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"Rage 2" angespielt: Schnell schießen, schnell fahren, nicht nachdenken

Foto: Bethesda

"Rage 2" im Test Granaten auf den guten Geschmack

"Rage 2" ist eine sinnfreie Mischung aus "Mad Max" und "Doom". Gerade deshalb ist das Actionspiel eine der großen Überraschungen des Jahres.

Schnell schießen, immer in Bewegung bleiben, bloß nicht getroffen werden und zwischendurch mit dem Auto durch eine postapokalyptische Landschaft fahren, um die nächste Stelle zu suchen, wo man schnell schießen kann: "Rage 2" ist simpel gestrickt - und das ist seine große Stärke.

"Rage" erschien 2011 und sollte so etwas wie ein Neuanfang für id Software werden. Das texanische Entwicklungsstudio ist mit "Wolfenstein", "Doom" und "Quake" so etwas wie der Urvater des Ego-Shooters, suchte aber - auch nach dem als altbacken kritisierten "Doom 3" - nach neuen Ideen. "Rage" sollte eine der Urformen von Videospielen - schießen - mit einer anderen Urform verbinden: fahren oder, besser gesagt, rasen.

Das hat nicht ganz funktioniert, auch weil sich beide Elemente nicht ergänzt haben, sondern seltsam nebeneinanderstanden. Für "Rage 2" holte id sich deshalb ein weiteres Studio dazu: Avalanche aus Schweden, das bereits mit der "Just Cause"-Serie riesige offene Welten schuf und mit "Mad Max" die Postapokalypse erkundete.

"Rage 2" steht sowohl "Doom" als auch "Mad Max" sehr nahe. Es sieht allerdings deutlich besser aus, wechselt von der Außenansicht in die Ego-Perspektive und nutzt diese grandios. Das merkt man vor allem an den Kämpfen, die wie aus "Doom" übernommen wirken. Schnelle Reaktionen sind gefragt, ständige Bewegung ist ein Muss. Gleichzeitig altbekannt und aufregend neu, so wie es id-Software-Spiele eben immer noch sind.

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"Rage 2" angespielt: Schnell schießen, schnell fahren, nicht nachdenken

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Ein Rachefeldzug

Was id-Software-Spiele hingegen nicht sind: erzählerische Glanzleistungen. Da reiht sich "Rage 2" nahtlos ein. Kurz zusammengefasst: Ein Asteroideneinschlag löscht fast die gesamte Menschheit aus, Überlebende kämpfen um Land und Ressourcen, Böse sind richtig böse, Gute sind richtig gut, wenn sie nicht eigentlich auch böse sind. Der oder die Protagonistin Walker - das Geschlecht ist die einzige Entscheidung, die Spieler über ihre Figur treffen können - verliert zu Beginn fast seine beziehungsweise ihre gesamte Familie und zieht los, um den Angriff auf die eigene Siedlung zu rächen.

Walker trifft dabei auf einen verrückten Wissenschaftler, der mit russischem Akzent spricht, einen Superreichen mit Trump-Tolle oder einen halb maschinenhaften General mit Diktatorfantasien. Die Filmszenen sind zum Glück kurz gehalten und lassen sich überspringen. Man wird kaum etwas verpassen, wenn man das tut.

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USK: ab 18 Jahren

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Einmal mehr zeigt sich in "Rage 2", dass in Open-World-Spielen die Erzählung eigentlich von der Landkarte übernommen wird. Je mehr man unterwegs ist, desto mehr Orte offenbaren sich dort. Fragezeichen verwandeln sich in Banditenunterschlüpfe, in kleine Orte oder in verlassen wirkende Tankstellen, an denen man Ressourcen und versteckte Gegner findet. Immer mehr treibt man durch die Gegend, will alles erkunden, nur noch den nächsten Unterschlupf erobern, einen weiteren Turm der Obrigkeit außer Gefecht setzen, einen weiteren Ballon finden und abschießen, mehr Waffen, mehr Zusatzfähigkeiten erlangen. Man tritt in Arenakämpfen gegen Gladiatoren an, haut auf Gegner ein, bis sie in eine violette Fontäne zerplatzen, oder sprengt sie mit Granaten in die Luft.

Schlechter Geschmack und kaputte Musik

Gewalt - und auch das ist ein Markenzeichen von id Software - ist immer total übertrieben. Splatter-Effekte werden gern eingesetzt, von passender Musik getrieben. Schon "Doom" oder "Quake" waren Spiel gewordene Heavy-Metal-Fantasien, die technisch perfekt umgesetzt wurden. "Rage 2" ist eine Mischung aus schlechtem Geschmack, kaputter Musik und nichtssagenden Charakteren. Es hätte ein katastrophal schlimmes Spiel werden können, die nötigen Anlagen dazu hat es. Stattdessen stellt es sich selbstbewusst mit lila gefärbtem Iro hin, spielt breitbeinigen Dumpf-Metal und lässt Spieler zur Knarre greifen, Gegner mit einem wohl gezielten Tritt an die Wand schleudern oder von oben springend zerschmettern. Das mag trashig sein, aber es funktioniert ganz wunderbar.

Während man das alles tut, stellt man es nicht infrage. "Rage 2" hält einen Spielfluss aufrecht, hetzt den Spieler einfach auf den nächsten Gegner, zeigt zwischendurch ein wenig von der großartig inszenierten Ödlandschaft, um dann gleich wieder voll in die Action einzusteigen.

Hört man allerdings mit dem Spiel kurz auf, versteht man sich selbst kaum: Diese schlimm aussehenden Figuren mit ihren Punkfrisuren, dieses Nichts an Geschichte, die überflüssige, überdrehte Gewalt. Es beleidigt im Grunde alles, was man für Geschmack hält - und macht gerade deshalb einen Heidenspaß.


"Rage 2" von Bethesda, für PC, Playstation 4 und Xbox One; ca. 60 Euro; USK: Ab 18 Jahren