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13. Juli 2017, 08:37 Uhr

Ein Jahr "Pokémon Go"

1000 Kilometer, 5390 Monster

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Vor einem Jahr ist "Pokémon Go" mit einem Riesenhype in Deutschland gestartet - und Millionen Spieler begeistert die App bis heute. Unser Autor erzählt, warum er noch immer gern auf Pokémon-Pirsch geht.

5390 Pokémon habe ich seit dem 13. Juli 2016 gefangen, an diesem Tag ist das Spiel in Deutschland erschienen. Unter den Tausenden Monstern waren 743 Taubsis, 635 Rattfratze und sogar 17 Pikachus - die Elektromaus ist das goldige Gesicht des gut 20 Jahre alten Nintendo-Kults. Doch mein Favorit ist mir nur ein einziges Mal begegnet: Porenta, eine angriffslustig dreinblickende Ente, die eine Lauchstange im Flügel hält.

Porenta ist eines der wenigen Monster, die sich in "Pokémon Go" nur in bestimmten Regionen der Welt finden lassen. Und ich bin zwei Nachmittage durch die Straßen Tokios gewandert, um es zu entdecken, durch ein Wischen meines Zeigefingers mit einem Pokéball zu bewerfen und erfolgreich in meinen Monsterzoo einzureihen.

Dabei ist die Jagd nach Porenta und anderen seltenen Pokémon nicht nur von der Befriedigung getrieben, wieder eine Lücke im Pokédex zu schließen, jener Kreaturen-Enzyklopädie, die in "Pokémon Go" aktuell 248 Einträge umfasst (und die bei mir immer noch schmachvolle 36 Leerstellen aufweist). Es geht stets auch darum, Mitspielern ein anerkennendes Staunen abzuringen und die Frage: "Wie bist Du denn da rangekommen?"

Alternative Realität für alle

Denn obwohl man sehr gut allein auf die Jagd gehen kann, ist "Pokémon Go" seit jeher ein soziales Erlebnis. Einerseits, weil Spieler gern ihre Sammlungen vergleichen. Andererseits, weil die Pokémon, die in der Umgebung auftauchen und sich via Android- oder iOS-App einfangen lassen, für alle Nutzer gleichermaßen sicht- und verfügbar sind.

Und so geschieht es, dass wildfremde Menschen, wenn sie denn mal von ihrem Handy-Display aufschauen, sich verschmitzt anlächeln oder verschwörerisch nicken. Oder sie kommen ins Gespräch über diese besondere Kreatur, die gerade in der Gegend aufgetaucht ist, oder über die Arena hier, die man soeben gemeinsam attackiert.

Ich selbst komme gewöhnlich als Verteidiger von Team Rot ins Gespräch mit Spielern der zahlenmäßig überlegenen blauen Fraktion, die sich hektisch aufs Display tippend rund um mein Wohnhaus herumdrücken.

Seit einem Umzug vor zwei Monaten sitze ich inmitten einer Arena, denn vor dem Gebäude befindet sich ein Stolperstein, der wie so viele andere Landmarken von den Entwicklern im Spiel als Kampfstätte ausgewiesen ist. Noch mehr besondere Orte dienen als Pokéstops - sie sind die Quellen für virtuelle Gegenstände wie Pokébälle, Heiltränke oder zu verfütternde Beeren, die alle fünf Minuten neu sprudeln.

Großstadt-Revier

Seit einem Update, das im Juni die bislang größten Änderungen in der Spielmechanik brachte, lassen auch die Arenen Items springen, wodurch der Rucksack meines Avatars stets bis zum Bersten gefüllt ist. Wichtiger aber ist, dass sich Arenen jetzt leichter und selbst mit durchschnittlichen Pokémon erobern lassen. Auch neue und Gelegenheitsspieler will man so zu engagiertem Spiel motivieren.

Bei mir hatte die ehemalige Google-Tochter Niantic mit dieser Strategie Erfolg. Allerdings ist die nach ein paar Monaten Halbherzigkeit neu entfachte Spielleidenschaft auch dem Umzug in die Stadt geschuldet: Metropolen werden seit jeher in puncto Pokémon-Frequenz und Pokéstop-Dichte bevorteilt.

Wer auf dem flachen Land Erfahrung sammeln, Medaillen verdienen, im Level aufsteigen und den Pokédex vervollständigen - also allen Facetten der Sucht frönen - will, muss weite Wege zurücklegen.

Angenehmer Nebeneffekt: Durch langsame Fortbewegung auf dem Rad oder zu Fuß werden Monstereier ausgebrütet und die zur Evolution vieler Pokémon wichtigen Bonbons verdient. Und die knapp 1000 Kilometer, die ich im letzten Jahr wegen "Pokémon Go" mit Freude durch die Gegend gewandert bin, waren meiner Gesundheit sicher nicht abträglich.

Monatlich 60 Millionen Spieler

Auch für die Betreiber hat sich das Jahr "Pokémon Go" gelohnt: Laut der Tech-Website "Venture Beat" wurde die App über 750 Millionen Mal heruntergeladen und hat Erlöse von 1,2 Milliarden US-Dollar generiert. Der Löwenanteil entfiel zwar auf 2016, die letzten sechs Monate investierten Monsterjäger aber immer noch 250 Millionen Dollar in virtuelle Pokémünzen, mit denen im App-eigenen Shop Glückseier, Lockmodule oder Brutmaschinen erstanden werden.

Und dank kontinuierlicher Updates, der Integration neuer Objekte, Spielmechaniken und Monstergenerationen gelingt es Niantic heute noch, 60 Millionen Spieler im Monat zu aktivieren. In der Hochphase im August 2016 waren es 100 Millionen.

Ich selbst habe übrigens keinen müden Euro für "Pokémon Go" ausgegeben, zumindest nicht direkt in der App. Für Datenpässe in Japan, den USA und im europäischen Ausland und das regelmäßige Zubuchen von Bandbreite in Deutschland ist aber doch ein bisschen was zusammengekommen.

Und damit ich im Pokédex anderer Spieler künftig nicht mehr neidvoll auf Kangama (ausschließlich in Australien) oder Skaraborn (Lateinamerika) blicken muss, dürfte bald auch noch einiges an Reisekosten anfallen.

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