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30. Juni 2016, 15:09 Uhr

"Pokémon Go" ausprobiert

Jagdszenen in deutschen Innenstädten

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Hat das neue "Pokémon"-Spiel Erfolg, weiß bald jeder Großstädter, was ein Smombie ist. Monsterjäger werden vor Denkmälern über ihr Handydisplay wischen - und unser Autor könnte Teil der Meute sein.

Beim letzten Deutschlandspiel habe ich meine Gäste einfach vor dem Fernseher sitzengelassen und bin davongelaufen. Hinaus auf die Straße, in der Halbzeitpause. Ich hatte die Chance des Tages gewittert, denn mein Smartphone zeigte an, dass sich ein Pikachu in der Nähe aufhält, nur 120 Meter entfernt. Und Pikachu mag ich noch immer, obwohl es mittlerweile 16 Jahre her ist, dass ich mich einen Familienurlaub in Skandinavien lang durch die "Gelbe Edition" von "Pokémon" auf dem Game Boy gesuchtet habe.

In den vergangenen Tagen habe ich "Pokémon Go" ausprobiert, einen Smartphone-Ableger der Monsterkampf-Serie, den die Macher des in seiner Nische beliebten Handyspiels "Ingress" entwickelt haben und das diesen Sommer für Android und iOS erscheint. Mit den Spielen für Nintendos Handhelds hat das kostenlose "Go" sein Thema und einige Funktionen gemein, prinzipiell ist der Serienableger aber viel simpler und weniger umfangreich als die klassischen "Pokémon"-Spiele.

Doch ein Spielaspekt ist wichtiger, aufwendiger und unterhaltsamer denn je: das Sammeln der Monster. "Go" setzt auf den GPS-Sensor des Smartphones und schickt den Spieler vor die Haustür. Die reale Umgebung wird auf dem Handy als begehbare Landkarte dargestellt, der Bereich zwischen zwei Häuserblocks sieht bei wie eine Wiese aus, ein Kanal wie ein Fluss. Wer möglichst viele der "über 100 verschiedenen Pokémon" sammeln will, sollte möglichst viele unterschiedliche Orte besuchen.

Denkmäler, Inschriften oder Sehenswürdigkeiten werden zu "Pokéstops", Stationen, an denen man hilfreiche Items finden kann. Und mancherorts findet sich auch eine Arena, in der die eigenen Monster gegen andere kämpfen könnten.

Ein sportliches Spiel

Wer "Go" erfolgreich spielen will, sollte also viel unterwegs sein - zu Fuß, besser noch per Fahrrad oder Roller. Busse oder Autos dagegen fahren wohl zu schnell, als dass man unterwegs Monster einsammeln könnte. Auf Reddit scherzt ein Nutzer: "Ich werde meinen Eltern nicht erzählen, dass ich 'Pokémon Go' spiele: Ich will, dass sie tatsächlich glauben, ich würde rausgehen, um von Videospielen loszukommen."

Taucht ein Monster in der Umgebung auf, vibriert mein Smartphone. Ich habe dann eine gewisse Zeit, zu seiner Position zu laufen. Da muss man dann schon einmal zügig eine sechsspurige Straße überqueren oder durch einen Garten laufen, der vielleicht nicht für Besucher gedacht ist.

Grundsätzlich lehrt "Pokémon Go" einerseits, die Umgebung zu ignorieren, sie andererseits aber auch neu zu entdecken. So laufe ich mit Dauerblick auf die virtuelle Karte herum, also, um das Jugendwort 2015 zu bemühen, als Smombie (Smartphone + Zombie), als Handynutzer, der von seiner Umwelt nichts mehr mitbekommt.

Oh, so viel Kunst hier

Anderseits habe ich binnen vier Tagen diverse Kunstwerke und Gedenktafeln in meiner Nachbarschaft entdeckt, die zwei Jahre lang übersehen hatte - und ich mache GPS-Entdeckungen wie die, dass ich, wenn ich ganz nah ans Badezimmerfenster gehe, sogar von zu Hause aus Zugriff auf den nächsten "Pokéstop" habe. Der Nachschub an Pokébällen (die man auch für echtes Geld kaufen kann, was zumindest in der Betaversion aber nie dringend nötig war) war somit gesichert.

Die Begegnungen mit den Pokémon selbst sind nicht so eindrucksvoll, wie mancher Trailer des Spiels weismachen will. Trifft man ein Pokémon, wird ein animiertes Wesen per Augmented-Reality-Funktion ins Bild der Handykamera montiert, es springt dann zum Beispiel auf und ab und ist nur zu sehen, wenn man sein Smartphone in die richtige Richtung hält. Mal sieht das überraschend gut aus - etwa, wenn ein Wasserpokémon zufällig in einer Pfütze auf dem Gehweg erscheint -, mal wirkt es unfreiwillig komisch.

Fangen lassen sich die Monster mit Pokébällen, die man per Wisch übers Smartphone auf sie wirft. Dabei zu treffen, ist anfangs schwer, aber dann schnell gelernt, wobei es vorkommt, dass Monster noch einmal aus dem Ball ausbrechen. Deshalb freut man sich auch später noch, wenn ein Ball tatsächlich zubleibt.

Simple Kämpfe in der Arena

Für Außenstehende mag so ein Fangversuch seltsam aussehen: Der Spieler steht zum Beispiel vor einer Statue im Park und wischt eine Minute lang verzweifelt blickend über sein Display, um dann plötzlich in sich hineinzulächeln.

Arena-Kämpfe gegen andere Pokémon sind simpel und haben nicht viel Tiefe: Man kann mit seinem Monster per Fingergeste dem Angriff des Gegenübers ausweichen, ebenso lassen sich Attacken ausführen. Nötig sind die Kämpfe vorerst offenbar auch nur, wenn man eine Arena für sein Team erobern will.

Insgesamt gibt es drei Fraktionen, von denen man sich im Spielverlauf einer anschließt. Fortan versucht man dann gemeinsam mit anderen Spielern in der eigenen Stadt, die Macht über möglichst viele Arenen zu gewinnen, indem man dort starke Pokémon als Wächter platziert.

So richtig rund wirkte meine Testversion noch nicht: So viel Spaß das Sammeln machte, so motivierend die Musik war, so sehr fehlte mir die Interaktion mit anderen Spielern - in meiner Umgebung war schlicht niemand anderes auf Pokémon-Jagd. Mit dem offiziellen Start des Spiels wird sicher mehr los sein, so manche erwartbare Funktion wie ein Chat oder spontane Kämpfe auf der Straße dürften aber auch dann noch fehlen - was es schwer macht, zu prognostizieren, ob "Go" länger als ein, zwei Wochen unterhält.

Schon jetzt auf Updates gespannt

Wirklich spannend wird das Spiel vermutlich erst mit ein paar Updates, bis dahin reicht vielleicht der Reiz, mehr Monster als die Kumpels fangen zu wollen und an Pokéstops zufällig anderen Spielern zu begegnen. Nur die Spieltiefe des Handheld-"Pokémon" darf man von "Go" nicht erwarten. Dafür braucht man mobiles Datenvolumen.

Mein Sprint beim Deutschlandspiel wurde übrigens nicht belohnt: Draußen traf ich zunächst nur ein langweiliges Krabby, meine Freunde - früher selbst "Pokémon"-Fans - waren genauso enttäuscht wie ich.

Glück hatte ich dann erst am nächsten Morgen: Am U-Bahn-Eingang, auf dem Weg zur Arbeit, lief mir Pikachu über den Weg - und ich fing ihn mit dem ersten Pokéball. Strahlend ging ich zur Arbeit - und war überrascht, wie leicht ich auch mit 28 von einem so simplen Sammelspiel zu begeistern bin.


Hinweis: Ich hatte durch einen Zugangscode von Niantic vier Tage Zugang zu der Vorabversion von "Pokémon Go". In dem Teil Hamburgs, in dem ich das Spiel getestet habe, bin ich dabei keinem anderen Tester begegnet - Interaktion zwischen den Fraktionen habe ich daher keine erlebt. Selbstgemachte Screenshots darf ich in diesem Artikel leider keine veröffentlichen.

Update, 8. Juli: "Pokémon Go" ist noch nicht offiziell in Deutschland erschienen, durch Tricks lässt sich das Spiel aber auch hierzulande schon testen, heißt es in Medienberichten. Ein offizieller Release des Spiels in Deutschland wird in den nächsten Tagen erwartet.

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