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Gamer-Video Mama, ich war auf Zombiejagd

Ducken, zucken, drehen: Wer mit Virtual-Reality-Brille auf dem Kopf spielt, sieht dämlich aus. Ein Videokonzept namens Mixed Reality verdeutlicht Außenstehenden, was der Spieler erlebt.

Meiner Mutter hätte ich das Video, in dem ich gegen Comic-Zombies kämpfe, lieber nicht zeigen sollen. Begeistert war sie jedenfalls nicht, mich dabei zu beobachten, wie ich mit einer Waffe ziele und schieße, und sei es nur virtuell - und auf Figuren, die per Definition untot sind.

Die Spielszenen, in denen ich irgendwann auch ein Steak in Richtung Zombiehorde werfe, stammen aus dem "Zombie Training Simulator", einem simplen Shooter für die Virtual-Reality-Brille HTC Vive.

Eine Kleinigkeit macht die Bilder besonders - und damit auch zum Vorzeigen attraktiv: Man sieht meinen Körper und gleichzeitig die virtuelle Spieleumgebung, die mir in der Brille eingespielt wird und in der ich mich bewege. So versteht man, warum ich mich unter der Brille so bewege, wie ich es tue. Warum ich zucke, warum ich mich ducke, warum ich mich so schnell zur Seite drehe.

Gemischte Realität

Mixed Reality ist ein Schlagwort, das für solche Videos im Umlauf ist, gemischte Realität: Weil hier das Reale und das Künstliche ineinander übergehen. Mithilfe von Mixed-Reality-Aufnahmen können Menschen besser nachvollziehen, was ein Virtual-Reality-Brillenträger erlebt - auch wenn sie selbst keine Brille aufhaben.

Malen im Raum mit "Tilt Brush"

Malen im Raum mit "Tilt Brush"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Dabei muss es in der virtuellen Realität nicht zwingend actionreich zugehen. Das Video von mir zeigt auch, wie ich in "Tilt Brush" 3D-Bilder anderer Künstler weitermale und wie ich mit Abfall mehr schlecht als recht Basketball spiele, mit Mülltonnen als Körben.

Und es zeigt, wie ich in einem Arcade-Spiel ausgerechnet die roten Knöpfe drücke statt die weißen, weil ich das Spielprinzip zu spät verstanden habe. Selten wurde wohl so viel Aufwand betrieben, um mein Versagen zu dokumentieren.

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Virtual Reality: Diese Spiele gibt es für die HTC Vive

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Valve und HTC, die Entwickler der Vive, haben Mixed Reality schon im offiziellen Trailer zur Brille  genutzt, weil sie darin einen Weg sahen, ein Produkt zu bewerben, das besonders überzeugt, wenn man es selbst testet. Virtual Reality macht vor allem dann Eindruck, wenn man sie direkt erlebt, wenn man Teil von ihr ist. In Form eines Let's-Play-Videos auf YouTube oder auf Screenshots wirken viele VR-Spiele unspektakulär.

Zwei, drei Monate Tüfteln

Im Netz gibt es mittlerweile einige Anleitungen dazu, wie man Mixed-Reality-Videos aufnimmt, leicht ist das Ganze aber nicht. Meine Aufnahmen sind bei den VR Nerds im Studio entstanden, nachdem ich online eins ihrer Videos entdeckt hatte .

Vive-Brille und Controller

Vive-Brille und Controller

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Die VR Nerds  sind eine Gruppe von Bloggern und Entwicklern, die sich für Virtual Reality begeistern. Im Hamburger Süden haben sie einen Raum speziell für Mixed-Reality-Aufnahmen ausgestattet. "Das alles aufzubauen und zu optimieren, hat gut zwei, drei Monate gedauert", sagt mir Christoph Spinger, einer der VR Nerds.

Zum Equipment, das zum Aufzeichnen der Spielszenen verwendet wird, zählt unter anderem Folgendes:

  • ein 3,7 mal 3,7 Meter großer Greenscreen, der dank mehreren Strahlern gut ausgeleuchtet wird
  • zwei Vive-Controller, die durch die grüne Ummantelung in der Aufnahme unsichtbar gemacht werden können
  • ein leistungsstarker PC, auf dem die VR-Spiele und die Bild-Software gleichzeitig laufen können
  • eine Kamera, deren Aufnahmen per Capture Card vom PC direkt abgegriffen werden können
  • ein dritter Vive-Controller, der auf die Kamera geklebt wird und der hilft, in einer Unity-Szene Kamera und Bild so zusammenzufügen, dass am Ende alles übereinanderliegt

Am besten klappt die Aufnahme mit Unity-Spielen

Am besten würde das Aufzeichnen bisher mit Unity-Spielen funktionieren, erzählt Spinger bei unserer Spielesession, nach der mir klar ist, dass ich Zuhause so bald keine Mixed Reality aufzeichnen werde: "Wir haben ein Raum extra für diese Aufnahmen", sagt Spinger, "das macht natürlich nicht jeder. Selbst bekannte YouTuber werden so viel Technik wohl nicht in ihrem Zimmer haben wollen. Mixed Reality wird deshalb erst einmal ein Feld für professionelle Anbieter sein."

Basketball spielen mit Mülltonnen als Körben

Basketball spielen mit Mülltonnen als Körben

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Für Spielefans ist das schade: Denn die Zahl eindrücklicher VR-Videos wird so erst einmal übersichtlich bleiben, die meisten YouTuber und Journalisten werden sich weiter mit Splitscreen-Videos und ähnlichem behelfen, um ihr Spielerlebnis einigermaßen nachvollziehbar zu machen.

Aber manchmal ist eine simple Aufnahme vielleicht auch ganz gut: Dann, wenn man verhindern will, dass sich die eigenen Eltern Sorgen machen wegen der Dinge, die man in der Brille erlebt. Dass ich virtuell mit Müll rumwerfe, fand meine Mutter übrigens völlig in Ordnung.

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Zukunftstechnik: Was ist Virtual Reality?

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Zusammengefasst: Beim Videokonzept Mixed Reality werden Aufnahmen aus Virtual-Reality-Spielen mit Aufnahmen des Spielers zusammengefügt. So können Außenstehende besser verstehen, wie der Träger der VR-Brille das Spiel erlebt. Einen Beispiel-Clip finden Sie hier beziehungsweise am Anfang dieses Artikels.