Netflix-Serie »Arcane« So gut – und erfolgreich – kann eine Spielverfilmung sein

Bislang interessiert E-Sport primär Videospieler. Die optisch spektakuläre Serie »Arcane« könnte das ändern – indem sie das Netflix-Publikum an die Welt eines der populärsten Onlinegames heranführt.
Szene aus »Arcane«: Die Serie ist eine gute Werbung für »League of Legends«

Szene aus »Arcane«: Die Serie ist eine gute Werbung für »League of Legends«

Foto: Netflix / Riot Games

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Arm gegen Reich, Gut gegen Böse und eine Familienfehde mittendrin: Auf dem Papier klingen die Themen der Serie »Arcane« weniger originell als die des Netflix-Überfliegers »Squid Game«, der zuletzt allerhand Rekorde brach. Trotzdem ist »Arcane« nach dem Start am vergangenen Wochenende in 38 Ländern auf Platz eins der Netflix-Charts  gelandet. Für eine Serie, die zugleich eine Videospieladaption und eine Animationsserie ist, und die damit auf den ersten Blick eine spitze Zielgruppe hat, ist das ein Riesenerfolg.

Den beeindruckenden Start von »Arcane« als Zufall abzutun, wäre aber naiv. Zum einen hat die Spielefirma Riot Games, auf deren weltweit populären Onlinespiel »League of Legends« die Serie basiert, Anfang des Jahres die Ex-Netflix-Marketingverantwortliche Shauna Spenley für ihre neue Unterhaltungsabteilung eingekauft. Sie weiß sicherlich genau, wie man Serien und Filme am effektivsten an das Publikum des Streaming-Riesen heranträgt. Zum anderen ist die Geschichte, die »Arcane« erzählt, nicht neu, doch die Charaktere, die sie tragen, bieten die richtige Mischung aus Eigenständigkeit und Projektionsfläche.

Zentral sind dabei die Schwestern Vi und Powder, die in einer blutigen Auseinandersetzung zwischen den Städten Piltower (reich und hochfortschrittlich) und Zhaun (verarmt und voll von krimineller Energie) zu Waisen werden. Nach einem Waffenstillstand werden die beiden vom ehemaligen Aufständischen Vander in Zhaun aufgezogen und in allen Belangen der Diebeskunst ausgebildet.

Die Actionszenen der Show sind temporeich und gut inszeniert: Da kann selbst das Videospiel nicht mithalten

Die Actionszenen der Show sind temporeich und gut inszeniert: Da kann selbst das Videospiel nicht mithalten

Foto: Netflix / Riot Games

Man muss das Spiel nicht kennen

Vi ist hitzköpfig, aber auch eine geborene Anführerin, während Powder ständig ihre eigenen Fähigkeiten hinterfragt und von niemandem außer ihrer Schwester für voll genommen wird. Jahre später löst ein missglückter Raubzug ihrer Bande eine Kettenreaktion aus, die nicht nur die Verbindung zwischen den Schwestern auf die Probe stellt, sondern beide Städte erneut an den Rand eines Krieges bringt. Und dann ist da noch der rachsüchtige Quasi-Gangsterboss Silco, der beide Städte mit einer Mutationsdroge in seine Gewalt bringen will.

Obwohl die Serie in den ersten drei Folgen Themen wie Klassenbewusstsein anreißt und mehrere Subplots durchexerziert, bleibt die Handlung auch für alle, die sich nicht fürs Gaming interessieren, nachvollziehbar und logisch. Fans freuen sich hier und dort über Eastereggs wie Gegenstände aus der Spielvorlage, Fachfremde werden auch ohne Verständnis dieser Referenzen gut unterhalten. Dabei hätte das auch ganz anders aussehen können.

Denn Vi und Powder alias Jinx stammen wie eine Handvoll anderer Seriencharaktere nicht aus einem binnen Sekunden zu erlernbaren Spiel, sondern aus einem E-Sport-Dauerbrenner, für den man eine Menge taktisches Geschick und Hintergrundwissen benötigt. Das 2009 veröffentlichte »League of Legends« ist ein sogenanntes MOBA, kurz für Multiplayer Online Battle Arena. Übers Internet treten darin zwei Teams mit je fünf Spielenden gegeneinander an.

Spielerinnen und Spieler übernehmen aus isometrischer Perspektive die direkte Kontrolle über sogenannte Champions wie Vi. In jenen Rollen müssen sich mit ihren Teampartnern an Türmen, Computergegnern und menschlichen Mitspielenden vorbeikämpfen, um in der gegnerischen Basis den sogenannten Nexus zu zerstören.

Profis, die besten der Millionen von »League of Legends«-Spieler, setzten dabei auf komplexe Taktiken. Mit ihren Auftritten in großen Hallen oder auf Streaming-Portalen wie Twitch begeistern sie Millionen von Zuschauenden, für ihre Arbeit an Maus und Tastatur werden sie fürstlich entlohnt. Wer »League of Legends«-Turniere verfolgen und das Geschehen verstehen will, braucht Expertise, genau wie bei manchen anderen professionell betreibbaren Sportarten.

Jetzt kommt die große Erzählung

»Arcane« bietet Zuschauenden nun einen niedrigschwelligen Zugang zu dieser Onlinewelt. Zwar existieren zu allen Champions aus dem Spiel ein paar Infohäppchen über deren Motivation und Hintergrundgeschichte. Aber prinzipiell war das »League of Legends«-Universum bislang eine relativ weiße Leinwand. Sieht man von zahlreichen von Fans verfassten Kurzgeschichten ab, gab es keine große zusammenhängende Erzählung.

Zwar basiert die Optik von »Arcane« größtenteils auf CGI, als Standbild aber sehen gerade die Schauplätze aus wie gemalt

Zwar basiert die Optik von »Arcane« größtenteils auf CGI, als Standbild aber sehen gerade die Schauplätze aus wie gemalt

Foto: Netflix / Riot Games

Die bisherigen Versuche von Riot Games, »League of Legends« über andere Plattformen zu vermarkten – dazu zählten K-Pop- und Nu-Metal-Songs, Comics in Kooperation mit Marvel oder das Spiel begleitende animierte Kurzfilme – griffen meist zu kurz und erreichten nur diejenigen, die sowieso schon mit der Materie vertraut waren. Mit »Arcane« und seinem Release auf Netflix macht es das Studio jetzt besser.

Der Mix aus handgezeichneter 2D-Animation und wasserfarbenartiger CGI ist ein ziemlicher Hingucker, die Showrunner arbeiten seit Jahren für Riot Games und kennen sich entsprechend aus. Und mit Sprecherinnen und Sprechern wie JB Blanc (»Breaking Bad«, »Better Call Saul«) und Hailee Steinfeld (»Hawkeye«, »True Grit«) hat man sich auch ans Mikro Qualität geholt.

»Arcane« ist übrigens nicht der erste erfolgreiche Versuch, Videospiele ins Filmische zu übertragen. Während Realverfilmungen oft grandios scheiterten, haben Animationsserien wie »Castlevania« bereits gezeigt, dass Games-Adaptionen nicht zwangsläufig floppen müssen.

Mit »Arcane« untermauert Riot Games in jedem Fall die These, dass Videospiele nicht nur aktiv am Controller oder an Maus und Tastatur, sondern auch passiv auf der Couch funktionieren können – wenn man die richtigen Leute ranlässt und sein Publikum weder langweilt, noch überfordert.

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