Online-Spieleplattform Wie Roblox die Kinderzimmer erobern will

Mit 90 Millionen monatlichen Nutzern kann sich der Kinderkosmos Roblox durchaus mit "Minecraft", "Fortnite" und Co. messen. Eltern sollten allerdings die Profileinstellungen ihrer Kinder überprüfen.

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Wer seinen Comic-Charakter bei Roblox auf die Reise schickt, muss sich erst einmal entscheiden: Auf der Online-Plattform segeln Piraten um die Wette, Polizisten jagen Verbrecher, Batman duelliert sich mit Superman, Pizzabäcker kämpfen um Kunden. Bei knapp 60 Millionen verschiedenen Spielen fällt die Auswahl schwer, aber für fast alle ist etwas dabei. Ganz gleich, ob man Jump 'n' Runs, Rollenspiele, Simulationen oder Shooter bevorzugt.

Doch im Fokus von Roblox stehen Kinder: Etwa die Hälfte aller Nutzer ist jünger als 13 Jahre. Nach dem Erfolg in den USA will das kalifornische Unternehmen auch hiesige Kinderzimmer erobern. Seit April gibt es Roblox auf deutsch, 150 Topspiele sind übersetzt und deutschsprachige Mitarbeiter für den Support eingestellt worden.

Dabei sah es lange so aus, als würde Roblox ein ewiges Nischendasein fristen. Es ist der Spätzünder unter den Online-Spielplätzen. Die Plattform gibt es schon seit 2006. Roblox ist damit älter als das drei Jahre später veröffentlichte "Minecraft". Nun aber scheint der Zeitpunkt für den Durchbruch gekommen zu sein. Vor vier Jahren waren es noch sechs Millionen Spieler. Heute kann Roblox mit 90 Millionen monatlich aktiven Nutzern mit "Minecraft" und dem Playstation Network mithalten. Auch der Online-Hit "Fortnite" dürfte nicht allzu weit entfernt sein. Im August zählte Epic noch rund 78 Millionen monatlich aktive Nutzer.

Europa sei bereits jetzt der zweitgrößte Markt für Roblox, sagt Teresa Brewer, Leiterin der Unternehmenskommunikation, dem SPIEGEL: "Wir erwarten, dass die Zahl der europäischen Nutzer die Zahl der US-Nutzer im Verlauf der nächsten zwei Jahre übertreffen wird."

Wie Lego-Figuren im "Minecraft"-Kosmos

Das Rezept für den Erfolg: Roblox mischt geschickt die Erfolgsmodelle der Konkurrenz. Die Figuren sehen so putzig aus wie Lego-Männchen, die simple Steuerung erinnert an die Klötzchen-Klickerei bei "Minecraft", und die bunten Spielwelten laden wie in "Fortnite" zum Online-Treffen mit Freunden ein.

Außerdem setzen die Roblox-Entwickler auf ein ähnliches Modell wie Apple mit dem App Store: Die Nutzer dürfen nicht nur spielen, sondern bekommen auch das Werkzeug geliefert, um eigene kreative Ideen umzusetzen. Das Entwickler-Tool wird parallel zum Spiel installiert und lässt sich ohne viel Programmierkenntnisse bedienen. Das führt dazu, dass mittlerweile etwa vier Millionen Hobby-Programmierer die Roblox-Welt bunter machen.

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Online-Spieleplattform: So sieht die Roblox-Spielewelt aus

Die Entwickler werden dafür mit etwa einem Drittel der Einnahmen an Mikrotransaktionen beteiligt. Die Spiele sind kostenlos, doch Nutzer können mit der virtuellen Währung Robux ihre Figuren aufmotzen, sich Flügel anstecken, Batman-Kostüme kaufen oder Supersprungkraft freischalten. Robux lassen sich auch beim Spielen sammeln, doch nur sehr langsam. Für ungeduldige Nutzer gibt es Pakete mit der virtuellen Währung, die bis zu 200 Euro kosten. Das lohnt sich offenbar für Unternehmen und Entwickler. Nach eigenen Angaben hat Roblox im vergangenen Jahr mehr als 50 Millionen Euro an Hobby-Programmierer ausgeschüttet, davon knapp 16 Millionen an die 500.000 Roblox-Entwickler in Europa.

Kampf gegen den Missbrauch

Der Haken an dem Geschäftsmodell: Die künstlerische Freiheit wird von einigen Nutzern missbraucht. Zwar sind die Chart-Spiele in der Regel frei von obszönen Szenen. Doch wer ein wenig wühlt, der findet Inhalte, die keineswegs für Kinder geeignet sind. Rechtspopulistische Gruppen zelebrieren etwa ein deutsches Imperium im Jahr 1944. Andere Nutzer, die sich nach dem Nazi-Groschenheft "Landser" benannt haben, laden Wehrmachtslieder hoch.

Auch tauchen auf YouTube immer wieder obszöne Clips mit Links zu Spielen auf, in denen sich die Figuren nackt in virtuellen Räumen vergnügen. Im vergangenen Jahr beklagte sich eine Mutter darüber, ihr sechsjähriges Kind sei in solch einem Sex-Raum gelandet. Kurz darauf meldete sich eine Mutter auf Facebook mit dem Vorwurf, ihre Tochter habe beobachten müssen, wie ihre Spielfigur vergewaltigt worden sei. Das sind bittere Rückschläge für den Kinderkosmos-Betreiber.

Roblox reagiert in der Regel schnell auf solche Vorfälle, löscht das Material und sperrt die Täter. "Wir versuchen, alles zu tun, was in unserer Macht steht, um übles Verhalten und Übeltäter zu entdecken, zu melden und zu verhindern", sagt Brewer. Doch das ist viel Arbeit für die weltweit nur 700 Moderatoren. Die Mitarbeiter werden zwar unterstützt von Algorithmen, die Chats auf obszöne Sprüche und Telefonnummern überprüfen. Dennoch müssen sie jeden Monat Millionen von Spielwelten ablaufen, Videos sichten und Audiodateien abhören.

"Wir haben eine Nulltoleranz-Politik gegenüber unangemessenem Inhalt auf der Plattform", sagt Brewer. Vor allem Kinder, die jünger sind als 13 Jahre, sollen geschützt werden. Kinder haben daher nur einen begrenzten Zugriff auf die Plattform. Außerdem bittet das Unternehmen die Eltern darum, die Kinder nicht alleine zu lassen mit der Anmeldung. Sie sollen dabei sein, wenn ein Profil eingerichtet wird, um in den Einstellungen etwa Chats mit Fremden zu unterbinden.

Roblox ist kostenlos für PC, Mac, Android, iOS und Xbox One. Eine Version für die Playstation 4 soll bald erscheinen.



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