"Heavy Rain"-Schöpfer Cage "Ich will nicht, dass die Spieler Spaß haben"

David Cage, Chefdesigner hinter dem interaktiven Thriller "Heavy Rain", kennt keine Gnade. Sein Digital-Drama soll Spieler leiden lassen, erklärt er im Interview mit SPIEGEL ONLINE - schließlich sei es ein Spiel für Erwachsene. Ein Gespräch über Sadismus, Duschszenen und abgetrennte Finger.


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"Heavy Rain": Killer-Thriller in Hochglanzoptik
SPIEGEL ONLINE: "Heavy Rain" kommt für ein Videospiel mit erstaunlich vielen und langen Filmsequenzen daher, für einen Film dagegen verlangt es eine Menge Interaktion. Was würden Sie sagen: Ist es ein Film oder ein Spiel?

Cage: Wir nennen es "Interaktives Drama". Es ist ein neue Genre. Es sieht aus wie ein Film, funktioniert aber nach den Regeln eines Videospiels. Beides zusammen soll dazu führen, dass es die Leute emotional fesselt.

SPIEGEL ONLINE: Spiele kann man gewinnen oder verlieren. Bei "Heavy Rain" dagegen geht es oft schlimm aus, egal was man tut.

Cage: Bei "Heavy Rain" geht es nicht darum, zu verlieren oder zu gewinnen. Es geht nicht um einen High Score, sondern um eine Reise.

SPIEGEL ONLINE: In diesen alptraumhaft-ausweglosen Levels kann man das Gefühl bekommen, dass eigentlich Sie als Designer es sind, der spielt. Und zwar mit den Spielern. Kein schönes Gefühl.

Cage: Ich will auch gar nicht, dass die Spieler Spaß haben. Es gibt so viele Games, die sich um Fun drehen. Das wird doch irgendwann langweilig. Ich will, dass die Spieler Emotionen durchleben. Ich habe das Spiel wie eine emotionale Achterbahnfahrt angelegt.

SPIEGEL ONLINE: Aber als Spieler will ich doch das Gefühl haben, das Geschehen kontrollieren zu können. In "Heavy Rain" dagegen fühle ich mich oft hilflos ausgeliefert. In der Rolle der Reporterin leide ich unter Schlaflosigkeit, in der Rolle des Vaters bekomme ich Panikattacken, und als FBI-Profiler bin ich schwer drogensüchtig...

Cage: Wenn Teenager spielen, suchen sie vielleicht diese Allmachtsgefühle, das gehört dazu, weil man im echten Leben nicht so viel zu sagen hat. Dieser Eskapismus erklärt auch, warum Superhelden so beliebt sind in dieser Altersgruppe. Aber "Heavy Rain" ist kein Spiel für Teenager, sondern für Erwachsene. Ich habe drei Zielgruppen im Blick. Zum einen die Hardcore-Gamer, die einfach mal etwas anderes machen wollen, als immer nur Monster zu schlachten oder mit Autos zu rasen. Zweitens weibliche Spieler, für die es kaum ein Angebot gibt. Mein interaktives Drama dreht sich sehr stark um Emotionen und Beziehungen, um die Liebe zum eigenen Kind, um Schmerz und Angst und Hoffnung.

SPIEGEL ONLINE: Und drittens?

Cage: Drittens die Kombination der ersten zwei. Ich stelle mir vor, wie Paare das Spiel zusammen spielen können. Also zum Beispiel ein erfahrener Spieler, der mit seiner Freundin auf der Couch sitzt und gemeinsam mit ihr durch mein Drama navigiert. Die beiden würden gemeinsam auf eine emotionale Reise gehen - wie wir es von Kinofilmen kennen.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie wirklich, dass sich ein Paar gemeinsam die ausgedehnte Duschszene der Reporterin Madison Paige ansehen wird? Oder dass ein Paar es romantisch findet, wenn der Entführer den Spieler auffordert, sich selbst ein Fingerglied abzuhacken? Ist das Sadismus Ihrerseits?

Cage: Die Duschszene kann ja jeder weglassen, wenn er will. Und die Szene mit dem Finger ist mir selber als Kind passiert. Ich spielte auf dem Dachboden, wollte durch eine große Tür gehen, und sie schlug zu und schnitt mir zwei Finger fast ab. Da war ich sechs Jahre alt. Aber mir geht es nicht um den Sadismus. Sondern um die Frage: Wie weit würde ich gehen, um einen Mensch zu retten, den ich liebe? Diese Frage will ich mit den Spielern teilen. Niemand zwingt Sie im Spiel, die Fingerglieder abzuschneiden, Sie können es auch lassen. Aber auch das hat Konsequenzen. Und Sie müssen mit den Konsequenzen leben. Wie im richtigen Leben.


"Heavy Rain", für Playstation 3, USK-Freigabe: Ab 16. Preis: Ca. 65,- Euro

Das Interview führte Hilmar Schmundt

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