Phänomen "Pokémon" Die Magie der Monster

Grell, bunt, kitschig und seit 20 Jahren wahnsinnig erfolgreich: "Pokémon Go" ist der neue Hit einer Spielereihe, die seit 1996 Kinder begeistert, Eltern in den Wahnsinn treibt. Über ein quietschbuntes Phänomen.

Pokémon-Event in Yokohama
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Pokémon-Event in Yokohama


Eine Zugfahrt vor mehr als zehn Jahren: Ein Kollege hat einen Game Boy dabei, legt ein "Pokémon"-Spiel ein, das ihm gerade in die Hand gedrückt wurde. Er grinst: "Ich schau mal, ob das wirklich gut ist." Zwei Stunden später reißt er sich das erste Mal mühsam vom Game Boy los und lächelt verklärt: "Das ist wirklich super."

Das Phänomen "Pokémon" - der Name ist eine Kombination aus Pocket und Monster, bedeutet also Taschenmonster - gibt es seit 20 Jahren. Hauptsächlich ist es eine Spielereihe, in der Spieler kleine kulleräugige Manga-Monster fangen, trainieren und gegeneinander kämpfen lassen. "Gotta catch 'em all!", "Fang sie alle!", der Werbespruch wurde zum geflügelten Wort. Gegen die mehr als 700 unterschiedlichen Arten von Monstern, die es inzwischen gibt, scheinen selbst Panini-Sammelhefte eine überschaubare Aufgabe zu sein.

Für den Nintendo-Konzern haben sich die "Pokémon" zum Milliardengeschäft entwickelt. Die vor allem für tragbare Nintendo-Spielkonsolen erschienenen Spiele haben sich weltweit geschätzt mehr als 270 Millionen Mal verkauft und sind damit hinter den diversen "Mario"-Titeln die zweiterfolgreichste Spielemarke der Welt.

Pokémon-Hype im Video: Menschen, die auf Smartphones starren

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Die kleinen Monster sind eine Art Lebensversicherung für den japanischen Spielehersteller, der nicht nur die Videospiele vertreibt, sondern auch Mitbesitzer der Pokémon-Company ist, die wiederum alle Rechte an den Monstern vergibt. Erfolgreiche Fernsehserien und Filme sind an das Spieluniversum angedockt, das Merchandising ist unüberschaubar. Wer in Tokio durch die Kitschläden geht, kann sich ganze Pokémon-Kollektionen kaufen. Diverse Flugzeuge der japanischen Fluglinie ANA waren lange im Pokémon-Design geschmückt, Flüge darin waren besonders begehrt.

Auch deshalb wird das Phänomen Pokémon nicht ernst genommen, wird irgendwo zwischen Teletubbies und Panini-Sammelterror angesiedelt. Kinderkram eben, eine im Hype geborene ästhetische Herausforderung im quietschbunten Manga-Look, die dazu da ist, die Menschheit einen Schritt näher an den Abgrund zu bringen.

Nimmt man aber die knallbunte Oberfläche weg, zeigt sich "Pokémon" als ein sehr gutes und cleveres Spiel, das im Laufe der Zeit behutsam weiterentwickelt wurde. Es kombiniert Rollenspiel und rundenbasierte Kämpfe mit einer Prise Entdeckergeist und einem ausgeprägten Sinn für gemeinsames Spielen. "Pokémon" ist leicht zugänglich und hoch komplex zugleich. Wer sich reinfuchst, wird weit kommen.

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"Pokémon Go": Die Welt jagt Monster

Gemeinsam statt einsam

Anfang des Jahrtausends in einer Hamburger U-Bahn, eine Diskussion zwischen vier Kindern im höheren Grundschulalter: Wer zuhörte, merkte, das hier unglaubliches Expertenwissen über Pokémon angehäuft war. Wie sich die einzelnen Monster entwickeln, welchen Elementen sie zugeordnet sind, wo man sie am besten fängt.

Flugzeug mit Pokémon-Bemalung
imago

Flugzeug mit Pokémon-Bemalung

Auch wenn man kaum kapierte, worum es in dem Gespräch eigentlich ging, war doch eins klar: Man kann sich in "Pokémon" verlieren, in die Tiefe gehen und trotzdem bleibt man damit nicht allein. Schließlich war die Serie von Anfang an darauf ausgelegt, Mitstreiter zu finden, gemeinsam zu spielen.

Und so ziehen die Spieler als Pokémon-Trainer durch die Game-Boy-Landschaft, um nach wilden Pokémon zu suchen, die dann mit einem so genannten Poké-Ball eingefangen werden können. Jetzt können sie trainiert und entwickelt werden, was nichts anderes heißt, als dass Pokémon Erfahrungspunkte bekommen, die von den Spielern verteilt werden und dass sie nach einer gewissen Zeit eine Stufe aufsteigen.

Das aber ist ein hoch komplexer Spielmechanismus, bei dem Nicht-Experten schnell aussteigen. Jedes Monster kann verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen, hat verschiedene Stärken und Schwächen. Ein guter Trainer sollte sie alle kennen. Inzwischen gibt es übrigens 721 verschiedene Pokémon, die so schöne Namen wie Bisaflor, Frizelbliz, Flunkifer oder Barschuft tragen.

Vorbild Insektensammler

"Pokémon" ist ein Geniestreich des japanischen Entwicklers Satoshi Tajiri, der zwei seiner Leidenschaften für das Spiel kombinierte: Das Sammeln von Insekten und Videospiele. Ersteres hat ihn in seiner Kindheit beschäftigt, Zweiteres später, als er unter dem Namen "Gamefreak" ein Spiele-Fanzine in Eigenproduktion veröffentlichte, um schließlich Entwickler zu werden, weil es nach seiner Meinung zu wenig gute Spiele gab.

Und so verwandelte er die geliebten Insekten in niedliche Monster und übertrug das Spiel aus der freien Natur in den Game Boy, auch aus dem Wissen heraus, dass für viele Kinder in Japan der Zugang zur Natur immer schwieriger wird. Wichtig aber war für ihn auch der Austausch der Spieler untereinander, das soziale Element, schon früh ermöglicht durch Kabel, mit denen Game Boys verbunden werden konnten.

"Pokémon Go" erntet die Früchte dieser Arbeit. Es sammelt viele der Spieler ein, die mit "Pokémon" groß geworden sind. Ob es aus ironischer Distanz geschieht oder aus alter Freundschaft: Pokémon können noch immer den Zauber von vor 20 Jahren entfalten. Die Kinder aus der U-Bahn von damals sind bestimmt dabei. Millionen andere Menschen auch.

insgesamt 43 Beiträge
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themistokles 13.07.2016
1. Datensammler...
Der Bilduntertext von Bild 14 der Slideshow sagt schon alles. Wer jetzt noch glaubt, da werden keine Bewegungsprofile angelegt (siehe Diskussion gestern) bzw. der User nicht getrackt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.
az75 13.07.2016
2. ich mags
Auch, wenn sicher wieder die unvermeidlichen Miesmacher kommen werden (Smombies, Bewegungsprofile, blablabla)... ich mags! In den letzten 2 Tagen habe ich mich a) soviel bewegt wie lange nicht, b) viele neue Ecken meines Viertels entdeckt und c) einfach unheimlich viel Spaß gehabt. Und heute, nach dem offiziellen release, innerhalb von ca. 2 Stunden allein 5 mal andere Leute/Gruppen auf der Jagd unterwegs getroffen, mit denen man ins Gespräch gekommen ist.
Alice D. 13.07.2016
3. Ein Geniestreich
Dieses Spiel bringt das erste mal eine so gut gelungene Verschmelzung des Pokemon Game Boy Spiels mit echt Zeit - und Ort Verknüpfung, wie die vorher nicht denkbar war. Allein deshalb ist dieses Spiel schon eine Meister Leistung, weiter hab es bisher noch nie eine App, die Menschen so effektiv motiviert hat das Haus zu verlassen. Ich komme aus einer sehr kleinen Uni-Stadt und die Poke-Zombies gehören hier seit einer Woche zum Stadtbild. Dies liegt daran, dass diese App gerade bei der Altersgruppe 18-25 auf große Beliebtheit stößt, da diese ihre Kindheit oftmals mit den alten Gameboy spielen verbracht haben und somit eine Menge Gefühle damit verbinden. Außerdem gibt es jetzt jeden Abend ein Treffen im Park oder am Marktplatz, wo bis zu 50 Leute zusammen kommen, welche sich eher stillschweigend dort verabreden und so'n jetzt viele neue Kontakte geschlossen wurden. Klar kann man jetzt wieder auf die Kritik Punkte schauen, aber im Endeffekt gibt man nicht mehr Daten Preis wie wenn man andere Apps verwendet, welche auf Google Software zurückgreifen. Ein absolut revolutionäres Spiel und sicher nicht wirkungslos.
tommit 13.07.2016
4. Pokemon
ein interessantes Phänomen... kleine Tierchen die pausenlos ihren Namen für und vor sich aussprechen. Aber anscheinend scheint so ein ball ja die artgerechte Haltung zu sein... Und die IT Gesellschaft braucht sie anscheinend als Kontaktbörse..... Ich stell mir gerade vor mein Chef läuft den ganzen Tag durch die Firma und macht : ChefChef ChefChef... und dann ballert er ein paar Blitze auf unliebsame Mitarbeiter..... Nee das ist mir ein wenig zu krass... 10 min Pokemon schauen und ich hab wieder diesen 'Ich glaub die Schallplatte hängt' Eindruck besonders bei so einem Treffen bei dem jedes Pokemon einzeln ständig seinen Namen rausplaudert... Pika Pika .... usw usw aber das Kindchen Schema ist anscheinend immer noch im Renner... wie gesagt höchst interessant...
Ultras 13.07.2016
5. @#1
Deutscher geht es nicht. Ja, vielleicht werden Daten gesammelt, aber wissen Sie was? Die sammelt Google auch, wenn ich mir auf meinem Smartphone das Wetter anschaue. Pokemon Go macht Spaß und süchtig, man kommt draußen rum und trifft andere. Niantic und Nintendo haben einen Nerv getroffen. Und von Leuten wie Ihnen werden sich die großen kleinen Kinder - wie ich - das Spiel auch nicht madig machen lassen.
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