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28. Mai 2019, 16:23 Uhr

Identitäten in Videospielen

Das bin ich - und das auch

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In manchen Games kann man frei entscheiden, wie die eigene Figur aussieht. Das nutzen Spieler, um sich selbst digital nachzubauen - oder aber, um bestimmte Identitäten anzunehmen und auszuleben.

Videospiele locken nicht nur mit den unterschiedlichsten Abenteuern, sondern auch mit der Chance, in andere Identitäten zu schlüpfen. Games mit Charakter-Editoren ermöglichen das Erstellen eigener Figuren: Geschlecht, Statur, Kleidung, Persönlichkeit - all das kann individualisiert werden. Das nutzen viele Spieler nicht nur, um sich selbst nachzubauen, sondern auch, um etwas auszuprobieren, was im realen Leben vielleicht nur schwer möglich ist.

Im Folgenden erzählen vier Spieler von ihren Erfahrungen:

Jan, 21: "Ketten, Ringe, Gürtel - je mehr desto besser"

"Ich bin genderqueer, ich schreibe mich keiner Geschlechts-Identität zu. Darum sind Charakter-Editoren in Spielen wie 'Fallout 4' ziemlich spannend für mich. Ich probiere unterschiedliche Körper aus, die alle irgendwie Facetten von mir sind.

Mit 15 Jahren dachte ich noch, dass ich auch in Spielen mit einer männlichen Figur rumlaufen müsste, weil sich das nun mal so gehört. Inzwischen ist der Charakter die Verkörperung von mir in der Spielwelt - er sieht aus, wie ich mich fühle, aber nicht, wie ich selbst aussehe. Diese Variabilität in der Körperform gefällt mir total gut. Wenn ich einen alten Charakter spiele und er nicht mehr zu mir passt, ändere ich ihn einfach. Spiele, die diese Möglichkeit nicht bieten, machen mir daher weniger Spaß.

Habe ich in einem Spiel Bock auf Make-up, lege ich welches an - und anders als im echten Leben gelingt mir das auch sofort. Ich muss nicht üben und muss auch nichts befürchten, wenn ich so in der digitalen Spielwelt unterwegs bin.

Charaktere, die total vollgehängt sind, find ich super. Ketten, Ringe, Gürtel - je mehr desto besser. Und wenn ich dann noch die Möglichkeit habe, Implantate oder Cyborg-Körperteile zu benutzen, ist das so richtig toll. Die Idee, meinen Körper technisch zu erweitern, finde ich spannend."

Sabrina, 37: "Ich kann alles ausprobieren"

"Gut zehn Jahre spiele ich nun schon 'Perfect World', ein Online-Rollenspiel. Zunächst hatte ich darin noch einen weiblichen Charakter. Doch ich habe direkt zu Beginn festgestellt, dass ich anders behandelt werde, wenn ich deutlich mache, dass ich eine Frau bin. Einige halten einen dann anscheinend für grenzdebil, für total unfähig. Auch deshalb ist mein Hauptcharakter in diesem Spiel inzwischen ein Mann. Der wird als neutral angesehen - es ist weniger wichtig, wer dahintersteckt.

Wangenknochen, Nase, Augen: Ich habe bestimmt zwei Stunden gebraucht, bis ich die Gesichtskonturen des Charakters so hatte, wie ich sie wollte. Ich mag es, mir zu überlegen, was mein Charakter trägt und ändere die Mode auch je nach Stimmung. Frauenfiguren in Spielen sind oft ziemlich lächerlich: Sie bewegen sich mit übertriebenem Hüftschwung, das gefällt mir nicht.

Meine Charaktere sind eigentlich immer groß und schlank. Ich selbst bin 1,83 Meter - aber nicht schlank. Im Videospiel kann ich also so aussehen, wie ich gern auch in echt wäre. Doch nicht nur meine Körperform kann ich verändern, sondern auch meine Haarfarbe oder die Haarlänge. Ich kann alles ausprobieren, was ich mich sonst nicht traue - oder was nicht so einfach zu erreichen ist."

Imanuel, 19: "Alles hat sie bedacht"

"Ich finde es schöner und ästhetischer, beim Spielen eine Frau zu steuern und anzuschauen als einen Mann. Darum verbringe ich viel Zeit damit, die jeweilige Figur so zu gestalten, dass sie meinem Geschmack entspricht - zum Beispiel im Charakter-Editor von 'Ghost Recon: Wildlands'. Aber das Optische ist nicht der einzige Grund, aus dem ich als Mann lieber eine Frau erstelle.

Es sind Spiele, nicht die Realität, darum möchte ich nicht mich selbst steuern, sondern jemand anderes. Und ein wenig kann ich so ja vielleicht auch herausfinden, wie es sich als Frau so anfühlt. Im echten Leben bin ich eher schüchtern und diplomatisch, im Videospiel offensiv und direkt. Diese Gegensätze zu spielen, fasziniert mich.

In "Fallout 76" haben meine Freundin und ich einige Stunden damit verbracht, zusammen einen Charakter zu erstellen. Sie hat sich überlegt, wie ich wohl als Frau aussehen würde - und genau so hat sie dann die Figur erstellt. Haare, Augenform, Größe der Lippe, alles hat sie bedacht. Der Charakter gefällt mir echt gut und ich erinnere mich gern daran.

Ich würde mir wünschen, dass die Editoren in Spielen weniger Grenzen haben. Wieso nicht mal jemanden erstellen, der keinem Geschlecht angehört?"

Miki, 20: "Ein positives Durchspielen meiner Identität"

"Mit der 'Die Sims'-Reihe habe ich schon viel Zeit verbracht. Ich spiele so realistisch wie möglich und denke mir Geschichten zu den Charakteren aus. Ich schaue, wie die Figuren interagieren, was für Persönlichkeit sie haben, welchen Lebensweg sie gehen. Kürzlich habe ich eine introvertierte Sportlerin erstellt, die mit einem nerdigen Transmann zusammengekommen ist.

Wenn es um Trans-Themen geht, wird oft von Tragik und Schmerz berichtet. Ich jedoch möchte ein glückliches Leben spielen. Ich bin selbst eine Transfrau und das Spielen kann mir durchaus die Hoffnung geben: Irgendwann lebe ich selbst ein so glückliches Leben. Es ist ein positives Durchspielen meiner Identität.

Ich wohne in einer konservativen Gegend, in der ich nicht offen lebe. Meine Familie weiß, dass ich trans bin, sonst verstecke ich es. Viele der Menschen hier verstehen das einfach nicht. Und ich möchte mich dem nicht aussetzen.

In 'Die Sims' jedoch ist nichts konservativ und ich muss mich auch nicht erklären. Hier stehen mir so viele Möglichkeiten offen und keine Geschlechts-Konstellation wird hinterfragt.

Ich habe depressive Phasen, in denen es mir nicht gut geht. 'Die Sims' ist in solchen Zeiten wie ein Rückzugsort. Ich baue an Charakteren und Beziehungen, die sich richtig anfühlen. Denn auch an mir ist nichts falsch."

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