Episodenspiel "Life Is Strange"  Teenie-Leben mit Rückspultaste

Du bist 18, angehende Fotografin und kannst die Zeit zurückdrehen: Das Spiel "Life Is Strange" ist eine der größten Überraschungen des Jahres. Die interaktive Erzählung berührt gerade wegen ihrer ruhigeren Momente.

Max und Chloe: Beste Freundinnen im Spiel "Life Is Strange"
Square Enix

Max und Chloe: Beste Freundinnen im Spiel "Life Is Strange"


Hinweis: Der folgende Text handelt von den Episoden eins bis fünf des Spiels "Life Is Strange" - Handlungsdetails über die erste Episode hinaus werden aber nicht verraten.

Und dann ist das Spiel vorbei. Fünf Episoden war man Max Caulfield, die auf sich und ihre Freunde aufpassen musste, einer Verschwörung auf der Spur. Die immer wieder die Zeit manipuliert hat und doch vor allem auf der Suche war: nach sich selbst und ihren Wünschen. Es ist das Ende eines der interessantesten Spiele des Jahre. Ein passendes Ende.

"Life Is Strange" ist ein Spiel des französischen Studios Dontnod, das Stück für Stück erschienen ist. Eine interaktive Erzählung, die nicht weit entfernt ist von "The Walking Dead", "Heavy Rain" oder "Beyond: Two Souls". Sie alle sind Spiele, die verschiedene Erzählstränge haben, in denen Entscheidungen der Spieler über den Fortgang der Geschichte bestimmen.

Gleichzeitig ist "Life Is Strange" aber auch ein Spiel über das Erwachsenwerden und vor allem eines, in denen Spieler immer wieder daran erinnert werden, dass selbst kleine Entscheidungen Wirkungen haben und man zu ihnen stehen muss. Selbst wenn man die Zeit zurückdrehen kann wie Max Caulfield, die Protagonistin des Spiels.

Chloe mit Pistole: Die Welt ist gefährlich
Square Enix

Chloe mit Pistole: Die Welt ist gefährlich

Max gerät in einen Wirbelsturm

Max studiert an einer High School in einem Küstenstädtchen im Nordwesten der USA, Arcadia Bay. Sie ist angehende Fotografin und entdeckt durch einen Zufall, dass sie die Kraft hat, die Zeit zurückzudrehen. Die Chance, Momente zu löschen, neu zu gestalten und doch wichtige Informationen aus der ersten Version zu behalten.

Sie nutzt diese Kraft gleich, um einen Mord ungeschehen zu machen, ihre alte Schulfreundin Chloe zu retten und nach fünf Jahren Trennung wieder mit ihr zusammen zu sein. Dabei gerät Max in einen Wirbelsturm, der nicht nur metaphorisch ihre Gefühlswelt beschreibt, sondern auch ganz real Arcadia Bay bedroht.

Die folgenden Episoden sind eine Achterbahnfahrt durch die Gefühle eines Teenagers, ein Taumeln zwischen sorglosen Kindertagen und der Ungewissheit der Zukunft. Schwankend zwischen Glück, Schuld und Verzweiflung, so universell, dass man auch selbst immer wieder an eigene Schwächen, Ideen und Träume erinnert wird.

Das passiert so oft, dass man sich dabei ertappt, wie man sich selbst so eine Rückspulfunktion wünscht. Erst zum Schluss lernt man, dass es vielleicht vor allem darum geht, die eigenen Entscheidungen zu akzeptieren und das beste aus ihnen zu machen.

Folgen der Kraft: Nasenbluten im Zeitloch
Square Enix

Folgen der Kraft: Nasenbluten im Zeitloch

Kleine, nebensächliche Schwächen

"Life Is Strange" ist nicht perfekt, bei weitem nicht. Immer wieder gibt es Dialoge, bei denen man sich innerlich krümmt, immer wieder fällt auf, dass die Grafik technisch lange nicht perfekt ist oder dass die Lippensynchronisation nur rudimentär stattgefunden hat. Manche Motive tauchen auf, verschwinden wieder, manche Rätsel sind zu einfach, andere zu schwer. Und zwar nicht, weil sie wirklich schwer wären, sondern weil die Steuerung ein Bein stellt.

Doch das ist fast nebensächlich, schließlich gibt es immer wieder die großartigen Momente, in denen die Zeit still zu stehen scheint, in denen Max auf einer Wiese sitzt und einfach nur schaut. Momente, in denen das Spiel einen innehalten lässt und aus sich selbst eine ruhige Kraft schöpft und nicht gleich dem nächsten Höhepunkt nachjagt.

Stille und peinliche Situationen geschehen einfach

Die ähnlich konzipierten Titel "Heavy Rain" und "Beyond" von David Cage sind Spiele, die mit ihrer Hochglanzproduktion davon ablenken, dass sie viele Versprechen - und vor allem die emotionale Ansprache - nicht einhalten und mit großem Effekt enttäuschen.

"Life Is Strange" dagegen kann mit vergleichsweise simplen Mitteln immer wieder zutiefst anrühren und den Spieler über sich selbst nachdenken lassen. Die Entwickler von Dontnod haben das seltene Selbstvertrauen, Stille und peinliche Situationen einfach geschehen zu lassen.

Und wenn es in den ersten Episoden die ruhigen Momente sind, die so viel über Gefühle aussagen, so ist es in der letzten Episode eine längere Schleichpassage, die noch einmal klarmacht, wie komplex das Leben ist und was für ein großes Wunder es eigentlich ist, dass man halbwegs gut damit klarkommt. Und dass das Leben tatsächlich immer wieder seltsam ist.


"Life Is Strange" von Square Enix, Playstation 3 und 4, Xbox 360 und One, PC;
Englisch; ca. 20 Euro; ab 12 Jahren

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Seite 1
DjaliZwan 27.10.2015
1.
also meine Freundin war begeistert. Was aber neben der tollen Handlung auch vor allem daran liegt, dass es sich nicht wirklich wie ein Spiel anfühlt sondern wie ein Film. Von Herausforderung keine Spur. Nach einer halben Stunde habe ich den Controller in die Hand gedrückt bekommen und sie schnappte sich das Popcorn. Ein Computerspiel, das bei den Frauen erfolgreich ist. Weil es kein Spiel ist. Naja, einen Versuch war es wert.
kaynchill 27.10.2015
2. absolute und altersunabhängige Empfehlung
Meiner Meinung nach das beste Spiel des Jahres und damit eine erfreuliche Überraschung. Viele Episodenspiele haben den Makel, dass sie mehr versprechen als sie schließlich einhalten. Vor allem die angepriesene Entscheidungsfreiheit bleibt oft sehr flach und vorhersehbar. Bei LiS gibt es allerdings einige größere Entscheidungen, die tatsächliche Auswirkungen auf das Spiel haben und auch vermeintlich unscheinbare Dialoge und Handlungen können die Charaktere beeinflussen. Ich teile die negativen Punkte des Autors des Artikels - das Spiel ist nicht perfekt, aber bei weitem eindrucksvoller als alles, was es in diesem Genre gibt. Ein besonderer Pluspunkt gilt der Musikauswahl und der Grafik. Beides ist sehr verträumt, künstlerlisch und absolut stimmig. Mit realistischer Grafik würde das Spiel mMn überhaupt nicht funktionieren, erst durch die Ölgemälde-ähnliche Grafik wird die Kreativität transportiert. Leider geht aber auch einiges an Emotionen durch die mangelnde Mimik der Figuren verloren. Das Spiel ist übrigens nicht nur etwas für Teenager - diese Sorge hatte ich zu Anfang. Das Campus-Setting passt selbstverständlich gut zu den Themen der Selbst- und Entscheidungsfindung. Allerdings spricht das Spiel viele verschiedene Lebenslagen an, von Mobbing über Toleranz/ Akzeptanz bishin zur Frage was man aus seinem Leben macht. Eines der zentralen Themen ist der Tod, der in all seinen Facetten behandelt wird, womit das Spiel insbesondere im späteren Verlauf sehr düster wird. So romantisch oder kindisch es vielleicht manchmal dargestellt wird, beschönigt LiS nichts, sondern gibt dem Spieler im Gegenteil die Macht ein Stück weit Gott zu spielen und damit über Gewalt und Tod selbst zu entscheiden. Insgesamt ein Spiel das einem noch lange in Erinnerung bleiben wird. Nichts für ab und zu mal eine halbe Stunde Zeit vertreiben, dafür Wiederspielwert. Es bleibt zu hoffen, dass Episodenspiele als Genre weiter wachsen. LiS ist das beste Beispiel dafür, dass Computerspiele durchaus das Potenzial haben, mit guten Filmen und Fernsehserien mitzuhalten.
grummelier 27.10.2015
3.
Zitat von DjaliZwanalso meine Freundin war begeistert. Was aber neben der tollen Handlung auch vor allem daran liegt, dass es sich nicht wirklich wie ein Spiel anfühlt sondern wie ein Film. Von Herausforderung keine Spur. Nach einer halben Stunde habe ich den Controller in die Hand gedrückt bekommen und sie schnappte sich das Popcorn. Ein Computerspiel, das bei den Frauen erfolgreich ist. Weil es kein Spiel ist. Naja, einen Versuch war es wert.
Diese Sicht ist zu kurz gefasst. Ein wesentliches Element, was Life is Strange ausmacht, ist das eigenhändige Entdecken der Spielewelt, die viele Details zur Geschichte und zu den Charakteren bereithält, wenn man die Augen offen hält. Unzählige Fotos, Notizen und andere kleine Dinge lassen einen in Story, die Motive der Personen tiefer eintauchen. Das ist so in dem Umfang sicher eine Ausnahmeerscheinung im Bereich Gaming. Auch funktioniert dieses Entdecken, direkter, weil man ja eben selber die Figur steuern und all diese Dinge selber finden muss. Zudem kommt noch eben die markante Zeit-Rückspul-Funktion, die mit einigen teils nett gemachten Rätseln verbunden sind. Sicher, keine Gameplay-Revolution, aber doch entscheidend für das Hineinversetzen in die sympathische Hauptperson Max Caulfield. Und dass die Handlung auch sehr gut erzählt wird und zu einem deutlichen größeren Maße emotional berührt als die Mehrheit der Spiele, die sonst so die Verkaufscharts dominieren, wurde schon vielfach im Internet gesagt. Dieses Spiel ist ein Ausnahmewerk und wird sicherlich einen besonderen Platz in der Gaming-Geschichte haben.
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