Legendäres Videospiel Jetzt will "Minecraft" auf die Straße - wie "Pokémon Go"

Das Videospiel "Minecraft" ist weltweit populär. Nun soll die Marke mit einem Kinofilm und dem neuen Mobilgame "Minecraft Earth" ausgebaut werden. Unser Autor Markus Böhm hat erlebt, wie darin Digital- und Realwelt verschmelzen.

Markus Böhm/ SPIEGEL ONLINE

"Was für Kinder."
"Längst tot."
"Auch nur ein Spiel."

So etwas hört man öfter über "Minecraft" - gerade jetzt, denn diesen Freitag wird das Abenteuer- und Weltenbauspiel zehn Jahre alt. Doch vieles von dem, was solche Sätze nahelegen, ist nur die halbe Wahrheit - das zeigt ein Besuch bei Mojang, den Machern von "Minecraft". Am Firmensitz in Stockholm konnte ich auch gleich eine Augmented-Reality-Version des Spiels namens "Minecraft Earth" ausprobieren.

Eingang von Mojang
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Eingang von Mojang

An "Minecraft" wird im Viertel Södermalm gearbeitet, im ehemaligen Büro von Skype. Das Spiel war 2009 als Einmannprojekt von Markus "Notch" Persson gestartet. Der sagte in einer Videodoku zu den Anfängen des Spiels, er wolle kein "großes Büro mit, ich sage mal, 150 Leuten". Heute werden Spiel und Marke von ungefähr 160 Menschen betreut.

Fast jeden Arbeitsplatz bei Mojang zieren Fandevotionalien, im Gemeinschaftsraum steht ein Regal mit Branchenawards neben einer Tischtennisplatte. Abwechslung von der Klötzchenwelt bieten auch Arcade-Automaten und Flipper wie "Attack from Mars", ebenso Gesellschaftsspiele wie "Munchkin" und "Catan".

Regal bei Mojang
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Regal bei Mojang

In einem der Fanbriefe, die im Foyer hängen, bedankt sich jemand, dass "Minecraft" seine Familie, die sich stets gestritten habe, zusammengebracht habe. In einem anderen fragt ein Lehrer aus Deutschland, wie es sei, bei Mojang zu arbeiten - und ob Kinder lernen sollten, mit der Hand zu schreiben.

Immer noch Briefe an "Notch"

Adressiert ist dieser Brief wie viele an Markus "Notch" Persson, der aber schon seit Ende 2011 nicht mehr aktiv an "Minecraft" mitarbeitet - und der heutzutage auch mit Tweets zu Verschwörungstheorien wie "QAnon" und "Pizzagate" auf sich aufmerksam macht.

Persson hatte sich 2014 von Mojang verabschiedet - als Milliardär, denn Microsoft kaufte das von ihm mitgegründete Studio und die Marke "Minecraft" damals für 2,5 Milliarden Dollar.

Auf die Frage, ob Perssons Tweets im Studio noch ein Thema seien, sagt Kreativchef Jens Bergensten: "Nein." Man fühle sich mittlerweile "weit weg von 'Notch' und seinen Ansichten".

In der Welt von "Minecraft" haben Verschwörungstheorien keinen Platz. Hier lässt sich fast alles mit Logik erklären. Jedes noch so große, noch so komplexe Bauwerk besteht aus Blöcken, so dass es auch jeder andere Spieler - genug Zeit vorausgesetzt - nachbauen könnte. Wenn es ein Spiel gibt, das für "Selbstwirksamkeit" steht, dann "Minecraft": Hier hat man ständig das Gefühl, etwas schaffen und erschaffen zu können.

Mojang-Foyer
Markus Böhm/ SPIEGEL ONLINE

Mojang-Foyer

Microsofts Vorzeigeprodukt

Für Microsoft ist es die Zugangskarte in die Welt junger Spielefans. Anders als Windows, Outlook, Word oder der Internet Explorer ist "Minecraft" für den Konzern ein Produkt mit einem unbefleckten Image. Microsoft-Boss Satya Nadella sagte beim Kauf, "Minecraft" sei mehr als eine Gamingmarke, nämlich eine "Open-World-Plattform, angetrieben von einer lebhaften Community."

Auch Mojangs Mitarbeiter sehen sich gern als Macher von etwas, das die Welt verbessere - etwa, weil es als Spiel ohne vorgegebenes Ziel die Kreativität fördert oder durch seine Pixeloptik die Vorstellungskraft anregt. Weil es Kinder an Themen wie Architektur, Kollaboration und Programmieren heranführt. Weil es eine "Minecraft"-Version speziell für den Unterricht gibt. Oder weil die Entwickler versuchen, keine Klischees zu bedienen. So wird beispielsweise das Geschlecht von Kreaturen der Fantasie der Spieler überlassen.

Mojang-Mitarbeiter
Mojang

Mojang-Mitarbeiter

Tatsächlich ist "Minecraft" so kinderfreundlich und - wenn ein Spieler das will - zugleich so komplex und veränderbar wie kaum ein anderes Spiel. Fans erweitern das Spiel ständig, mit sogenannten Mods. In "Minecraft" wurden auch schon riesige Fantasywelten wie Mittelerde aus "Herr der Ringe" und Westeros aus "Game of Thrones" beziehungsweise "Das Lied von Eis und Feuer" nachgebaut (siehe Fotostrecke):

Fotostrecke

20  Bilder
Ein Jahrzehnt Klötzchen-Spiel: Das Phänomen "Minecraft"

176 Millionen Mal verkauft

Binnen zehn Jahren hat sich "Minecraft" 176 Millionen Mal verkauft - erfolgreicher war bisher nur "Tetris". Von Survival und Crafting über prozedural generierte Welten bis hin zum Vertriebsmodell, bei dem Fans schon unfertige Versionen spielen durften, hat es zahlreiche Gaming-Trends befeuert. Mittlerweile kann es auf 20 Plattformen gespielt werden, von Smartphones bis zu Virtual-Reality-Headsets.

Ansichten wie jener, nach der "Minecraft" ein Kinderspiel sei, das seine besten Tage hinter sich habe, stellt Mojang Zahlen entgegen:

  • Mojang-Geschäftsführer Jonas Mårtensson etwa erzählt, dass das Durchschnittsalter der "Minecraft"-Spieler in den USA 24 Jahre betrage. 39 Prozent der Spieler seien Frauen.
  • Zuletzt kam "Minecraft" auf 91 Millionen monatlich aktive Nutzer. 2014 waren es erst 31 Millionen. Am meisten gespielt wird "Minecraft" laut Mojang in China (wo es nicht verkauft, sondern als Free-to-Play-Spiel angeboten wird), in den USA und in Russland.
  • Und Mojangs Auswertungen zufolge ist "Minecraft" auch mehr als "nur ein Spiel", da Fans nur die Hälfte ihrer "Minecraft"-Zeit spielend verbringen. Die andere Hälfte fließt etwa in Gespräche und Netzrecherchen zum Spiel und in "Minecraft"-Bücher oder -Videos.
Mojang-Mitarbeiter vor einlaufenden Daten
Markus Böhm/ SPIEGEL ONLINE

Mojang-Mitarbeiter vor einlaufenden Daten

2022 kommt der große Kinofilm

Dass sich die Fans so intensiv mit dem Spiel beschäftigen, macht Mojang Hoffnung, dass seine Marke noch viel Potenzial habe. Das Unternehmen hat auch schon einige neue Ideen:

  • Anfang 2022 kommt ein "Minecraft"-Film ins Kino, der sich um die Abenteuer einer Teenagerin und ihrer Freunde dreht - mit echten Schauspielern. Regie führen wird Peter Sollett ("Nick und Norah - Soundtrack einer Nacht").
  • In Seattle gibt es ab Oktober eine größere "Minecraft"-Ausstellung, im Museum of Pop Culture (MoPop).
  • Weiter geht es auch beim Merchandising, zu dem Rucksäcke, Stofftiere und Dekoartikel gehören - Ravensburger etwa bringt ein "Minecraft"-Brettspiel heraus. Chief Content Officer Vu Bui kann nur schätzen, wie viele Fanartikel es schon gibt: "Das dürften Tausende sein."
"Minecraft"-Merchandising
Markus Böhm/ SPIEGEL ONLINE

"Minecraft"-Merchandising

  • Auch im Bereich Gaming sieht Mojang Wachstumschancen - durch Spieleprojekte, die zu groß sind, um sie in "Minecraft" selbst einzubauen. Ein Team arbeitet am Ableger "Minecraft: Dungeons", der sich an Actionrollenspielen wie "Diablo" orientiert, aber zugänglicher sein soll. Bis zu vier Spieler werden sich darin gemeinsam durch Verließe voller Monster kämpfen können.
"Minecraft: Dungeons"
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"Minecraft: Dungeons"

"Minecraft Earth" - das nächste "Pokémon Go"?

Das ambitionierteste Projekt im "Minecraft"-Universum jedoch ist aus einer "Minecraft"-Demo für Microsofts Datenbrille HoloLens hervorgegangen und soll neue Zielgruppen erreichen: "Minecraft Earth". Dahinter verbirgt sich eine Smartphone-App, die in Redmond bei Microsoft entwickelt wird und die vor allem auf eine Verknüpfung mit der echten Welt und auf Augmented Reality (AR) setzt. In Stockholm konnte ich einen Prototypen des Spiels, das im Sommer in die Betaphase gehen soll, einige Minuten lang ausprobieren.

Werbebild zu "Minecraft Earth": Gemeinsam bauen im Park
mojang

Werbebild zu "Minecraft Earth": Gemeinsam bauen im Park

Ähnlich wie in "Pokémon Go" finden sich Spieler in "Earth" als kleiner Avatar auf einer virtuellen - hier bewusst pixeligen - Landkarte wieder. Auf dieser Karte, die auf Open-Street-Map-Daten basiert, bewegen sie sich, indem sie durch die echte Welt laufen.

Als Abenteurer sammelt man so auf der Karte auftauchende Ressourcen ein oder sucht angezeigte Orte auf, an denen kleine Aufgaben warten, wie Kämpfe gegen Monster mit Pfeil und Bogen oder Angelpartien. Man erlebt sie durch das Handydisplay, auf dem mit Hilfe der Kamera virtuelle Dinge oder Kreaturen im Abbild der echten Welt auftauchen.

"Earth", bei dem Spieler nach und nach im Level aufsteigen, ist ein kooperatives Spiel: Man spielt darin nicht gegen-, sondern miteinander. Wird etwa eine Aufgabe gemeinsam erfüllt, bekommen alle Spieler dieselbe Belohnung.

Weiteres Werbebild zu "Minecraft Earth": Im Trailer wirkt alles etwas spektakulärer als beim Prototypen-Test
Mojang

Weiteres Werbebild zu "Minecraft Earth": Im Trailer wirkt alles etwas spektakulärer als beim Prototypen-Test

Bauen auf dem Billardtisch

Zusammen nutzen lässt sich auch der wohl interessanteste Teil des Spiels, die "Build Plates" - ein AR-Baumodus. Wenn ich während des Tests mit dem iPhone auf Mojangs Billardtisch zielte und dort einen QR-Code scannte, erschien auf dem Display ein Block-Bauwerk, das sich fortan von allen Seiten betrachten ließ. Ging ich mit dem Handy nahe an den virtuellen Bau, wurde er größer, ging ich weg, wurde er wieder kleiner - ähnlich wie bei der alten HoloLens-Demo.

An dem Bauwerk mit einer Breite und Länge von maximal 32 mal 32 "Minecraft"-Blöcken konnten ich und andere Spieler, die ihn über jeweils eigene iPhones sahen, gemeinsam arbeiten, etwa durchs Platzieren virtueller Blöcke per Tippen aufs Display. Einer baute oben weiter, ein anderer sorgte per TNT-Block für Explosionen - alles in Echtzeit simuliert.

Dieser Trailerausschnitt lässt erahnen, wie der "Build Plates"-Modus aussieht - ohne eigenes Smartphone sieht das Mädchen jedoch keine Klötzchen
Mojang

Dieser Trailerausschnitt lässt erahnen, wie der "Build Plates"-Modus aussieht - ohne eigenes Smartphone sieht das Mädchen jedoch keine Klötzchen

Und es gibt noch einen Clou: Ein Bauwerk wie das vom Billardtisch kann auf Wunsch auch größer dargestellt und dann quasi durchschritten werden - ein Block entspricht in dieser Ansicht einem echten Meter. "Earth"-Spieler sollen so bald irgendwo auf der Welt virtuelle, selbstgebaute Kunstwerke mit bis zu 32 mal 32 Metern hinterlegen können, die dann befreundeten Spielern für digitale Besichtigungen offenstehen. Besucher können die Bauten sogar umbauen oder zerstören, wenn sie wollen - das Spiel setzt das Gebäude jeweils wieder zurück.

Hinweis der Redaktion
    Einblicke in die Arbeit am klassischen "Minecraft" gibt es kommende Woche bei SPIEGEL+, in Form eines Interviews mit Mojang-Kreativchef Jens Bergensten sowie der Entwicklerin Agnes Larsson.

Auch auf dem Dorf soll es Spaß machen

Nutzer der App werden selbst festlegen können, mit wem sich die eigene "Earth"-Spielwelt überschneidet: Wer einen bestimmten QR-Code scannen lässt, der kann zum Beispiel sehen, wo er gerade nach neuen Ressourcen sucht.

Auf meine Frage hin, ob "Earth"-Spielern außerhalb der Großstädte wie schon bei "Pokémon Go" mangels interessanter Orte ein langweiligeres Spielerlebnis droht, zeigte sich Art Director Brad Shuber wenig besorgt. Man werde verfolgen, wo es Spieler-Aktivität gebe, sagt er - und wenn dort Aufregendes fehle, werde man versuchen, nachzuhelfen.

Wie das "Pokémon"-AR-Spiel setzt "Minecraft Earth" auf einfache Zugänglichkeit. Es wird sich kostenlos spielen lassen und finanziert sich über optionale Zusatzkäufe, wie es sie bereits jetzt im In-Game-Store des normalen "Minecraft" gibt. Wer will, kann zum Beispiel seiner Spielfigur gegen Geld einen neuen Look verschaffen - einen spielerischen Unterschied macht das nicht. Lootboxensoll es nicht geben, ebenso kein "Pay2Win", wie Brad Shuber verspricht.

Laufen soll "Earth" auf allen iOS-Geräten mit AR-Kit und allen Android-Geräten mit ARCore - also auf den meisten neueren Smartphones. Klar scheint aber, dass "Earth" die Geräte fordern wird. Während meines Tests wurde das genutzte iPhone X merklich wärmer. Auch den Akku dürfte die App stark belasten - gerüstet fühlen darf sich, wer schon für "Pokémon Go" eine Powerbank gekauft hat.

Nicht ganz so spektakulär

Insgesamt machte "Earth" beim Test einen guten Eindruck - wenngleich die Aufnahmen des Werbetrailers wenig mit meinem Eindruck vom derzeitigen Prototypen gemeinsam haben (eigene Fotos zu "Earth" durfte ich nicht machen). Das Fenster in die virtuelle Welt ist schließlich immer nur exakt so groß wie der Handybildschirm, den man sich vor die Augen halten muss - man trägt beim Spielen ja keine AR-Brille oder ähnliches. Und so perfekt wie im Video fügen sich die AR-Elemente auch nicht in die Realweltaufnahme ein.

Doch auch jenseits des Werbehochglanzes sah vor allem der Miniaturbau auf dem Billardtisch faszinierend aus - noch näher kam "Minecraft" Lego wohl noch nie, vom offiziellen Lego-"Minecraft"-Set natürlich abgesehen.

Nach einem Tag bei Mojang voller Superlative bleibt so der Eindruck, dass "Minecraft" wohl auch in den nächsten Jahren ein Phänomen bleiben wird. Die größte Gefahr für die Marke liegt vielleicht darin, dass ihre Dauerpräsenz zu nerven beginnt - wenn man ihr angesichts von durch die Innenstadt stolpernden "Earth"-Spielern und omnipräsentem Merchandising irgendwann gar nicht mehr entgehen kann.


Zusammengefasst: "Minecraft" ist mit 91 Millionen aktiven Spielern populärer denn je. In Arbeit sind ein Kinofilm und ein Ableger namens "Dungeons", dazu kommt ein Augmented-Reality-Spiel namens "Minecraft Earth", das an den Erfolg von Titeln wie "Pokémon Go" anknüpfen will und das im Sommer in die Betaphase geht.

Mitarbeit: Benedikt Plass-Fleßenkämper (Fotostrecke)

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