Fotostrecke

Nordic Larps: Liverollenspiel als Selbsterfahrung

Foto: Tuomas Puikkonen

"Nordic Larps" Palästina-Konflikt im Live-Rollenspiel

Live-Rollenspiele gelten als Zeitvertreib für Nerds, die im Wald mit Schwert und Elfenohren Fantasy-Geschichten spielen. In Skandinavien ist das anders: In "Nordic Larps" werden ernstere Themen verhandelt - etwa der Palästina-Konflikt.

"Ich bin 17, mein Freund spielt nur 'World of Warcraft', und ich prostituiere mich im Netz", sagt die junge Frau auf der Bühne. "Lutka, lutka!", brüllt das Publikum, das heißt "Schlampe" auf Finnisch. Die Mutter der jungen Frau redet auf ihre Tochter ein. Wie sie ihr Leben nur so wegwerfen könne. Dann schlägt ihr der Freund des Mädchens, ein bäriger Kerl in Lederkluft, ins Gesicht. Seine Freundin könne ihre eigenen Entscheidungen treffen. Das Publikum johlt, die Security schreitet ein, Moderator Vili Nissinen, exzentrisch mit Eyeliner, in kurzer Hose und Jackett, grinst. Genau so war das geplant.

Das hier ist kein finnisches Trash-TV, es ist die Rollenspielkonferenz Ropecon  und alles, was vor und auf der Bühne passiert, ist nur gespielt, es ist ein Live-Action-Rollenspiel.

"Battlestar Galactica" oder "Mad Men" als Rollenspiel

Live-Action-Rollenspiele, kurz Larp, sind eine Mischung aus Improvisationstheater und traditionellem Rollenspiel mit Stift und Papier wie dem Klassiker "Dungeons & Dragons", in dem Spieler das Schicksal ihrer Fantasy-Helden auswürfeln. Live-Action-Rollenspieler dagegen verkörpern ihre Figuren real. Larp, das gilt traditionell als eine Aktivität, bei der sich erwachsene Menschen in voller Kampfmontur und mit angeklebten Elfenohren im Wald mit Stoffsäckchen bewerfen und so tun, als seien es magische Feuerbälle - ein großer Spaß übrigens. Im skandinavischen Raum entsteht aber eine neue Form: Nordic Larp. Hier werden andere Szenarien gespielt: Mal "Battlestar Galactica" auf einem alten Schlachtschiff, mal "Mad Men".

"Wenn die Fantasy-Larps die großen Blockbuster der Szene sind, dann sind die Nordic Larps der französische Art-House-Film", sagt Maria Pettersson, Journalistin bei bei der Tageszeitung "Helsingin Sanomat" und Larp-Organisatorin. Seit ungefähr zehn Jahren hat sich um Veranstaltungen wie die Larp-Konferenz Knutepunkt/Solmukohta  eine sehr lebendige Szene entwickelt, die das Live-Rollenspiel vor allem als Versuch begreift, Politik und Soziales erfahrbar zu machen. So ist Vili Nissinens Talkshow ein Rollenspiel über Gruppendynamik, das zeigt, wie sich innerhalb kürzester Zeit ein Meinungskonsens bildet. Und mit welcher Begeisterung auch zurückhaltende Mitspieler wüsteste Beleidigungen brüllen, wenn der Kontext es erlaubt und ermutigt.

"Erfahrung des Alltags unter Besatzung abbilden"

"In Nordic Larps schauen wir auf Unterschiede in der Gesellschaft", sagt Pettersson. "Larp ist ein ziemlich gutes Medium, wenn du Menschen in einer anderen Situation als deiner eigenen verstehen willst." Diese Idee ist auch der Grundstein für eines der ambitioniertesten aktuellen Projekte der Szene: Halat hisar , ein Larp über das Leben von Zivilisten im Israel-Palästina-Konflikt.

Dafür entwickelten die Organisatoren der Larp, Finnen und Palästinenser, eine Art Alternativweltgeschichte, in der Finnland die Rolle von Palästina einnimmt und unter Besatzung steht. "Wir wollten die Erfahrung des Alltags unter Besatzung abbilden", sagt einer der Organisatoren, der Autor und Designer Juhana Pettersson. "Halat hisar" spielt in der Universität von Helsinki. Sie wurde für das Spiel nach Vorbild der palästinensischen Uni Bir Zait umgestaltet, 70 Spieler begaben sich für 24 Stunden in das simulierte Parallel-Finnland.

Auf dem Weg in den Kanon

"Die Spieler müssen durch einen Checkpoint, sie gehen in eine Vorlesung, aber dann wird die Routine unterbrochen", sagt Pettersson. "Die Armee kommt, verhängt eine Ausgangssperre, es gibt Verhaftungen und Verhöre. Das passiert ständig in Palästina." Es geht hier explizit um das Leben von Zivilisten, keiner der Spieler verkörpert einen Hamas-Kämpfer, der aktuelle bewaffnete Konflikt spielt keine Rolle. Natürlich lässt sich ein so komplexes Problem in einem Larp nur in Ausschnitten betrachten.

Etwa 24 Stunden dauert "Halat hisar". Die finnischen Mitspieler entwickeln Strategien des friedlichen Protests, werden mit völlig ungewohntem Stress konfrontiert, verweigern die Teilnahme an Spiel-Verhören, sind nach dem Abschluss völlig ausgelaugt. "Es war sehr emotional für die finnischen und auch die palästinischen Mitspieler", sagt Pettersson. "Die palästinensischen Spieler sagten, sie wüssten, dass ihre Situation nicht normal sei, aber erst als sie gesehen haben, wie andere Menschen ihr Leben nachspielen, haben sie gemerkt, wie abnorm, wie weit weg vom Alltag ihr Alltag ist." Die Erfahrungen der Spieler und Organisatoren gibt es inzwischen nachzulesen in einem kostenlosen E-Book .

"Larps sind eine sehr effektive Methode, damit Leute andere Menschen aus anderen Kulturen, mit anderen Hintergründen besser verstehen können", sagt Maria Pettersson, "und das ist eine gute Sache, nicht nur für Live-Action-Rollenspieler."

Noch sind Larps trotz Projekten wie "Halat hisar" jedoch weit davon entfernt, Mainstream zu sein. Selbst in der Kunstwelt sind sie noch wenig verbreitet. Die Grundideen der Nordic Larps als Ausdrucksform - emotional, politisch und ohne klare Gewinner oder Verlierer - finden sich aber inzwischen nicht nur im skandinavischen Raum, sondern auch in immer mehr Spielen internationaler Designer. Sie sind auf dem Weg in den Rollenspielkanon.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.