»Horizon Forbidden West« im Test Maschinen zum Anbeten

»Horizon Forbidden West« ist das nächste große Playstation-Spiel. Im Vergleich zum Vorgänger bietet es neue Waffen, Mechaniken und Missionen. Doch es erzählt auch viel über unser Verhältnis zu Technologien.
»Horizon Forbidden West«: Das Spiel ist der Nachfolgetitel zu »Horizon Zero Dawn«

»Horizon Forbidden West«: Das Spiel ist der Nachfolgetitel zu »Horizon Zero Dawn«

Foto: Sony Interactive Entertainment

Spoiler-Hinweis: Dieser Text geht auf die Geschichte des Spiels ein, jedoch ohne allzu viele Details vorwegzunehmen.

In Las Vegas zeigt sich, was aus der Welt geworden ist. Eine künstliche Intelligenz (KI) lässt glänzend-grelle Fassaden an Häuserwänden entstehen. Doch es sind nur Projektionen. Bilder dessen, was einmal war: eine Stadt, die im Glücksspiel lebte. Der Rausch der Unbefangenheit, des Überschwangs, des Konsums. Von den Menschen, die hier einst lebten, von ihrer Welt des Vergnügens, sind vor allem Ruinen geblieben. Jetzt werden sogar sie überstrahlt vom grellen Schein einer Maschine.

»Horizon Forbidden West«, der neueste Blockbuster für die Playstation 4 und Playstation 5, hat die undankbare Aufgabe, einem Spiel nachzufolgen, das vor allem durch seine beeindruckende Postapokalypse-Spielwelt Aufsehen erregte. Ein roter Faden zog sich durch die Lande. Die Suche danach, was hier passiert sein mag. Am Ende fanden die Spielerinnen und Spieler die Antwort.

Was macht nun eine Fortsetzung, die nicht mehr auf das ungläubige Staunen setzen kann? Darauf, dass es die Spielerinnen und Spieler reizt, eine vollkommen fremde Welt zu begreifen? Die Antwort liegt nahe: Ein Nachfolgetitel kann die Welt noch größer machen, die Gefahr noch überwältigender. Und er kann neue Waffen und Spielmechaniken etablieren. All das macht »Forbidden West«. Vor allem aber regt das Spiel zum Denken an, über unser Verhältnis zur Technologie.

Alles auf Anfang

Der Vorgänger »Horizon Zero Dawn« skizzierte eine Erde, auf der die Menschheit nur mehr verstreut in einzelne Stämme existiert. Als Protagonistin Aloy traf man auf lebende Maschinen, die von Menschen erschaffen wurden und zu deren Untergang führten. Die Technik herrschte über den Planeten, Roboter-Säbelzahntiger und -Büffel durchzogen die Landschaft. Aloy musste aufdecken, wie es mit der Menschheit zu Ende ging – und entdeckte dabei, dass sie selbst Teil des Untergangs war, genauso, wie sie bei der Wiederauferstehung der Zivilisation eine Rolle spielt.

Da die Spielwelt in Nordamerika angesiedelt ist, kommen auch reale Orte vor. Hier zu sehen ist etwa Las Vegas, das nur noch durch Projektionen existiert

Da die Spielwelt in Nordamerika angesiedelt ist, kommen auch reale Orte vor. Hier zu sehen ist etwa Las Vegas, das nur noch durch Projektionen existiert

Foto: Sony Interactive Entertainment

Das neue »Horizon Forbidden West« sagt den Spielerinnen und Spielern nun: Was ihr im ersten Teil geschafft habt, ist zunichte. Was ihr aufgebaut habt, ist abgerissen. Ihr dachtet, ihr hättet gesiegt – aber schaut, hier war die verborgene Falltür. Die Welt erblüht also nicht von Neuem, sie verdorrt. Giftige Pflanzen, von maschinellen Systemen produziert, bedrohen das wenige organische Leben, das es noch gibt. Aloys Weg führt nun in den Westen, in eine gigantisch wirkende neue Spielwelt, in der sie Gaia, die alles erschaffende künstliche Intelligenz, aus einem Back-up wiederherstellen muss, auf dass die vielen Opfer nicht umsonst waren.

Hinweis zu den Testbedingungen

Wir haben »Horizon Forbidden West« für diesen Test auf der Playstation 5 gespielt. Das Spiel erscheint ebenso auf der Playstation 4, wo es Berichten anderer Testerinnen und Tester zufolge deutliche Abstriche in der Performance gibt. Das Spiel soll aber auch auf der alten Sony-Konsole vernünftig laufen.

Im Westen ein wenig Neues

»Horizon Forbidden West« verlässt sich dabei auf jene Spielmechaniken, die schon im ersten Teil gut funktioniert haben und erweitert sie mit neuen Ideen. Dazu gehört ein Greifhaken, mit dem die Spielerinnen und Spieler Gitter aus Wänden reißen oder sich an dafür vorgesehenen Stellen in die Höhe ziehen können. Neu ist auch ein Gleiter, der nach einem Absprung geöffnet werden kann, um sanft auf dem Boden zu landen oder weit entfernte Plateaus zu erreichen. Und in die Tiefe geht es jetzt auch, mit einer Maske, die Aloy unter Wasser atmen lässt. Im Vergleich zum Vorgänger stechen zudem die vielen Siedlungen heraus, die deutlich lebendiger wirken als im Vorgänger.

In Schenken können die Spieler Nebenmissionen annehmen oder einfach den Gesprächen der Einwohner lauschen

In Schenken können die Spieler Nebenmissionen annehmen oder einfach den Gesprächen der Einwohner lauschen

Foto: Sony Interactive Entertainment

Wenig überraschend gibt es auch neue Maschinenwesen, an denen allerlei neue Waffen ausprobiert werden können. Dazu zählen Bögen sowie ein Bolzenschießer und eine Lanze, die mit Elektrizität oder mit Säuremunition kombiniert werden kann.

Wie schon im ersten Teil bringt es nicht viel, auf Metallmonster einzudreschen. Es gilt, gezielt ihre Schwachstellen zu finden und die Wesen Stück für Stück zu zerlegen – um mit den Einzelteilen dann die eigene Rüstung und die eigenen Waffen zu verbessern.

Bruchstücke der alten Kultur

All das ist für Open-World-Games nichts Besonderes. Besser als anderen Blockbustern gelingt es »Forbidden West« aber, seine Welt für sich sprechen zu lassen. Sie ist voll von Geschichten, die in Ruinen oder auf Bergkuppen zu finden sind. Oder auch in den letzten Unterkünften der alten Menschen – tief in einen Berg geschlagen, als Schutz vor dem Ende; letztlich vergebens.

Der virtuelle Westen ist durchzogen von Technik, die zum Mythos wurde. Während wir Menschen im Zeitalter der Digitalisierung oft das Unerklärliche durch Technologie zu erklären versuchen, wird die Technologie in »Horizon Forbidden West« selbst zum Unerklärlichen. Maschinen, die das Feld bestellen, werden im Spiel als Götter verehrt. Ihre Namen sind Bruchstücke der alten Kultur, unverständlich für die neue: do, re, mi, fa, so, la, ti.

Wie schon im ersten Teil können einige der Roboter als Reittiere genutzt werden

Wie schon im ersten Teil können einige der Roboter als Reittiere genutzt werden

Foto: Sony Interactive Entertainment

Eine Nebenfigur, von der es in »Horizon Forbidden West« viele und viele interessante gibt, hat einen veralteten Fokus. Das ist ein Gerät, das Augmented Reality (AR) ermöglicht. Mit ihm am Auge wird die Welt zu einer Oberfläche voller Daten und Erklärungen. Da es sich um ein älteres Modell handelt, kann das Gerät aber nur einige der Daten dechiffrieren. Für die Figur werden die unlesbaren Dateien daher zu etwas Verbotenem, Mythischen – bis Aloy sich dem Gadget annimmt. Der Mythos löst sich auf, Technik wird wieder zu Technik.

Die Spielwelt ist voll von Metallwesen. Diese ziehen oft in Herden durch das Land und greifen Aloy an, sobald sie sie entdecken

Die Spielwelt ist voll von Metallwesen. Diese ziehen oft in Herden durch das Land und greifen Aloy an, sobald sie sie entdecken

Foto: Sony Interactive Entertainment

Technikglauben, der in die Irre führt

Viele Geschichten in »Horizon Forbidden West« zeugen von Versuchen, Bedeutung im Untergang zu finden. Das Spiel lässt die Spielerinnen und Spieler zudem über Themen wie den Technikglauben des Silicon Valley reflektieren. Künstliche Intelligenz wird unsere Rettung sein im Kampf um einen siechenden Planeten – um solche Überzeugungen geht es hier. Um die Hoffnung, dass Hard- und Software besser ist als schlagende Herzen, dass Algorithmen uns in die richtige Richtung lenken – ungeachtet dessen, dass sie von Menschen geschrieben werden.

Straff durchgespielt entfaltet sich die Geschichte des Spiels in etwa 25 Stunden. Wer alle Nebenmissionen erfüllen und die Karte bis in den letzten Winkel erforschen will, kann locker 100 Stunden in dieser Welt verbringen. Es sind äußerst unterhaltsame Stunden.

»Horizon Forbidden West« ist ein optisch beeindruckendes Spiel, auch wenn Details wie Grafik-Pop-ups erahnen lassen, dass das Spiel neben der Playstation 5 auch für die Playstation 4 entwickelt wurde

»Horizon Forbidden West« ist ein optisch beeindruckendes Spiel, auch wenn Details wie Grafik-Pop-ups erahnen lassen, dass das Spiel neben der Playstation 5 auch für die Playstation 4 entwickelt wurde

Foto:

Sony Interactive Entertainment

Kurz vor dem Ende der Geschichte finden die Spielerinnen und Spieler eine Halle, in der alte Kunstwerke ausgestellt sind, während barocke Musik erschallt. Es sind Relikte längst vergangener Zeiten. Wieso sie hier noch an den Wänden hängen? Eine ätherische Stimme gibt die Antwort: »Es ist Trost, den wir in der Kunst finden können.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.