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Technische Daten und Spiele-Eindrücke: Das ist die Oculus Quest

Foto: Jens Ressing/ SPIEGEL ONLINE

Oculus Quest im Test Der ideale Einstieg in die virtuelle Realität

So zugänglich und doch faszinierend war Virtual Reality kaum je zuvor: Facebooks neue Oculus Quest macht viel richtig. Die Power von VR-Brillen für Computer darf man von der Mobilbrille aber nicht erwarten.

Ich bin großer Fan der Virtual Reality (VR) und habe fast alle Brillen getestet. Meine Begeisterung geht soweit, dass ich neulich im Baumarkt eine Holzlatte kaufte, die im Wohnzimmer landete, neben einem Ventilator. Mit diesen Accessoires nämlich wirkt das VR-Spiel "Richie's Plank Experience", das einen Planken-Balanceakt in luftiger Höhe simuliert, noch realistischer.

Viele Freunde waren begeistert, wenn ich ihnen eine meiner VR-Brillen zeigte. Aber wenn mich jemand fragte, ob er sich eine Brille kaufen solle, war ich stets vorsichtig -vor allem, wenn es sich nicht um Hardcore-Gamer oder Tech-Enthusiasten handelte.

  • Mobilbrillen wie die Oculus Go etwa sind nett für 360-Grad-Videos, bei Spielen bleiben sie aber weit hinter dem zurück, was man mit PC-Brillen wie der Oculus Rift oder der HTC Vive erleben kann. Wer einmal eine Rift anhatte und dann eine Go kauft, würde enttäuscht sein, befürchtete ich.

  • Die Anschaffung einer PC-Brille ergibt anderseits nur Sinn, wenn man einen leistungsstarken Computer sowie genug Platz im Wohnzimmer hat.

  • Bei Playstation VR, der VR-Brille für die Playstation 4, bin ich hin- und hergerissen. Bei ihr finde ich zum Beispiel die Handcontroller misslungen - und wie Rift und Vive hängt auch sie an einem dicken Kabel, über das man stolpern kann.

Irgendwie war keine Lösung zugleich einsteigerfreundlich und faszinierend genug, um sie Nicht-Nerds ans Herz zu legen. Leuten, die mehr als nur simpelste VR erleben, aber dafür auch keinen Gaming-PC kaufen wollen.

Die bisher beste Mobilbrille

Machen wir es kurz: Die Quest, eine neue VR-Brille der Facebook-Tochter Oculus, ist das erste Produkt, das ich diesen Menschen sorgenfrei empfehlen würde. Wenn man finanziell in der Lage ist, für Technikspielzeug 450 Euro auszugeben, ist diese Brille der ideale Einstieg in die Welt der virtuellen Realität. Sie lässt jede bisherige Mobilbrille, von der Samsung Gear VR bis zu Lenovos Mirage Solo, alt aussehen.

Mit PC-Brillen kann die Quest technisch allerdings nicht mithalten. In ihr werkelt ein Qualcomm-Snapdragon-835-Prozessor, wie man ihn von nicht mehr ganz neuen Smartphones kennt (alles zur Technik lesen Sie in unserer Fotostrecke). Doch diesen Nachteil macht die Quest durch Mobilität wett.

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Technische Daten und Spiele-Eindrücke: Das ist die Oculus Quest

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Einmal aufgeladen, läuft die Brille zwei bis drei Stunden - und das einzige Kabel, dem man in dieser Zeit begegnet, ist wenn überhaupt ein Kopfhörer-Kabel. Das mag man in die kabellose Brille stecken, da der eingebaute Kopfhörer nicht allzu toll klingt.

Mit der Quest, zu der neben dem Headset zwei hervorragend funktionierende, mit den Rift-Controllern vergleichbare Handcontroller gehören, kann man so fast überall spielen. Für den Außeneinsatz ist die Brille nicht geeignet (Sonnenlicht und Linsen sind keine gute Kombination), in Räumen aber ist sie in Rekordzeit einsatzbereit.

Einer der zwei Handcontroller

Einer der zwei Handcontroller

Foto: Jens Ressing/ SPIEGEL ONLINE

Schluss mit externen Trackern

Anders als bei der Rift oder der Vive müssen keine Sensoren im Raum platziert und verkabelt werden. Die Quest setzt aufs sogenannte Inside-Out-Tracking. Das Headset selbst erkennt dabei mit vier integrierten Kameras, wie sich der Spieler und die Controller im Raum bewegen.

Die Quest beherrscht im Unterschied zu vielen anderen Mobilbrillen auch Positional Tracking: Sie erkennt nicht nur, in welche Richtung der Spieler seinen Kopf bewegt, sondern merkt auch, ob er sich bückt oder zur Seite lehnt. Diese Bewegung wird dann in die Spielwelt übertragen. In Actionspielen kann man so etwa um die Ecke schauen.

Vor dem Losspielen zieht man durch Zeichenbewegungen mit den Controllern digitale Schutzwände auf, die einen später davor bewahren, gegen Möbel oder Wände zu laufen. Für das eigene Spielfeld muss man dabei mindestens zwei mal zwei Meter Platz schaffen.

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Virtuelle Realität: Die Geschichte von Oculus

Foto: Allen J. Schaben / Los Angeles Times / Getty Images

Hier sieht es aber mysteriös aus

Das Schutzwand-Aufmalen dauert nur Sekunden und macht sogar Spaß, da man seinen Raum dabei im Überwachungskamera-Stil gezeigt bekommt. In dieselbe Ansicht wechselt die Brille auch, wenn man eine der Grenzen überschreitet: Man kann mit der Quest auf dem Kopf so theoretisch sogar kurz in die Küche oder auf die Toilette gehen. Schade ist nur, dass die Oculus Quest keinen Notausstieg-Button bietet, mit dem man sofort und auch innerhalb der Spielfeldgrenzen in die Überwachungskamera-Ansicht wechseln kann.

Wenn die Quest ab dem 21. Mai erhältlich ist, werden rund 50 Spiele und VR-Erlebnisse verfügbar sein (siehe Fotostrecke), darunter etwa das Lichtschwert-Musikgame "Beat Saber", das bislang wohl beliebteste VR-Spiel überhaupt. Mit "Superhot VR", "Job Simulator", "Moss" und "Space Pirate Trainer" werden auch weitere bekannte und erwiesenermaßen gute Spiele zur Auswahl stehen. Mir hat beim Testen vor allem das Tischtennis-Spiel "Racket Fury: Table Tennis" Spaß gemacht, interessant fand ich auch das Action-Rollenspiel "Journey of the Gods".

Tischtennis in VR

Tischtennis in VR

Foto: Oculus Quest

Die Optik ist nicht alles

Grafik, die mich umhaut, bot kein getesteter Titel. Schon jetzt deutet sich an, dass auf der Quest vor allem Spiele gut funktionieren, die minimalistische oder cartoonartige Grafikstile haben, in denen aber die zwei virtuellen Hände des Spielers eine große Rolle spielen. Das klingt ernüchternd, in guten VR-Spielen spielt es aber oft schnell keine Rolle mehr, wie gut die Grafik ist. Das bereits bekannte "Minecraft VR" etwa - das allerdings noch nicht für die Brille angekündigt wurde - wäre auf der Quest perfekt aufgehoben.

Spiele an Bord hat die Quest leider nicht. Das Startpaket enthält laut Oculus fünf Demo-Versionen, die meisten VR-Games kosten zwischen zehn und 60 Euro. Was den Spielenachschub über das Start-Line-up hinaus angeht, lässt sich noch nichts Finales sagen. Es ist aber davon auszugehen, dass die Quest noch einige Portierungen von Go-Spielen oder abgespeckte Versionen von Rift-Titeln bekommt.

Anders als bei PC-Brillen soll es mit Quest nicht möglich sein, von Indie-Entwicklern irgendwo ins Netz gestellte Prototypen zu spielen - die Brille ähnelt in der Hinsicht einer klassischen Spielkonsole. Ständig neue Inhalte wird es am ehesten im Bereich der 360-Grad-Videos geben: Diese lassen sich über einen Browser via Facebook und YouTube, aber auch über andere Plattformen streamen.

Speicherplatz bietet die 450-Euro-Version der Quest 64 GB, wovon mehr als zehn Gigabyte für die Oculus-Software draufgehen. Viele der ersten Spiele sind unter einem Gigabyte groß, man sollte aber davon ausgehen, dass andere und künftige Games mehr Speicherplatz brauchen. Auf die Brille aufspielbare 360-Grad-Videos in hoher Auflösung könnten ebenfalls viel Platz wegnehmen. 64 GB sind also eng bemessen - die 128-GB-Variante der Quest für 550 Euro erscheint mir im Verhältnis aber zu teuer.

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Oculus

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Fazit

Unterm Strich überwiegt meine Begeisterung, zumal die Quest beim Testen weder laut noch heiß wurde. Dank eines mitgelieferten Abstandshalters konnte ich auch meine normale Brille gut darunter tragen. Die Oculus Quest ist so die perfekte Einsteigerbrille für Gelegenheitsspieler ohne Gaming-PC. Wer ohnehin einen Spiele-PC besitzt, der ist tendenziell mit der ebenfalls neuen Oculus Rift S besser bedient.

Ein wenig ist es wie beim Duell Nintendo Switch gegen Playstation 4 und Xbox One: Die Quest ist das technische schwächste System, aber hey: Man kann es überall hin mitnehmen. Diese Freiheit hat ihren ganz eigenen Wert.

Hinweis: Oculus hat uns die Brille und einen Zugang zu etwas mehr als einem Dutzend Spielen vorab zur Verfügung gestellt.