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Games: Romanzen in Spielen

Foto: Electronic Arts

Liebe in Videospielen Verknallt in ein Pixelwesen

Liebe im Computerspiel? Kommt vor, weiß Heidi McDonald. Die Amerikanerin erforscht Romanzen mit Figuren, wie sie "Dragon Age" und "Mass Effect" ermöglichen. Ein Gespräch über gute und schlechte Liebesgeschichten und das Potential des Romantik-Genres.

Köln - Neulich hat sogar Blockbuster-Regisseur George Lucas über "das große Spiel der nächsten fünf Jahre" spekuliert. Es werde ein Spiel, bei dem man starkes Mitgefühl mit den Charakteren entwickelt, mutmaßte er . "Und es zielt auf Frauen und Mädchen."

Heidi McDonald hat Lucas' Zitat in ihre neueste Präsentation eingebaut, als Indiz dafür, dass sie dem richtigen Trend auf der Spur ist. Die Amerikanerin glaubt, dass das Romantik-Genre vor dem Durchbruch steht.

Früher Journalistin, heute selbst Entwicklerin, beschäftigt sich McDonald seit Januar 2012 mit Romanzen in Spielen. In einer Online-Umfrage  verrieten ihr 525 Teilnehmer, ob und warum sie in Einzelspieler-Rollenspielen mit anderen Figuren anbandeln. Auf der Entwicklerkonferenz GDC Europe hat McDonald kürzlich einen Vortrag gehalten  über das Potential romantischer Spiele.

SPIEGEL ONLINE: Frau McDonald, täuscht der Eindruck oder gab es in Spielen bislang kaum erwähnenswerte Liebesgeschichten?

Heidi McDonald: Ich mag zumindest die Romanzen in den Bioware-Rollenspielen, zum Beispiel in der "Mass Effect"-Serie. Mein Favorit ist "Dragon Age: Origins". Das habe ich drei Mal durchgespielt, bis die Romanze mit Alistair endlich positiv endete. Beeindruckt hat mich außerdem "Persona 4", ein Spiel, in dem auch alternative Sexualität ihren Platz hat.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Spielen sind Romanzen simpel umgesetzt: Man bringt einem Charakter Geschenke - und plötzlich liebt er einen.

McDonald: Das stimmt leider. Bezüglich Beziehungen hat mich sogar das eigentlich tolle "Skyrim" enttäuscht. Darin kann man eine Figur heiraten, dies hat jedoch nur eine größere Konsequenz: Fortan steht die Person ständig in deinem Haus rum. Gruselig finde ich in vielen Fällen auch geskriptete Sexszenen.

SPIEGEL ONLINE: Kommt es trotzdem vor, dass sich Spieler ernsthaft in Spielfiguren verlieben?

McDonald: Ein Charakter kann einen schon stark einnehmen. Mir fallen neun Rollenspielfiguren ein, in die ich ein wenig verknallt war. Überraschenderweise waren die meisten davon Emos oder Kriminelle. Alistair aus "Dragon Age: Origins" ist wohl die einzige Figur, mit der ich auch im echten Leben ausgehen würde.

SPIEGEL ONLINE: Passiert dieses Verknallen auch Männern?

McDonald: Das kann ich nicht allgemein beantworten, jeder macht eigene Erfahrungen. Meine Online-Umfrage  ergab aber, dass Männer eher dazu neigen, ihren realen Partnern zu verheimlichen, dass sie in einem Spiel eine Romanze haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat sich Romantik nie als eigenes Genre etabliert?

McDonald: Dass die meisten Romantikspiele gescheitert sind, muss nicht am Thema gelegen haben. Vielleicht waren das einfach schlechte Spiele? Ein Publikum für Romantisches ist jedenfalls da: Viele Liebesromanleserinnen kaufen ihre Bücher längst digital. Vermutlich hätte schon eine gute interaktive Geschichte großes Verkaufspotential.

SPIEGEL ONLINE: In Asien sind Dating-Simulationen sehr erfolgreich, sogenannte Otome Games. Wie erklären Sie sich das?

McDonald: In Japan ist es erst mal viel selbstverständlicher, dass auch Frauen spielen. Und ich habe mir sagen lassen, die Dating-Kultur sei anders: Man trifft sich zunächst vor allem in Gruppen, Einzel-Dates sind selten. Da ist so ein Spiel eine unkomplizierte Abwechslung, bei der man sich direkt an die Person heranwagt, die einen interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Welche Funktion könnten Romantikspiele im Westen haben?

McDonald: Mehr Rollenspiele mit Romanzen-Option würden Jugendlichen, aber auch Erwachsenen helfen: Sie wären ein sicherer Ort, um mit der eigenen Sexualität zu experimentieren. Meine Umfrage ergab zum Beispiel, dass bisexuelle Frauen, die mit Männern zusammen sind, in Spielen eher Beziehungen mit weiblichen Charakteren eingehen.

SPIEGEL ONLINE: In den meisten Spielen sind Romanzen aber lediglich eine Option - mit welcher Motivation wird sie von Spielern genutzt?

McDonald: Wer eine Romanze hat, will meistens herausfinden, wie diese die Story beeinflusst. Frauen erhoffen sich zudem emotionale Erfüllung. Männer reizt eher, dass sie durch die Romanze möglicherweise Achievements freischalten können.

SPIEGEL ONLINE: In "Mass Effect" kann man Menschen verführen, aber auch Außerirdische. Wie entscheidet sich, wen der Spieler anflirtet?

McDonald: Meiner Umfrage zufolge spielen Frauen tendenziell Charaktere, die ihnen selbst ähnlich sind - und experimentieren dafür bei der Partnerwahl. Männer dagegen gehen ähnliche Beziehungen wie in der Realität ein, sind aber experimentierfreudiger beim Erstellen eines Charakters. Für die Anziehungskraft einer Figur halten Spieler vor allem die Persönlichkeit und sein Dialogverhalten für wichtig, weniger die Optik.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es ein Romantik-Spiel, auf das Sie besonders gespannt sind?

McDonald: Ich erwarte viel von "Everlove" , das in diesen Tagen erscheint. Ich stand schon mit der Studiochefin in E-Mail-Kontakt, aber konnte das Spiel bislang nicht ausprobieren.


Linktipp: Heidi McDonald hat gerade eine zweite Umfrage zum Thema Rollenspiel-Romanzen  gestartet.

Das Interview führte Markus Böhm
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