"Mafia III" im Test Dieses Angebot können Sie ausschlagen

Der amerikanische Süden, Vietnam, Rassismus, der Sound der Sechzigerjahre: "Mafia III" hat ein unverbrauchtes Setting und hätte großartig werden können. Doch nach einem furiosen Start kippt das Spiel.

2K Games

Spoiler-Hinweis: Dieser Text enthält nur grobe Details zur Handlung des Spiels.

Lincoln Clay hat eine Mission: Nachdem sein Mentor vom Mafia-Boss von New Bordeaux aus dem Spiel genommen wurde, ist er besessen davon, Rache zu üben und selbst die Stadt zu übernehmen. Dabei schreckt der Vietnamveteran vor kaum einer Grausamkeit zurück und nimmt die Mafia von außen ins Visier. Das ist bei "Mafia III" anders als in den Vorgängern, in denen es noch darum ging, sich innerhalb der Organisation hochzuarbeiten.

Die "Mafia"-Serie war von Anfang an umstritten. Fans haben die Spiele geliebt: Die von einem tschechischen Studio erfundene Reihe war immer detailverliebt, hatte eine gute Geschichte, viel Atmosphäre. Kritisiert wurde sie oft für das Gameplay und dafür, dass sie zwar großartige Kulissen hatte, es darin aber wenig zu tun gibt.

"Mafia III" sollte es anders machen. Entwickelt wurde das Spiel erstmals in einem amerikanischen Studio. Immer wieder aber hat man das Gefühl, dass dort zwei verschiedene Teams am Werk waren, die vor allem eins nicht durften: miteinander reden.

Der Anfang ist großartig

Anders lässt sich vieles im Spiel nicht erklären. Auf der einen Seite stehen die großartigen ersten zwei bis drei Stunden. In denen fügen sich Geschichte und Hintergrund zu einer einzigartigen Welt zusammen. Die auf New Orleans basierende Stadt New Bordeaux wird zu einem Kaleidoskop der ausklingenden Sechzigerjahre, einige Einblicke gibt unsere Fotostrecke.

Die Hauptfigur Lincoln Clay, ein schwarzer Vietnamveteran, erfährt institutionellen und individuellen Rassismus. So gut, dass man als Spieler mitfühlen kann. In reicheren Vierteln wird er misstrauisch beäugt, Polizeistreifen fahren extra langsam an ihm vorbei, in ärmeren Vierteln wird er von Weißen beschimpft. Es gibt Geschäfte, in denen er nicht zu lange sein darf, weil sonst die Polizei gerufen wird.

Gleichzeitig ist es ein Genuss, Radio zu hören und durch die Stadt zu fahren. Von dem von Jazzkneipen geprägten French Ward bis in die Einsamkeit des Bayou. Soul, Rock, Jazz, Country: Jeder Song unterstreicht das Lebensgefühl, zeigt eine verängstigte Nation, die am Rande eines Umbruchs steht - die auf einmal Minderheiten Rechte zugestehen muss.

Aus der Gangstergeschichte wird ein Zeitenbild

Lincoln Clay nimmt sich seine Bürgerrechte als Mitglied einer Black Mafia. Seine Geschichte wird in Rückblicken erzählt. Interviews mit Mitstreitern, Gegnern, Freunden erhellen nach und nach das Geschehen und geben dem Spiel damit etwas Dokumentarisches, sie machen aus einer Gangstergeschichte ein Zeitenbild. Sie sind so gut, dass man auf immer mehr Zwischensequenzen hofft.

Und dann kippt das Spiel nach einiger Zeit - oder das andere Team übernimmt. Aus einer recht linearen Erzählung wird "Mafia III" zu einem Open-World-Spiel und verliert sich in einer zu großen Welt. Schade daran sind nicht die zahlreichen Fehler, von denen es bei YouTube einige amüsante Zusammenstellungen gibt. Doch auch wenn jeder Bug und jeder Absturz ärgerlich und einer zu viel ist: Technische Fehler, so nervig sie für manchen Spieler derzeit sein mögen, können mit Updates behoben werden.

Das eigentliche Spiel aber kann kaum noch interessant gemacht werden, weil es im Grunde eine einzige Mission hat, die dutzendfach wiederholt wird: Zu einem Ort fahren, alle Gegner ausschalten und ein Geschäft der Mafia übernehmen. Es geht darum, einzelne Stadtbezirke einzunehmen. Das geschieht, indem man zuerst Unterbosse ausschaltet, indem man zuvor ihre Geschäfte gestört hat. Sind mehrere Unterbosse ausgeschaltet, darf man sich an einem Capo versuchen, bis man schließlich ganz oben in der Hierarchie angelangt.

Töten, schleichen, pfeifen

Das wäre alles kein Problem, wenn es wenigstens ab und an etwas Abwechslung gäbe. Aber nein: Manchmal darf man sich innerhalb kürzester Zeit gleich zweimal durch das gleiche Gebäude kämpfen. Das ist öde, auch weil die Gegner vor allem eins sind: dumm. Schleichen, pfeifen und damit Gegner anlocken, töten, schleichen, pfeifen. Etwas schwieriger wird es im offenen Kampf, aber auch der ist immer gut zu schaffen.

Nicht viel besser wird "Mafia III" durch die Entfernungen zwischen den Missionen. Wenn man zuerst mit einer Person sprechen muss, die eine Meile entfernt ist, dann zu einer anderen Person fahren muss, die eine weitere Meile entfernt ist, um dann zur eigentlichen Aufgabe weitere drei Meilen zu fahren, ist die Geduld schnell am Ende. Da bringt es auch nicht viel, dass die Fahrten mit der richtigen Musik im Radio oft die besten Teile einer Mission sind.

Viel Potenzial nicht genutzt

"Mafia III" ist eine vertane Chance: Es ist ein Spiel, das vielversprechend startet, eine sehr gute Atmosphäre schafft und einen Zeitgeist passend einfängt, das alle Zutaten hat, eines der wirklich großen und wichtigen Spiele zu werden.

Es ist ein Spiel, bei dem man einfach möchte, dass es gut ist, weil es das Potenzial dafür hat. Weil es zeigen könnte, dass Spiele relevante Geschichten auch im Gangster-Setting erzählen können. Am Ende bleibt "Mafia III" aber nur ein Spiel, bei dem man sich immer wieder fragt, wie es so weit kommen konnte, dass es sich ständig selbst ein Bein stellt und sich mit einem öden Missionsdesign und zahlreichen Unstimmigkeiten aus dem Rennen nimmt.


"Mafia III" von 2K Games, für PC, Playstation 4 und Xbox One; ab 40 Euro; USK: Ab 18 Jahren

Zum Autor
  • Carsten Görig liebt obskure Bands, seine Gitarre und seine Familie. Seit vielen Jahren schreibt er außerdem über Videospiele.


insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
philipp_jay 14.10.2016
1. völlig
korrekte Einschätzung in meinen Augen. Es hätte(!) so ein tolles Spiel werden können und ist im Endeffekt nur eine Wiederholung der immer gleichen Mission. Soviel verlorenes Potential. Traurig.
A.Stark 14.10.2016
2. Sehr freundliches Review
Was die technischen Probleme des Spiels angeht, hat Herr Görig sehr große Milde walten lassen. In den ersten Tagen nach der Veröffentlichung stürzten die Bewertungen von Mafia 3 bei Steam auf "durchschnittlich" ab - eine Katastrophe für einen AAA-Titel. Grund dafür waren genau diese technischen Probleme, von denen manche, wie die zwangsweise Drosselung auf 30 FPS, sogar von den Entwicklern gewollt waren. Aber auch die klassischen Bugs, d.h. Abstürze in Massen, Skriptingfehler (Missionen werden nicht als beendet anerkannt) und schwere Grafikfehler sind in großer Zahl vorhanden. Der große Kritikpunkt von Herr Görig, nämlich das den Entwicklern nach zwei bis drei Spielstunden die Ideen für ein spannendes Spiel ausgegangen sind, ist vermutlich in den noch jungen Bewertungen bei Steam und anderen Benutzportalen noch gar nicht zum tragen gekommen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die Zahl negativer Stimmen noch deutlich erhöhen wird sobald genügend Spieler weit genug im Spielverlauf fortgeschritten sind, um die Monotonie zu erkennen. Viele Spieler schreiben geben auch erst eine Bewertung ab, wenn sie ein Spiel wenigstens einmal durchgespielt haben. Es zeichnet sich bereits der Trend ab, dass solche Spieler eher negativ über Mafia 3 urteilen. Die Zahl solcher späten Bewertungen werden eher noch steigen. Die "großartige" Geschichte und Charakterentwicklung, die angeblich in Mafia 3 gezeigt werden soll, empfinden darüber hinaus viele Spieler als eher durchschnittlich. Die falsche Wahrnehmung, dass diese Aspekte so überragend seien, liegt eher daran, dass man daran gewöhnt ist in Computerspielen völlig einseitige Charaktere und Geschichten präsentiert zu bekommen, bei denen das Gute bzw. Böse offensichtlich ist. Die düstere Welt, die in Mafia 3 gezeichnet wird, ist da zwar etwas kontrastreicher. Dennoch wird dem Spieler nach kurzer Zeit klar, was die Konstante des Spiels ist: Alle sind irgendwie böse, alle lügen und heucheln irgendwie, alle wollen Dir irgendwie in den Rücken fallen. Das erinnert mich an das "Doom 3-Phänomen". Doom 3 sollte nicht in erster Linie ein Splatterspiel wie die ersten beiden Teile sein, sondern es sollte auch der Horror des Unerwarteten da sein. Monster die hinter dunklen Ecken lauern. Das Problem: Hinter jeder dunklen Ecke lauerte ein Monster - womit der Schrecken berechenbar und damit negiert wird. Jeder Charakter in Mafia 3 betrügt einen irgendwie, egal wie motivationslos. Da macht man sich keine Gedanken mehr ob man einem Charakter trauen soll, denn man weiß, dass man irgendwann von jedem irgendwie betrogen wird. Mafia 3, das ist - um einmal die am meisten genannten Punkte in den Steam-Reviews zu nennen - ein Spiel mit erheblichen technischen Problemen, mittelmäßiger Grafik, einem grandios gutem Soundtrack, einer sich leer anfühlenden Open-World, dummer AI, berechenbaren Charakteren, guter Story und null Wiederspielwert.
böser-sachse 14.10.2016
3. Ein Problem an den heutigen Spielen
Ein Problem an den heutigen Spielen ist, das sie zu einfach sind. Früher gab es auch Spiele wo man ständig gescheitert ist. Das ging ab der Playstation 2 Generantion los. Das sie viel zu leicht wurden. Wenn ich zb an Driver(PS1) denke, wo sehr viele Spieler an der ersten Mission gescheitet sind. Noch besser die Zeit vorher als nur Sega und Nintendo gab und man wirlich Tage oder Wochen brauchte um ein Spiel zu schaffen. Ich zocke schon seid Jahren nicht mehr, es macht halt keine Spass mehr, weil man oft schon nach 1 oder 2 Tage fertig ist.
ohne_mich 14.10.2016
4. @ #3
Die meisten Spiele haben doch eine Auswahl des Schwierigkeitsgrades. Und keines der Spiele, die ich in letzter Zeit gespielt habe, hatte man in 1-2 Tagen durch. Dies geschieht nur bei vielen Blender-Titeln, wie die CoD-Serie oder ähnlichem. Gute und "große" Titel, wie The Witcher 3, fesseln 150 Stunden oder mehr an den Rechner.
dasistdasende 14.10.2016
5. Gutes Review
Gutes Review eine Computerspiels. Hätte ich SPON gar nicht zugetraut. ;) Ja, in seiner gegenwärtigen Form kann man sich Mafia III eigtl. schenken. Für die Action Anteile genügt dann auch jeder x-beliebige FPS. Die Story fand ich schon am Anfang nicht prickelnd. Wahrscheinlich verbinde ich Mafia halt immer mit einem italienischen Setting. Auch wenn dies natürlich in der Realität nicht der Fall ist. Und nach kurzer Zeit ist damit sowieso nicht mehr viel los. Das Spiel kann man sich sparen, besonders zu dem Preis.
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