VR-Abenteuer "Robinson: The Journey" Einsam und verloren im Dinoland

Unterwegs mit einem Baby-T-Rex: In "Robinson: The Journey" erkundet man einen Planeten voller Dinosaurier, in Virtual Reality. Das hört sich gut an und sieht auch gut aus - ist aber leider eine elende Quälerei.

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Spoiler-Hinweis: Dieser Artikel verrät nur grobe Details zur Handlung des Spiels.

Am glücklichsten bin ich beim Spielen von "Robinson: The Journey", als ich meine Virtual-Reality-Brille abziehe, um per Handy YouTube aufzurufen. Ich hänge an einem Rätsel unmittelbar vor Spielende, auch nach einer halben Stunde habe ich keine Idee, wie ich weiterkommen soll. Nun sehe ich in einem Video, dass es einem anderen Spieler genauso geht, er scheitert an exakt derselben Stelle. Auch er flucht herum und läuft ziellos durchs Level, ist genauso sauer wie ich. Das tut gut. Offenbar macht dieses Spiel nicht nur mich aggressiv.

Nach gut 20 Minuten Rumprobieren kommt der YouTuber auf die Lösung, er entdeckt im Dunkel des Levelrands einen Kletterpfad. Absurd einfach, im Nachhinein. Aber man ist in "Robinson" nun einmal nicht der allwissende Designer, sondern der bis hierhin sowieso schon leidgeplagte Spieler.

Und wieder stellt man fest, dass der einzige Tipp des Spiels unpassend und verwirrend war - schon wieder. "Gut gemacht. Das sollte stabil genug für eine Brücke sein - besser du gehst darüber, als zu schwimmen", hatte die Künstliche Intelligenz (KI) HIGS fernab jedes Wassers gefaselt. Die beschriebene Situation ist beispielhaft für meine Erfahrungen mit "Robinson: The Journey".

Die Welt lebt

Das Adventure des deutschen Studios Crytek zählt zu den meisterwarteten VR-Spielen überhaupt. Am Mittwoch erscheint es für die Playstation VR. "Robinson" wirkt auf den ersten Blick wie das, was dem VR-Markt fehlt, wie eine Killer-App, wie ein richtiges Spiel mit guter Grafik, das mehr ist als nur ein einstündiges "Erlebnis", wie etwa "Batman: Arkham VR". Als kleiner Junge auf einem fremden Planeten voller Dinosaurier gelandet zu sein, das klingt vielversprechend.

In der Praxis sieht "Robinson" gut aus, auch auf einer normalen Playstation 4 (die PS4-Pro-Version wurde grafisch sogar noch einmal aufgebohrt). Auch die Soundeffekte des Spiels überzeugen, ein Dschungel etwa klingt nach Dschungel.

Per Gamepad bewegt man sich halbwegs frei über einen kleinen Teil des Planeten, auf dem etwa Schmetterlinge, Motten und Mäusen leben - und eben Dinos. Manchmal kletterte ich einen Baum hoch und schaue gen Abgrund, während neben mir ein Chamäleon krabbelt - ein toller Moment, in dem ich kurz verdrängen konnte, dass ich nun zum dritten Mal an der Stelle vorbeikomme, weil ich einen Tipp von HIGS nicht richtig verstanden hatte.

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VR-Spiel: So spielt sich "Robinson: The Journey"

Mein KI-Helfer ist ein Art fliegendes Auge, das mal mehr, mal weniger nützliche Hinweise gibt. HIGS begleitet mich, den Jungen Robin, bei meinen Abenteuern. Genau wie manchmal Laika, ein kleiner T-Rex. Laika kann man sich wie einen streunenden Hund vorstellen, den man füttern und brüllen lassen kann.

HIGS dagegen zeichnet sich durch Übervorsicht aus. Seine Warnungen gilt es gekonnt zu ignorieren. In "Robinson" gibt es keine Waffen, aber auch fast keine Gegner. Als ich mich längst an HIGS Übervorsicht gewöhnt habe, warnt er, ich werde bei einem bestimmen Knopfdruck sterben - was dann ärgerlicherweise tatsächlich passiert.

Wofür habe ich Move-Controller?

Anfangs erinnert das Spiel an den Film "Der Marsianer". Ich habe die Aufgabe, die Umgebung um meine Raumkapsel in Ordnung zu halten. Ich räume auf, baue eine Vogelscheuche, kann Basketball spielen und per Mini-Spiel die Stromversorgung auf meiner Farm wiederherstellen. Gegenstände lassen sich per R2-Taste aufheben und mit X werfen. Hält man L2 und R2 gedrückt, kann man sie drehen.

Das alles wirkt mühsam, wenn man VR-Spiele wie den "Job Simulator" gespielt hat. Viele Situationen - wie schon das Öffnen der Kapseltür - schreien geradezu danach, mit den (als Zubehör erwerbbaren) Move-Controllern bewältigt zu werden. Das Spiel unterstützt sie aber nicht, was skurril ist, trägt die Hauptfigur doch ein Scangerät in der Hand, das wie ein Move-Controller aussieht.

Am meisten vermisst man die Controller im Mittelteil des Spiels, der vor allem aus Kletterei besteht. Hier steuert man Robins Hände per Blick, wie im Crytek-Spiel "The Climb" für die Oculus Rift. (Wer "The Climb" wegen der Steuerung oder Höhenangst anstrengend findet, wird übrigens auch bei "Robinson" leiden)

Allein im Weltall

Allgemein ist die Steuerung des Spiels fummelig, was manches Rätsel unnötig erschwert. Oft muss etwas genau so ausgeführt werden, wie die Entwickler es wollen. Ein Irisscan etwa fällt nur dann positiv aus, wenn man mehrere Sekunden vor dem Scanner stehen bleibt. Bewegt man sich zu früh, klappt es nicht. Einen Hinweis darauf, was man falsch gemacht hat, bekommt man nicht.

Soll das so? Mein T-Rex läuft durch eine Kiste

Soll das so? Mein T-Rex läuft durch eine Kiste

Nach knapp einer Stunde Spielzeit habe ich "Robinson" sogar noch einmal von vorn gestartet, nachdem ich bemerkt hatte, dass ich meinen T-Rex nicht richtig kontrollieren konnte. Das lag wohl daran, dass Laika mitten durch eine Kiste aus ihrer Höhle ausgebüchst war, in der sie laut Spiellogik vielleicht noch hätte drin sein sollen.

In "Robinson" fühlte ich mich oft einsam und verlassen, wusste nicht, was ich als Nächstes tun sollte. Ich irrte dann durch die Welt, in der Hoffnung, dass sich irgendwo irgendetwas tut. Mir war nicht mal klar, welche Aufgaben wirklich wichtig sind und welche nur Zeitvertreib: Muss ich wirklich alle Lebewesen scannen? Oder will HIGS mir das nur aufbürden, damit das Spiel länger dauert? Und was genau soll ich im gegnerfreien Lager tun, wenn die Aufgabe lautet, ich solle einen weiteren Tag überleben?

Eine schwache Story

Nicht nur das Gamedesign, auch die Inszenierung des Spiels enttäuscht: Der "Game over"-Screen ist denkbar ätzend und das Mini-Intro von "Robinson" dürfte zu den lieblosesten der jüngeren Spielgeschichte zählen. Und nicht mal Story und Spielerlebnis passen zusammen: Unbeholfen wie der erste Mensch erkunde ich zum Beispiel mein Lager, in dem ich angeblich schon seit 385 Tagen lebe. Warum weiß ich dann nicht, was Laikas Lieblingsspielzeug ist, sondern muss das per Trial-and-Error herausfinden?

Dämlich ist auch eine Situation am Spielende, in der ich - ein Kind! - es nicht schaffe, durch ein Loch zu krabbeln, durch das sogar Laika passt, was sie immerhin zum ungefähr zweiten Mal überhaupt irgendwie nützlich macht.

Zu unfertig erschienen

Letztlich fehlt "Robinson" einfach der Feinschliff. Die Ansätze sind nett, aber dieses Spiel hätte lieber später erscheinen sollen, mit Unterstützung der Move-Controller, mit Ideen, was der Dino bringen soll und vor allem mit weniger kleinen Fehlern. 69 Euro ist "Robinson" nicht wert, so viel mehr Spielerlebnis als andere VR-Titel es auch bietet.

Immerhin - und da geht es laut Internetforen nicht allen Spielern so - konnte ich das Spiel mit nur zwei Pausen rund sechs Stunden lang spielen, ohne dass mir übel wurde. Und, ja, es war ziemlich lustig, dem YouTuber beim Scheitern zuzusehen.

Zum Durchklicken: Zehn Playstation-VR-Spiele im Kurztest

"Robinson: The Journey"
Hersteller: Crytek
Plattform: Playstation 4
Besonderheiten: Läuft nur in Kombination mit Playstation VR
Preis: 69 Euro
USK: Ab 12 Jahren



insgesamt 2 Beiträge
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der_unbekannte 09.11.2016
1. Tech-Demo, mehr nicht
Viele VR Spiele haben das Problem, das sie zwar technisch was hermachen und für einen Ah-Effekt sorgen, aber inhaltlich absolut lahm sind.
westerwäller 09.11.2016
2. Virtual Reality wird die nächste, große Sache ...
Alle diejenigen, die schon ein Fitness-Armband haben, spielen mit dem Gedanken, sich so eine Taucherbrille zu kaufen. Bis auf diejenigen, die Kinder haben ... Die befürchten, dass die Kinder einen Schock bekommen könnten, wenn sie ihren Daddy mit einer Alien-Brille auf der Nase zombieartig in der Wohnung herumlaufen und erratische Armbewegungen ausführen sehen ... Ach was waren das noch für Zeiten, als die ganze Familie sich auf der Couch versammelte und mit modischen Brillen auf der Nase sich den neuesten der vielen Blockbuster in 3-D ansah ...
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