte ich durch die Straßen meiner Nachbarschaft, um magische Kreaturen, seltene Gegenstände und Zutaten für Tränke einzusammeln.

Während ich mich aus Angst vor einem Platzverweis schließlich in die nächste Seitenstraße schlug, hatte ich ein Déjà-vu: Vor drei Jahren hatte ich mich schon einmal ähnlich beobachtet gefühlt - allerdings nicht als Zauberer, sondern als Pokémon-Trainer.

Erinnerungen an "Pokémon Go"

Damals war - vom selben Entwickler, von Niantic - gerade "Pokémon Go" erschienen und weltweit machten Millionen Menschen Jagd auf wilde Pokémon, die über ihr Smartphone und dessen GPS-Funktion in der Nachbarschaft aufgetaucht waren.

Ich war einer dieser Millionen Spieler, warf monatelang fingerwischend Tausende Pokébälle und klapperte die Sehenswürdigkeiten meiner Nachbarschaft ab, die bei jedem Besuch wertvolle Punkte und nützliche Gegenstände spendierten.

Ich lebte meinen Kindheitstraum und war begeistert, wie mich dieses Spiel zu regelmäßigen Spaziergängen und Erkundungsausflügen motivierte - häufig an der Seite anderer Pokétrainer, die ich unterwegs kennenlernte.

"Harry Potter: Wizards Unite", das am Wochenende auch in Deutschland für iOS und Android erschienen ist, ist nun quasi das Nachfolgespiel zu "Pokémon Go".

Der Pokéball wurde gegen den Zauberstab getauscht, doch das technische Grundgerüst ist weitgehend gleich geblieben: Mittels GPS-Funktion lotst mich mein Smartphone durch die Nachbarschaft und markiert magische Kreaturen, Gegenstände und Rastplätze als bunte Symbole auf einer einfachen Landkarte. Bin ich diesen Symbolen nah genug, kann ich sie mit einem Fingerdruck auf dem Smartphone auswählen und mit ihnen je nach Ort ganz unterschiedlich agieren.

Monster muss ich bekämpfen, indem ich ein vorgegebenes Muster - meinen Zauberspruch - auf dem Display möglichst schnell und akkurat nachzeichne, was meistens keine allzu große Herausforderung ist. An Rastplätzen hingegen werden mir auf einen Fingerdruck hin neue Energiepunkte geschenkt, die ich zum Zaubern brauche. Anfänger finden sich schnell zurecht, "Pokémon Go"-Veteranen sowieso.

Viel zu viel zu tun

Doch es dauert keine Stunde, bis sich die Funktionen von "Harry Potter: Wizards Unite" vervielfachen: Plötzlich muss ich für mein virtuelles Zauberer-Ich einen von drei Berufen wählen, die unterschiedliche Vor- und Nachteile mit sich bringen. Ich entdecke einen Fertigkeitenbaum mit Dutzenden freischaltbaren Boni, den ich normalerweise von komplexen Rollenspielen gewohnt bin.

Fotostrecke

13  Bilder
Handyspiel: So funktioniert "Harry Potter: Wizards Unite

Ich blättere durch mehrere Fotoalben, in denen die von mir besiegten Kreaturen und gesammelten Gegenstände aufgelistet werden und mache mich mit den zahlreichen Rezepten für magische Tränke vertraut. All das bietet für sich genommen schon genug Beschäftigung für viele Stunden - und obendrauf gibt es zusätzlich noch eine umfassende Geschichte, die die Spieler "jahrelang beschäftigen soll", wie der Hersteller verspricht. Auf all das muss man schon Lust haben.

Worum sich die Geschichte dreht? Ganz genau kann ich das auch nach einigen Stunden nicht sagen, denn "Harry Potter: Wizards Unite" erzählt diese Geschichte über fragmentierte Textboxen, für die ich auf dem Arbeitsweg oder während der Busfahrt schlichtweg weder Geduld noch Zeit habe.

So viel habe ich allerdings verstanden: Nach einem verhängnisvollen Unfall, dessen Ursprünge die Community noch entschlüsseln soll, sind zahllose Kreaturen und Gegenstände aus der magischen Welt in der realen Welt gestrandet - und ich soll das gemeinsam mit den anderen Spielern wieder rückgängig machen. Das reicht mir als Grund, durch die Straßen zu ziehen und mit dem Zauberstab auf alles zu zielen, was auch nur halbwegs magisch aussieht. Mit den Erzählungen der bekannten Bücher und Filme hat diese Story allerdings nicht viel zu tun.

Noch nicht wirklich zauberhaft

Ärgerlich ist bisweilen der technische Zustand der App: Während eines dreistündigen Spaziergangs opferte ich der magischen Monsterjagd immerhin die Hälfte meines Smartphone-Akkus. Im gleichen Zeitraum stürzte die App fünf Mal ab, während die Landkarte immer wieder nur langsam oder gar nicht meinen Standort aktualisierte.

Diese Probleme trübten allerdings auch bereits den Release von "Pokémon Go", bevor die Entwickler mit Updates zügig nachbesserten. Ähnliches ist auch bei "Harry Potter: Wizards Unite" zu erwarten.

Abgesehen von diesen technischen Problemen ist Niantics neustes Spiel eine beeindruckend umfangreiche Weiterentwicklung des "Pokémon Go"-Grundgerüsts, das vor allem "Harry Potter"-Fans locken dürfte.

Wer hingegen nichts mit dieser magischen Welt anfangen kann, wird nur schwerlich zwischen all den Menüs, Funktionen und Aufgaben die nötige Begeisterung dafür entwickeln, sich täglich mit dem Smartphone in der Hand auf die Jagd nach Monstern und Gegenständen zu machen. Und, ja, die Blicke misstrauischer Beobachter muss man auch aushalten.



insgesamt 8 Beiträge
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Ignorant00 26.06.2019
1. Frage an den Autor?
Kurze Frage an den Autor, das sind zwei Zitate aus dem Artikel: "All das bietet für sich genommen schon genug Beschäftigung für viele Stunden - und obendrauf gibt es zusätzlich noch eine umfassende Geschichte, die die Spieler "jahrelang beschäftigen soll", wie der Hersteller verspricht. Auf all das muss man schon Lust haben." "Ich lebte meinen Kindheitstraum und war begeistert, wie mich dieses Spiel zu regelmäßigen Spaziergängen und Erkundungsausflügen motivierte - häufig an der Seite anderer Pokétrainer, die ich unterwegs kennenlernte." Also, wie ich das sehe beschäftigen sich Poekmon Go Spieler eh schon hunderte bzw. abertausende Stunden mit dem Spiel, da ist es doch toll, das das neue Spiel auch eine Story etc. bietet! Das das am Anfang erschlagend wirkt ist doch bei derr angelegten "jahrelangen" Spieldauer eher zu vernachlässigen?
carlitom 26.06.2019
2.
Frage an die Spezialisten: wieso ist das Spiel bei Google Play auf dem einen Handy installierbar, auf einem anderen aber mit "in deinem Land nicht verfügbar" versehen?
booter92 26.06.2019
3. Akkus leerus?
Ich weiss nicht ob der Autor ein iPhone oder Android verwendet und welches Gerät aber so ein Akkusauger ist das Spiel nicht! Der sollte mal den Batterieschoner im Spiel aktivieren ? Da bestätigen auch meine Freunde.
SamZidat 26.06.2019
4. Doch leere Akkus
Wenn der Batterieschoner so funktioniert wie bei Pokemon Go bringt er ziemlich vielen Spielern nahezu nix. Der schaltet nämlich nur das Display dunkel wenn man es nach unten hält. Schön bei einem AMOLED, bringt anderen aber kaum etwas. Schon die Pokemon-Go-Spieler erkannte (und erkennt) man am Kabel zur Powerbank. Wird den HP-Spielern nicht anders gehen.
Loosa 27.06.2019
5. Mobiles Datenvolumen
Kleiner Tipp: solange man noch im heimischen WLAN ist, in den Einstellungen unbedingt "alle Ressourcen herunterladen". Das sind dann immerhin noch rund 3GB Download. Sonst ist man sein Datenvolumen ratzfatz los. Außerdem läd das Spiel dann auch schneller.
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