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21. März 2011, 11:10 Uhr

Mobile Gaming

Der Krieg der Knöpfe beginnt

Nintendos neue Mobilkonsole 3DS dürfte den mobilen Spielemarkt gründlich aufmischen. Aber auch ohne ihn ist dort so viel los wie nie. Heiko Gogolin, Chefredakteur des Spielemagazins GEE analysiert die Verschiebungen, die der Gaming-Welt bevorstehen.

Seit die Industrie erstmals zwei weiße Striche, die einen Punkt herumschlagen, als Tennis verkauft hat, fahren Kommentatoren des Konsolenmarkts martialische Metaphern auf: Dort tobe der "Kampf der Hersteller", der den "Krieg der Systeme" entscheide. Wenn diese rhetorischen Figuren je eine Berechtigung hatten, dann in Bezug auf den heutigen Handheld-Markt. Denn derzeit bekabbeln sich dort nicht nur diverse Anbieter, sondern sie folgen auch ganz unerschiedlichen Ansätzen.

Nintendo strebt mit dem 3DS danach, die Vormachtstellung zu sichern, die der Konzern seit dem Erscheinen des Gameboys 1989 innehat. Es ist ein tolles, innovatives Gerät, keine Frage. Die Technik, dreidimensionale Bilder ohne Hilfsmittel wie Brillen darzustellen, steht zwar noch am Anfang - was sich vor allem am irritierenden Umblättern des Bildes zeigt, wenn der Spieler seinen Blickwinkel verändert. Und auch bei den Spielen fehlt bisher ein absolutes Highlight, eine Gameplay-Idee, die ohne 3D nicht möglich wäre. Aber zunächst ist der Effekt an sich schon Spektakel genug, um unzählige Geräte zu verkaufen.

Next Generation Brett

Sony kündigte vor Kurzem ebenfalls ein neues Handheld an: das Next Generation Portable (NGP). Die Firma wiederholt hier die totale Hardware-Offensive des Vorgängers PSP. Das Beste, was derzeit mobil möglich und halbwegs bezahlbar ist, steckt in diesem Gerät. War die PSP quasi eine PS2-to-go, ist das NGP von der Technik her nahezu eine PS3, auf der Next-Gen-Spieleserien wie "Uncharted" oder "Killzone" laufen sollen. Der Ansatz, weniger ein Handheld auf den Markt zu bringen als eine Heimkonsole zum Mitnehmen, ist jedoch beim ersten Mal - abgesehen von Japan - nicht sonderlich erfolgreich gewesen. Es hat sich gezeigt, dass nicht die beste Technik Spiele verkauft, sondern die besten Ideen. Innovationen hat aber auch das NGP zu bieten. Wie etwa das soziale Netzwerk "Near", das unterwegs anzeigt, was Freunde gerade spielen, oder eine berührungssensitive Fläche auf der Rückseite des Geräts, die zusammen mit dem Touchscreen auf der Vorderseite ganz neue Steuerungsformen ermöglichen soll.

Die größte Umwälzung auf dem Markt der letzten Jahre hat jedoch Apple verursacht. Das iPhone und das iPad sind supersexy Geräte, die neben vielen anderen Einsatzgebieten vollwertige Spielstationen darstellen. Und es sind Geräte mit kurzen Lebenszyklen, die immer besser werden: Während Handhelds längere Zeit mit identischer Technik auf dem Markt sind, bringt Apple jedes Jahr eine neue Version der Produkte raus, dieses Jahr das iPhone 5 und iPad 2. Angeblich hat Apple sogar kürzlich ein Patent für eine Technik eintragen lassen, die ebenfalls mit einer dreidimensionalen Darstellung ohne Brille zu tun hat.

Den größten Druck übt Apple über den Preis aus: So toll Sonys Idee auch ist, mit der NGP eine Art PS3 zum Mitnehmen zu bieten - das Gerät muss dann auch ähnlich viel kosten wie eine PS3. Wenn nicht sogar mehr, denn Technologie für den mobilen Einsatz zu produzieren ist aufwendiger. Apples iPhone kostet zwar ebenfalls 600 Euro, es wird jedoch durch Mobilfunk-Verträge erschwinglich.

Vor allem aber hat Apple mit den teilweise nur wenige Cent teuren Apps den Markt mächtig aufgemischt: Statt 50 Euro kosten die Spiele hier manchmal nur 50 Cent. Klar besitzt ein kleines Indie-Spiel nicht unbedingt die Qualität eines "Uncharted", aber es gibt auf den Apple-Plattformen bereits jetzt so viele tolle kleine Programme, dass man die nächsten Jahre eigentlich durchspielen kann. Mit dem geringen Preis der Spiele wildert Apple besonders in der Kernzielgruppe von Nintendo: Preise von 50 Cent bis fünf Euro entsprechen viel eher dem Budget von Kinder und Jugendlichen.

Doppelt spielt besser

Aber auch Apple ist nicht unantastbar. Denn der Marktanteil des Android-Betriebssystems von Google hat sich in etwas mehr als einem Jahr von 3,5 auf 25,5 Prozent erhöht. Auch dort geht Gaming gerade durch die Decke. Deshalb setzt Sony in der Kooperation mit Ericsson auf eine mehrgleisige Strategie. Dieser Tage erscheint das Handy "Xperia Play", das Android verwendet. Mit der sogenannten Playstation Suite lassen sich auf ihm PSone-Klassiker daddeln. Die Suite soll bald auch auf anderen Android-Smartphones verfügbar sein. Zum ersten Mal lassen sich Sonys Spiele also auf den Geräten anderer Hersteller spielen. Und angeblich arbeitet Sony zusätzlich an einem speziell auf Gaming ausgerichteten Tablet.

Auf dem Markt der mobilen Spiele ist es also eng wie nie zuvor. Aber es sollte nicht vergessen werden, dass er sich dadurch auch enorm erweitert. Nicht jeder Neuspieler auf dem iPad nimmt dem klassischen Spielemarkt etwas weg. Die grundlegendste Herausforderung für Sony mit der NGP und Nintendo mit dem 3DS dürfte es trotzdem sein, die Leute zu überreden, überhaupt noch eine zweite Plattform zu kaufen. Denn viele Leute haben mit ihren Smartphones und Tablets bereits eine Gaming-Hardware dabei. Und wer will schon ständig ein zweites Gerät mitschleppen?

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe von GEE. Hier können Sie das Heft bestellen.

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