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26. September 2018, 18:35 Uhr

"Life is Strange 2" im Test

Ein Spiel, das zu 2018 passt

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"Life is Strange 2" erzählt die Geschichte zweier Brüder auf der Flucht - und konfrontiert den Spieler mit amerikanischem Alltagsrassismus und Polizeigewalt. Viele Momente sind unangenehm, aber das ist gut so.

Spoiler-Hinweis: Diese Rezension verrät grob, worum es in der ersten Episode des Spiels geht.

Ist Sean ehrlich zu seinem Vater und sagt ihm, dass er das geliehene Geld für Alkohol und Marihuana ausgeben wird? Oder erwähnt er das lieber nicht? Fragen wie diese muss der Spieler im neuen Videospiel "Life is Strange 2" beantworten - indem er immer wieder per Tastendruck entscheidet, wie die Geschichte weiterläuft.

Später, im Rückblick, wirkt die Entscheidung rund ums Geld fast lächerlich simpel. Denn dann überlegt man zum Beispiel, wie Sean seinem kleinen Bruder Daniel nahebringen soll, dass ihr Vater erschossen wurde, dass sie seitdem auf der Flucht sind.

Leiten lassen vom Schriftzug

"Life is Strange 2", dessen Auftakt-Episode Donnerstag erscheint, ist ein Spiel für PlayStation 4, Xbox One und PC, es wurde vom Studio Dontnod entwickelt. Ein Spieler der Vorgänger - "Life is Strange" und der Vorgeschichte "Life ist Strange: Before the Storm" - wird nicht lange brauchen, um sich zurechtzufinden. Denn spielmechanisch wird er überhaupt nicht gefordert.

Wie zuvor bewegt sich der Spieler durch eine recht begrenzte Spielumgebung - mal durch das Wohnhaus der Brüder, dann durch einen Waldabschnitt oder eine kleine Tankstelle samt Lädchen. Noch immer gilt es, die Gegend zu erkunden, jene Gegenstände, Türen oder Personen zu finden, die per Schriftzug als interaktionsfähig deklariert werden. Dann öffnet man den Kühlschrank, entzündet im Wald ein Feuer oder spricht eine Familie an, die vor der Tankstelle ein Mahl zu sich nimmt.

Der Reiz von Spielen wie "Life is Strange 2" ist jedoch nicht das Absuchen von Interaktionsmöglichkeiten. Es sind die Interaktionen selbst, die fordern können. Dann nämlich, wenn es darum geht, zu entscheiden. Wie verhält sich Sean seinem Bruder gegenüber? Ist er verständnisvoll, gereizt, gleichgültig? Diese Entscheidungen summieren sich und verändern den Lauf des Spiels, der sich auch dieses Mal wieder über mehrere Episoden erstreckt, die nach und nach veröffentlicht werden.

Die Geschichte macht es neu

Wirklich neu an "Life is Strange 2" sind letztlich einzig die Geschichte und die Direktheit, mit der aktuelle politische Themen verhandelt werden. Die Prämisse der Geschichte ist kurz erzählt. Sean und sein Bruder Daniel wachsen in Seattle auf. Er ist im Teenager-Alter, Daniel noch ein Kind. Der Vater wurde in Mexiko geboren, wanderte in die USA ein und erzieht die beiden nun allein.

Durch einen unglücklichen und unverschuldeten Umstand wird der Vater von Sean und Daniel von einem Polizisten erschossen. In Bruchteilen einer Sekunde ist zu sehen, dass der Polizist daraufhin von einem kraftvollen Stoß weggefegt wird - es sind also übernatürliche Kräfte im Spiel. Daraufhin sind die beiden Brüder auf der Flucht.

Bereits in der ersten Episode entfaltet diese Geschichte eine Brisanz, die die bisherigen "Life is Strange"-Teile nicht boten. Diese handelten von der persönlichen Geschichte einer jungen Frau, die zwischen Uni, Verliebtheit und ihren zeitverändernden Kräften hin und her tapste. Zwar hat "Life is Strange 2" diese persönliche Komponente auch, doch wird diese gerahmt von einer Erzählung über Polizeigewalt und Rassismus in den USA.

Momente, die großes Unbehagen hervorrufen

Mit einer von Videospielen eher ungewohnten Direktheit treffen die beiden Brüder auf ihrer Flucht auf rassistische Menschen und müssen mit diesen umgehen - wie auch der Spieler. Es ist die Rede von Trumps Mauer; der Hass auf Menschen mexikanischer Herkunft starrt aus den Augen vieler Menschen. Die beiden erfahren durch Zeitungen, dass der Tod des Vaters Proteste ausgelöst hat. Dass in ihrer Heimatstadt Seattle nunmehr die Polizeigewalt an nicht weißen Menschen die Schlagzeilen bestimmt. Diese Momente können ein großes Unbehagen hervorrufen. Diese Momente sind die wichtigsten des Spiels. Das Neue daran.

"Life is Strange 2" ist ein starkes Beispiel dafür, wie Videospiele eine aufwühlende und herausfordernde Geschichte erzählen können - jedoch auf ziemlich konventionelle Art, die aus dem Film stammt. Zwar hat der Spieler eine gewisse Entscheidungsfreiheit und in einigen Situationen ist genau diese Freiheit auch die Stärke des Spiels, da so eine Reibung entsteht, die Filme nicht kennen. Hier kann man unangenehme Momente nicht nur anschauen, sondern beeinflussen. Dennoch geschehen diese Interaktionen des Spielers eher im Kleinen, oft bleibt er passiv.

Daher stellt sich dann auch die Frage, wie lange es noch dauert, bis sich dieses Spielprinzip selbst überholt hat. Bis diese Entscheidungsmomente nicht mehr spannend sind, sondern nur noch gewohnt. Gerade erst wurde das Aus des Spielestudios Telltale Games bekannt, das Spiele herstellt, die ähnlich funktionieren wie die von Dontnod. Die Verkäufe blieben aus, die Spieler waren wohl gelangweilt.

Insgesamt passt "Life is Strange 2" in ein Jahr, in dem schon Spiele wie "Far Cry 5" oder "Spider-Man" auf den aktuellen politischen Diskurs reagierten. Es passt in eine Zeit, in der persönliche, interaktive Geschichten wohl mehr bewirken können als trockene Mahnungen und Apelle. "Life is Strange 2" lohnt, gespielt zu werden. Mit der Hoffnung jedoch, dass diese Art Spiel schnell wieder aus der Sackgasse herausfindet.

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