Kampf um Bildschirmzeit Netflix drängt auf Videospielemarkt

Der Druck auf Netflix steigt: Hollywoodstudios greifen auf dem Streamingmarkt an und ziehen Blockbuster in die eigenen Videotheken ab. Netflix hat das erkannt und versucht sich auf einem neuen Spielfeld.

Netflix/ BonusXP

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Netflix gilt als Pionier der Onlinevideotheken. Doch mittlerweile buhlen auch viele andere Unternehmen um Zuschauer. Amazon bündelt seinen Videodienst mit der Versandkostenflatrate, Disney zieht wohl bald Marvel- und "Star Wars"-Filme zu seinem eigenen Streamingportal ab, und Batman und seine Superhelden-Freunde dürften bald zur geplanten Onlinevideothek von Warner abwandern. Die Folge: Nutzer, deren Geschmack breit gefächert ist, müssen immer mehr Geld für Streaming-Abos berappen - oder eben auf manche Anbieter und ihre Inhalte verzichten.

Für Netflix wird es Zeit, sich eine neue Spielwiese zu suchen. Die elf Milliarden Dollar teuren Eigenproduktionen sollen nicht mehr nur als Filmmaterial verfügbar sein. Das US-Unternehmen peilt den Videospielemarkt an. Seit ein paar Monaten experimentiert Netflix daher immer wieder mit interaktiven Inhalten.

Das Unternehmen lässt Zuschauer zum Beispiel entscheiden, welche Frühstücksflocken bei "Bandersnatch" in die Schüssel sollen, und ob Abenteurer Bear Grylls in "Du gegen die Wildnis" lieber Termiten oder Raupen essen soll. Das waren jedoch nur Fingerübungen auf dem Weg zum Spiele-Publisher.

Drei weitere Spiele hat Netflix schon geplant. In den kommenden Monaten soll das Rollenspiel "The Dark Crystal: Age of Resistance Tactics" erscheinen, im kommenden Jahr ein neues Smartphone-Spiel zur Mysteryserie "Stranger Things". Und bereits am 4. Juli wird zum Start der dritten Staffel ein Actionadventure für fast alle Plattformen veröffentlicht, dessen Optik an SNES-Spiele erinnert.

Unsere Fotostrecke zeigt einige Games-Projekte von Netflix:

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Streamingdienst: So will Netflix die Spieler für sich gewinnen

Bei Erfolg winken satte Einnahmen

Mit der Spiele-Offensive bleibt Netflix laut Konrad Scherfer von der Technischen Hochschule Köln seinem Kurs treu. "Der Kredittopf ist voll", sagte der Medienwissenschaftler dem SPIEGEL. Der Konzern befinde sich noch immer in der Expansionsphase. Das Ziel sei, möglichst schnell zu wachsen und mehr Nutzer aus der jüngeren Zielgruppe zu gewinnen. Und das müsse auch dringend passieren. Denn "die Zahl der Medien-Abos ist für die Nutzer endlich".

Wenn das Unternehmen damit scheitert, sei das nicht schlimm, das Risiko überschaubar. Wenn es mit den Spielen nicht klappt, dann sei zwar Geld verbrannt, aber der Imageschaden würde sich in Grenzen halten, denn Nichtspieler "bekommen den Videospiel-Content vermutlich auch nur am Rande mit".

Bei Erfolg winken jedoch satte Einnahmen. Die Computerspielebranche hat die Filmindustrie beim Umsatz längst überholt. Videospiele erwirtschaften jedes Jahr rund 70 Milliarden Euro. Von diesem Kuchen will auch Netflix, das zugleich noch an Filmprojekten zu Spielehits wie "The Witcher" arbeitet, ein Stück abhaben. Das von kommender Woche an erhältliche "Stranger Things"-Spiel zum Beispiel wird rund 20 Euro kosten.

Zocken und Serien schauen geht nicht gleichzeitig

Doch es geht nicht nur darum, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Netflix führt gleichzeitig einen Kampf mit der Spielebranche um ein kostbares Gut: Bildschirmzeit. Videospiele sind harte Konkurrenten, wenn es darum geht, Zuschauer vor den Bildschirm zu locken. Denn Zocken und Serien schauen geht nicht gleichzeitig. Also muss Netflix versuchen, die Nutzer von den Angeboten der Konkurrenz loszueisen. Wenn sie schon zocken, dann wenigstens Netflix-Games.

Vor allem "Fortnite" klaut Netflix kostbare Zeit. In einem Brief (PDF) an die Shareholder hieß es zu Beginn des Jahres: "Mit 'Fortnite' konkurrieren wir mehr als mit HBO (und verlieren daran mehr Nutzer)." Auch die Schnittmenge zwischen "Fortnite"-Nutzern und Netflix-Zuschauern ist groß, beide Angebote sind sehr beliebt und halten mit immer neuen Staffeln ihre Fans bei Laune. Während Netflix weltweit 150 Millionen zahlende Nutzer hat, sind bei "Fortnite" etwa 250 Millionen Menschen angemeldet, von denen rund ein Drittel regelmäßig spielt.

Netflix folgt dem Modell von Disney

Mit dem ersten Schritt zum Multimediaunternehmen folgt Netflix einem Modell, mit dem auch Disney große Erfolge feiert. Dort werden die Auftritte der Helden längst nicht mehr nur auf Filme und Serien beschränkt, sondern in jeglicher Form ausgeschlachtet. Lizenzen für "Star Wars", "Avengers" und "Toy Story" lassen eben nicht nur die Kinokassen klingeln, sondern fördern auch den Verkauf von Videospielen.

Laut Netflix geht es aber nicht darum, mehr Geld mit Franchise-Artikeln zu verdienen. Man nehme Videospiele sehr ernst. "Netflix' Ambition ist es, die Fankultur rund um seine Serien und Filme mit eigenen Spielen weiter zu fördern", sagte ein Netflix-Sprecher dem SPIEGEL. Man arbeite gemeinsam mit talentierten Spieleentwicklern an mehreren Titeln. Trotzdem blieben Serien und Filme das Kerngeschäft.



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teekesselchen 29.06.2019
1.
"Die Folge: Nutzer, deren Geschmack breit gefächert ist, müssen immer mehr Geld für Streaming-Abos berappen - oder eben auf manche Anbieter und ihre Inhalte verzichten." Eine andere Folge könnte sein, dass illegale Angebote wieder starken Zuwachs erhalten! Eigene Streamingportale mögen sich ja toll für die BWLer anhören, aber die Kunden wollen eben nicht bei 5 verschiedene Portalen Geld bezahlen, um die Serien zu sehen. Da werden viele illegal schauen!
Flying Rain 30.06.2019
2. Hm
Ich sehe es ähnlich wie die Teekanne. Wenn sich die ganze Geschichte so langsam aber sicher in x viele Streamingabos aufsplittert dann werden viele wohl oder übel wieder den..... ähm... klassischen Weg wählen um an die Serien und Filme zu gelangen wie man es auch jetzt schon macht wenn es um diverse Verfügbarkeitsprobleme wegen dem Standort usw gibt. Ein Schuss ins eigene Bein würde ich mal sagen.
naklar261 30.06.2019
3. Na klasse...
Ich stimme da den Kommentaren bezüglich illegaler Streaming Platformen zu. Eben genau um nicht bei 50 verschiedenen Dingern ein Abo abzuschließen zu müssen würde ich dann wohl eher komplett auf Streaming verzichten und stattdessen wieder zurück in eine Videothek gehen.
Nonvaio01 30.06.2019
4. im gegensatz zu den vorpostern sehe ich das anders
im gegensatz zum billig Land Deutschland, muss der rest der welt fuer TV zahlen. Alle Priivaten kosten Geld, das sind meist anbieter wie Sky, in den meisten laendern hat man 3-4 Staatliche programme, der rest ist nur mit decodern zu sehen. Nicht wie in D wo man 30 programme via kabel bekommt. Diese extra programme kosten bei mir in Irland 60€ in der basis version, mit Kids channel und Movie channel ist man schnell bei ueber 80€, wer dann noch HD paket bucht zahlt sogar noch mehr zuzueglich den TV Lizens gebuehren versteht sich. Das behinhaltet nicht Braodband. Fuer 80€ kann ich locker 6 streaming dienste abschliessen. Ich hab Amazon/Netflix, wenn Disney endlich started werde ich den auch noch holen und dann TV komplett kuendigen, nur noch Internet fuer 30€ im Monat mit 200MB und unlimited. 30€ Braodband, plus 10€ Netflix. 10€ Amazon und X fuer Disney, ist immer noch billiger als ein TV abo.
TobberM 30.06.2019
5. Monatliche Kündigung
"Die Folge: Nutzer, deren Geschmack breit gefächert ist, müssen immer mehr Geld für Streaming-Abos berappen - oder eben auf manche Anbieter und ihre Inhalte verzichten." So lange es dabei bleibt, dass man die Dienste per Mausklick zum Monatsende kündigen kann, sehe ich da zumindest für die Neuerscheinungen und Serien kein großes Problem. Gibt es halt jeden Anbieter nur noch 2 Monate im Jahr.
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