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30. Januar 2012, 09:49 Uhr

"Let's Play"-Videos

Zocken für Zehntausende

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Der Begriff Videospiel hat eine neue Bedeutung: In "Let's Play"-Filmen dokumentieren Gamer ihr Spielerlebnis - und Zehntausende schauen via YouTube zu. Weil die Clips für die Spielefirmen vor allem kostenlose Werbung sind, tolerieren sie manche Urheberrechtsverletzung.

München - Manchmal wird André Krieger als "Commander" angesprochen, in der Pizzeria oder im Fitnessstudio. Das hat weniger damit zu tun, dass er mal beim Bund war und sechseinhalb Jahre lang Personenschützer, sondern liegt an Kriegers neuem Job: Der 32-Jährige produziert Spielevideos, die er auf YouTube präsentiert. Als "Commander Krieger" filmt er sich beim Spielen von "Modern Warfare 3", "Battlefield 3" oder "Batman - Arkham City" - Spontanäußerungen wie "Junge!", "Yihaa!" und "Scheiße!" inklusive. Auf YouTube kommen die Clips so gut an, dass viele Spielefans Krieger längst an seiner Stimme erkennen. Seinen Videokanal haben mehr als 82.000 Nutzer abonniert.

Commander Krieger zählt zu den populärsten Protagonisten eines Internetvideo-Trends: dem Spielen vor laufender Kamera. Unter dem Schlagwort "Let's Play" existieren Videos zu Tausenden Spielen, die das jeweilige Spielerlebnis dokumentieren: in der Regel komplett vom Intro bis zum Abspann, vom Ableben bis zum Texturfehler, reportage-artig kommentiert. So kann man heutzutage auch ohne Gamepad das Scheitern im "New Super Mario Bros."-Finale miterleben, das Feldpflügen im "Agrar Simulator 2012" und die Story des 1999er-Geheimtipps "Outcast".

Anderen beim Spielen nur zuzuschauen mag unbefriedigend klingen. Letztendlich ist es jedoch wie beim Fußball: Ein gutes Spiel mit gutem Kommentar gefällt auch aus Beobachtersicht. Und das oft Zehntausenden von Zuschauern. Der Beginn eines hunderte Teile langen "Let's-Play"-Videos zu "Minecraft" zum Beispiel wurde in eineinhalb Jahren 2,8 Millionen Mal angeklickt - trotz der Eröffnungsworte: "Hallöchen Popöchen".

Spielevideos als Acht-Stunden-Job

Einige Videomacher bessern dank der Beliebtheit ihrer Spielmitschnitte das eigene Einkommen auf. Über das YouTube-Partnerprogramm können sich erfolgreiche Klicksammler an den Werbeeinnahmen der Plattform beteiligen lassen. André Krieger hat sich für diesen Weg entschieden und geht ihn vergleichsweise radikal - seit vergangenem Sommer lebt er ausschließlich von seinen Videos. "Ich investiere jeden Tag acht Stunden Zeit", erzählt er. "Mein Ziel ist es, täglich einen Gameplay-Clip hochzuladen, am liebsten noch mehr. Und es ist wichtig, die Community zu pflegen."

Krieger findet, dass die "Let's-Play"-Videos den Spielemarkt zumindest im Kleinen verändert haben. Dank der Clips könne man sich vor dem Kauf genauer über ein Spiel informieren. "Ein Trailer zeigt doch meistens nur die schönsten Szenen eines Spiels", sagt er. "Let's-Plays verraten dagegen, wie die Grafik wirklich aussieht und wie die Handhabung funktioniert." Sie könnten den Zuschauer daher für ein Spiel begeistern, aber auch innerhalb weniger Minuten dessen Schwächen offenlegen.

Diese Bedeutung der Clips ist auch den Spielefirmen bewusst. "Gut gemachte Videos können durchaus Einfluss darauf haben, was oder wie potentielle Spieler über das Spiel denken oder auch deren Spielerlebnis verändern", heißt es von Ubisoft, einem Spieleentwickler, der gegenüber SPIEGEL ONLINE angibt, solche Spielervideos "grundsätzlich zu tolerieren". Es sei schließlich in seinem eigenen Interesse, wenn Fans ihre Spielerlebnisse untereinander teilen.

"Mehr oder weniger kostenlose Werbung"

Auf die Toleranz der Firmen setzen viele Hobby-Kommentatoren, die ihre Videos veröffentlichen, ohne eine explizite Zustimmung des Rechteinhabers zu besitzen. Die sei eigentlich nötig, sagt Rechtsanwalt Markus Ihmor von GGR Rechtsanwälte, nach dessen Einschätzung etwa der Spielablauf, die Spielhandlung oder die Dialoge eines Videospiels urheberrechtlich geschützt sind. Wenn ein Video ohne Erlaubnis erscheint, bedeutet das trotzdem nicht automatisch, dass die Hersteller dagegen vorgehen. Rechtsanwalt Ihmor geht davon aus, dass die meisten Videos von den Firmen als "Fan-Art" toleriert werden. "Die Videos sind mehr oder weniger kostenlose Werbung für die Unternehmen", sagt er.

Diesen Eindruck teilen viele Spieler. Felix B., 19 Jahre alt und Betreiber des "Let's-Play"-Kanals "FelyyyTV", ist überzeugt davon, dass die Spiele in den meisten Videos positiv dargestellt werden. Schließlich wähle man für ein oft stundenlanges "Let's-Play" keine Titel aus, die einen selbst oder die Zuschauer langweilen. "Ich versuche immer, die Story des Spiels rüberzubringen und es nicht zu veralbern", sagt B., der mehr als 260 Videos veröffentlicht hat, darunter beispielsweise eines über den Weltraum-Horrorshooter "Dead Space 2".

Die Rechteinhaber äußern sich vage

Zur Frage, nach welchen Kriterien sie Video-Lizenzen vergeben, äußern sich die meisten Spielefirmen vage. Electronic Arts teilt mit, die Firma stehe "Let's-Play"-Videos "grundsätzlich erst einmal positiv" gegenüber, insofern ein "Mindestmaß an journalistischer Qualität" gegeben sei. Bei der Vergabe von Lizenzen sei entscheidend, "ob Inhalte von uns unangemessen verändert werden". Ein Beispiel dafür, was unangemessen ist, nennt die Firma nicht.

Auch Nintendo freut sich "grundsätzlich" über "Let's-Play"-Videos, "soweit sie einfach nur von Spiele-Fans für Spiele-Fans gemacht sind. […] Wenn wir allerdings feststellen, dass unsere Urheberrechte verletzt werden oder jemand Profit aus der Verletzung unserer Rechte schlägt, behalten wir uns rechtliche Schritte vor." Von Rockstar Games heißt es knapp, "die kommerzielle Nutzung jeglicher Art" sei gemäß den Nutzungs- und Lizenzbestimmungen der Spiele "grundsätzlich nicht erlaubt". Konkreter äußert sich die Firma auch auf Nachfrage nicht.

André "Commander" Krieger besitzt nach eigenen Angaben die Lizenzen, die für seine Videos nötig sind. Und nicht nur das: "Das Videomacher-Netzwerk, zu dem ich gehöre, kooperiert mittlerweile mit einem der großen Spielehersteller", erzählt er. "Das bedeutet, wenn ich Interesse an einem Spiel habe, muss ich nur anfragen, dann bekomme ich es kostenlos. Es gibt lediglich eine Voraussetzung: dass ich dazu ein YouTube-Video mache."

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