"Microsoft Flight Simulator 2020" ausprobiert Endlich wieder abheben

Nach jahrelanger Pause hat Microsoft seinen beliebten Flugsimulator wiederbelebt - realistischer und optisch beeindruckender als je zuvor. Wir sind ins Cockpit einer Vorabversion gestiegen.
Von Captain Matthias Kremp
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Und los geht es: Start eines Airbus im neuen Flugsimulator

Foto: Microsoft

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Cockpit einer Extra 330LT und passiere gerade in 5000 Fuß Höhe die kleine Stadt Omegna am Nordende des Ortasees in Italien. Kurz vorher habe ich mir aus der Luft das alte Kloster auf der Isola di San Giulio angeschaut. Vor zwei Jahren war ich noch persönlich da, bin mit einem Kajak von Pella aus auf die Insel gepaddelt. Dieses Jahr muss ein virtueller Besuch genügen. Denn natürlich sitze ich nicht wirklich am Steuer eines einmotorigen Propellerflugzeugs: Ich bin mit dem "Microsoft Flight Simulator" unterwegs.

Nachdem der Windows-Konzern 2009 die Entwicklung seines Software-Klassikers eingestellt hat, kommt im August eine neue Version auf den Markt, die nicht bei Microsoft in Redmond, sondern vom französischen Spielehersteller Asobo Studio in Bordeaux entwickelt worden ist.

Der Grund, weshalb man gerade jetzt angefangen hat, den "Flusi", wie Fans ihn nennen, wieder aufleben zu lassen, sei nicht so sehr die leistungsfähigere PC-Hardware, die es heute gibt, sagt der aus Deutschland stammende Entwicklungschef Jörg Neumann. Entscheidender seien die Cloud und Bing Maps.

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Das ist der "Microsoft Flight Simulator 2020"

Foto: Microsoft

Beeindruckende Flüge am Rechner

Zwar kann man den neuen Flugsimulator auch offline nutzen - und auch dann sieht seine virtuelle Welt schon besser aus als in allen seinen Vorgängern. So richtig gut wird er aber erst, wenn man ihn kräftig an der Datenleitung saugen lässt. Denn dann lädt die Software kontinuierlich aktuelle Daten aus der Cloud nach. Von Bing Maps auf Basis von Satelliten- und Luftaufnahmen erzeugte Geländeinformationen bestimmen, wo welche Bäume platziert werden und wie die Häuser aussehen.

Mein Flug über die Alpen wirkt deshalb kaum weniger beeindruckend, als eine Reise in einem echten Flugzeug, zumindest soweit ich das beurteilen kann. Denn normalerweise bin ich an Bord von Flugzeugen nur Passagier. Hier jedoch kann ich Pilot sein, theoretisch jedenfalls.

Praktisch klappt das nicht so gut, weil das bestellte Steuerhorn irgendwo auf dem Postweg aus den USA verloren gegangen ist. Also muss ich die Maschine mit Tastatur und Maus befehligen. Weil das ziemlich wackelig ist, überlasse ich die Steuerung meist einem Piloten aus künstlicher Intelligenz. Das ist zwar lange nicht so spannend, wie das Flugzeug selbst zu fliegen, gibt mir dafür umso mehr Gelegenheit, das wunderbare Alpenpanorama zu bewundern.

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Gerade überfliege ich Lodrino, bin also schon in der Schweiz. Die Berge werden höher, also steige ich auf 10.000 Fuß. Die kleine Extra wird dabei heftig von den Winden hin- und hergeworfen, die in der Nachmittagssonne an den steilen Hängen entstehen. Ich stelle mir vor, wie ich reflexartig zur Spucktüte greifen würde, säße ich jetzt wirklich in diesem Flugzeug, das mit der virtuellen Außenkamera betrachtet aussieht, als würde es von unsichtbaren Fäusten geprügelt.

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Das Wetter vor der Haustür herrscht auch im Computer

Manches von dem, was man sieht, wird aber auch vom Computer passend zur Region generiert. Deshalb sehen beispielsweise Bäume und Hausdächer in Italien anders aus als in Indonesien. Das sieht toll aus, perfekt ist es nicht. In den Alpen entdecke ich immer wieder halb im Berg versunkene Gebäude. Aber wenn ich tief genug fliege, sehe ich auf den Straßen auch Autos, Busse, Lastwagen umherfahren. Wo und wie viele davon wann und wo unterwegs sind, wird anhand realer Daten bestimmt.

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Das gilt auch für das Wetter. Anhand von Messwerten, die von einem Dienstleister zugeliefert werden, errechnet der "Flight Simulator" ein Wettermodell mit bis zu 60 Ebenen, vom Bodennebel bis zu Cirrus-Wolken in zwölf Kilometer Höhe. Wenn ich frühabends auf dem virtuellen Hamburger Flughafen zu einem Flug in die Dänische Südsee aufbreche, herrscht im Simulator also dasselbe Wetter wie vor meiner Haustür - wenn ich es will. Denn falls es mir lieber ist, kann ich es auch schneien lassen oder über der Ostsee einen Sturm entfachen.

Testflug auf unserem Rechner: So sieht der "Flight Simulator" beim Fliegen aus

Foto: Microsoft

Trümmerfreier Absturz

Aber jetzt versuche ich erst mal, die kleine Extra zu landen, was ohne Joystick ein abenteuerliches Unterfangen ist. Mit einem der großen Jets wäre das sicher leichter. Der Airbus A320neo und die Boeing 747-8i, die ich auch fliegen könnte, haben Autopiloten, die die dicken Brummer zur Not sicher zu Boden bringen. Aber mit einem solchen Flieger hätte ich weder von der Grasbahn auf dem winzigen Flugplatz in Norditalien abheben, noch auf dem Bodensee-Airport in Friedrichshafen landen können.

Mein Landeversuch jedenfalls scheitert. Zuerst gebe ich dem KI-Käpt'n den Vortritt, der einen perfekten Landeanflug hinlegt, nur um dann 20 Meter neben der Piste knapp übers Gras zu fliegen, ohne die Räder auf den Boden zu bekommen. Als ich die Kontrolle übernehme, um den Fehler zu korrigieren, ist es schon zu spät. Meinen Versuch durchzustarten, quittiert die Maschine mit einem viel zu steilen Aufstieg, dem ein ebenso steiler Sturzflug folgt. Kurz vor dem Absturz wird der Bildschirm schwarz, es gibt kein Krachen, keine umherfliegenden Trümmerteile.

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Microsoft-Manager Neumann erklärt, dies mache man aus Rücksicht auf die Flugzeughersteller so. Schließlich arbeite man mit denen bei der Konstruktion der digitalen Flugzeuge eng zusammen - manche entsenden demnach sogar ihre Testpiloten, um die virtuellen Flieger auf die Probe zu stellen. Da wolle man die Flugzeuge der Firmen nicht als digitale Trümmerhaufen zeigen.

Für mich steht nach meinen ersten ruckeligen Ausflügen mit der Preview-Version des "Flight Simulator" fest: Davon werde ich so schnell nicht wieder loskommen. Erstmal muss ich zusehen, dass ich ein paar vernünftige Steuergeräte besorge, damit ich die Maschinen selbst pilotieren kann. Und dann wird wohl ein neuer PC fällig, denn neben ausreichend Internet-Bandbreite braucht man vor allem einen schnellen Rechner mit einer ebensolchen Grafikkarte, damit der neue Flugsimulator seine Möglichkeiten voll ausspielen kann. Auf unserem Testrechner mit einer Geforce RTX 2070 Super war das Erlebnis zwar schon faszinierend - aber ich glaube, da geht noch was.