Fotostrecke

"Drachenväter": Das Buch über die Geschichte des Rollenspiels

Buch-Crowdfunding Nie war es leichter, Verleger zu sein

Ein opulenter Bildband über die Geschichte des Rollenspiels? Mit der Idee bekamen Tom Hillenbrand und Konrad Lischka von Verlagen nicht mal eine Absage. Also veröffentlichten sie ihr Buch in Eigenregie, finanziert von Fans. Und zogen daraus einige Lehren.

Ein Buch über die Geschichte von "Dungeons & Dragons" und "Das Schwarze Auge" - wer soll denn sowas kaufen? Und dann auch noch durchgehend in Farbe - wer kann die horrenden Druckkosten tragen? Zu abseitig und zu teuer, das war die Reaktion der meisten Verlage, denen wir unser Buchprojekt "Drachenväter" präsentierten. Moment, das ist nicht ganz richtig: Viele Lektoren, denen wir das Exposé schickten, meldeten sich nicht einmal mit einem knappen "Och nö" zurück, geschweige denn nannten sie uns Gründe.

Also beschlossen wir, "Drachenväter " selbst zu verlegen. Anfangs hatten wir Muffe. Zwar sind wir Medienprofis, aber die Produktion eines großformatigen Buchs mit vielen Bildern ist teuer und komplex. Über die Crowdfunding-Plattform Startnext  sammelten wir 20.511 Euro - genug, um die Produktionskosten zu decken.

Jetzt erscheint das Buch. Die Internet-Unterstützer erhalten Ende März ihre vorbestellten Exemplare, Mitte April geht das Buch in den regulären Handel. "Drachenväter" ist eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Buch-Crowdfunding-Projekte, aber keineswegs das einzige. In den vergangen Monaten wurden auf Startnext unter anderem der Bildband "Alltagstourist ", das Sachbuch "Das neue Spiel " oder das "Sushibuch " vorfinanziert. Wir glauben, dass dies nur der Beginn eines Booms bei schwarmfinanzierten Büchern ist.

Wie Crowdfunding und Büchermachen in Eigenregie funktionieren, haben wir mit "Drachenväter" ausprobiert. Hier unsere Lehren:

1. Eine homogene, online-affine Zielgruppe hilft

Dass Fantasy-Rollenspiele ein sehr spezielles Thema sind, war beim Gespräch mit Verlagen hinderlich. Beim Crowdfunding dürfte uns das hingegen genützt haben. Das Projekt hatte eine klar umrissene Zielgruppe: Menschen, die irgendwann einmal "Dungeons & Dragons", "Das Schwarze Auge" oder ein anderes Tischrollenspiel gespielt haben.

Diese Zielgruppe umfasst einige hunderttausend Personen. Viele von ihnen haben eine starke Bindung zum Thema, die meisten gehören zur sogenannten "Generation C64", sind technikaffin und deshalb leicht über Online-Foren oder Facebook ansprechbar.

Fast alle erfolgreichen Crowfunding-Medienprojekte bei Startnext oder dem US-Pendant Kickstarter haben solche klar umrissenen Zielgruppen: Filmdokus über den BVB  und Fortuna Düsseldorf  oder eine Kabarettsendung mit dem mittlerweile verstorbenen Dieter Hildebrandt .

Wir wussten zudem, dass viele Autoren und Verleger aus dem Rollenspielbereich erfolgreich Produkte via Crowdfunding finanziert haben. Klassische Tischrollenspiele wie "Traveller " oder "Call of Cthulhu " sammelten auf Kickstarter bereits sechsstellige Beträge ein und verkauften Zehntausende Bücher.

2. Je spezieller das Thema, desto besser

Am besten scheint Crowdfunding bei jenen Themen zu funktionieren, die man gemeinhin als Special Interest bezeichnet. Das können Rollenspiele sein, aber auch zum Beispiel türkische Küche.

Der Vorteil solcher Themen ist vor allem, dass sie sich erklären lassen, selbst wenn das Buch noch nicht geschrieben ist. Belletristik, zumal ungeschriebene, ist schwerer zu beschreiben als ein Sachbuch. Und was man nicht versteht, das finanziert man auch nicht.

3. Ein klares Versprechen

Wer vorab Geld möchte, muss seinen Kunden klar sagen, wofür sie zahlen. Bei Crowdfunding-Kampagnen ist es üblich, die Unterstützer zwischen verschiedenen Dankeschöns auswählen zu lassen - T-Shirts, Sticker, Poster, Bücher.

Man sollte solche Wahlmöglichkeiten zwar anbieten, gleichzeitig aber aufpassen, dass man sich nicht verzettelt. Deshalb haben wir die Printausgabe von "Drachenväter" in den Mittelpunkt gestellt. Wir haben uns dagegen entschieden, ein E-Book allein als Dankeschön anzubieten.

Denn letztlich funktioniert ein derartiges Buchprojekt betriebswirtschaftlich nur, wenn genügend Leute die opulente Version vorbestellen. Das liegt daran, dass Stückkosten für Kleinauflagen viel höher sind als für größere. Wir hatten vorab berechnet, dass wir den Druck von 1000 Exemplaren finanzieren können, wenn mindestens 275 Fans das gedruckte Buch ordern.

Die große Mehrheit der Vorabbesteller hat sich tatsächlich für die reine Printausgabe entschieden. Ähnlich ist die Verteilung auch bei großen Crowdfunding-Erfolgen von Buchprojekten, etwa bei "Numenera " oder "Call of Cthulhu 7th Edition ".

Es mag paradox erscheinen, dass online-affine Kunden bei einer Finanzierung übers Netz Printprodukte bevorzugen. Ist es aber nicht. Fans wollen ein hochwertiges Produkt in den Händen halten, es geht schließlich um ihr liebstes Hobby.

4. Mit Profis arbeiten

Trotz aller Komplexität: Es ist weniger schwierig, so ein Projekt durchzuziehen, als wir gedacht hätten. All jene Dienstleistungen, die man als Autor klassischerweise von einem Verlag bezieht, lassen sich inzwischen einzeln einkaufen.

Die Designagentur wppt entwarf für uns Logo und Layout. Der Verlag Monsenstein & Vannerdat kümmerte sich um Druck und Vertrieb. Die Firma Readbox konvertierte die Druckvorlage in verschiedene Digitalformate und lieferte sie aus.

Bei für den Laien undurchdringlichen Fragen wie der, ob Mattfolienkaschierung und partieller UV-Lack sich mit einer Blindprägung vertragen (und was das kostet), konnten wir stets jemanden fragen, der wirklich Ahnung hat.

5. Ein Plan, Zeit und Geld

Bevor wir den ersten Euro von Unterstützern einsammelten, hatte uns "Drachenväter" bereits eine Stange Geld und viel Zeit gekostet: Wir recherchierten drei Jahre lang, schrieben, ersteigerten alte Ausgaben von Rollenspielen, sprachen mit Veteranen aus der Szene, suchten Fotos und klärten Bildrechte.

Hier gilt das Prinzip der Selbstausbeutung, es fallen kaum Kosten an. Das ändert sich jedoch kurz vor Kampagnenstart. Die Produktion eines professionell gemachten Werbevideos ist nicht ganz billig. Und alle zum Projekt gehörenden Grafiken, Logos und Webseiten sollten von Profis gestaltet sein - oder würden Sie ein Medienprojekt unterstützen, dessen digitale Visitenkarte amateurhaft aussieht?

Rasch kommen so mehrere tausend Euro Kosten zusammen. Uns hat enorm geholfen, ein Team von Dienstleistern (Art Direction, Video, Drucker) an Bord zu haben, bevor das eigentliche Crowdfunding begann. Wir konnten so die Kosten kalkulieren und den Unterstützern genau beschreiben, wie das fertige Buch aussehen wird.

Wer ein bisschen BWL kann, ist im Vorteil. Es empfiehlt sich, die Grenzkosten und Deckungsbeiträge für diverse Dankeschöns zu berechnen und verschiedene Varianten (Preise, Absatzzahlen) zu kalkulieren.

6. Crowdfunding ist ein Langstreckenlauf

Unsere Kampagne lief zwei Monate lang. Wir haben dafür gesorgt, dass es immer wieder Neuigkeiten gab und weitere Menschen von dem Buch erfuhren: Wir haben Gastbeiträge veröffentlicht, das Projekt in Foren vorgestellt, Rollenspiel-Läden und Blogger angeschrieben.

Wir haben Auszüge und Layouts ins Netz gestellt und uns mit wachsendem Fördervolumen neue Ziele gesteckt: Bei 14.000 Euro bekam das Buch Fadenheftung und partiellen UV-Lack auf dem Cover, bei 15.000 Euro ein Lesebändchen und Blindprägung, bei 17.000 Euro 360 statt 320 Seiten, bei 18.000 Euro einen Schutzumschlag mit partieller UV-Veredelung.

Wir waren ständig im Dialog mit unseren Förderern. Diese Hyperaktivität zeichnet die meisten erfolgreichen Buchprojekte aus - in deren Projekt-Blogs findet man in der Regel alle zwei, drei Tage neue Einträge mit Neuigkeiten für die Unterstützer. Man muss die Fans überzeugen, es weiterzuerzählen, immer wieder.

7. Crowdfunding ist eine Inszenierung

Nach außen geben sich die meisten Crowdfunder demütig und erwecken gegenüber den Unterstützern nie den Eindruck, das Ding sei bereits in der Kiste. Tatsächlich wissen aber zumindest die Erfahrenen, ob sie sich einer ausreichenden Unterstützung für ihr Projekt sicher sein können. Sonst fangen sie gar nicht erst an.

Wer vorab die Zahlen ähnlicher Projekte studiert, gute PR macht und eine realistische Unterstützungssumme wählt, wird kaum scheitern. Einige US-Verlage, speziell aus dem Spielebereich, finanzieren deshalb inzwischen alle wesentlichen Projekte über Kickstarter. Es geht ihnen nicht mehr primär darum, ein Projekt zu realisieren, sondern schlichtweg um Abverkauf.

Crowdfunding ist deshalb mitunter eine Inszenierung, eine Show, deren Ergebnis bereits feststeht. Es ist zudem eine Inszenierung in dem Sinne, dass der Ablauf der gesamten Kampagne von vornherein feststehen sollte. Kleinere Projekte lassen sich vielleicht noch halbwegs ungeplant aus dem Bauch heraus machen.

Schon bei "Drachenväter" mit seinen 428 Unterstützern war dies kaum mehr möglich. Idealerweise sollte man bereits vor dem Start der Unterstützungskampagne wissen, wann man wen mit Informationen versorgt und welche besonderen Aktionen und Ziele geplant sind.

8. Den Unterstützern zuhören. Aber nicht immer.

Hunderte von Unterstützern eines Projekts wissen besser als man selbst, was sie sich wünschen. Zuhören hilft. Wir bekamen zum Beispiel von der Community den Tipp, Fünferpakete des "Drachenväter"-Buchs anzubieten - weil dies die typische Spieleranzahl einer Runde ist. Daran hatten wir nicht gedacht, am Ende hat uns dieses Dankeschön 1350 Euro beschert.

Allerdings sollte man nicht auf alles hören. Jedes öffentliche Projekt ruft eben auch einige auf den Plan, die meinen, alles viel besser zu wissen. Feedback ist großartig - solange man cool bleibt und sich nicht von seiner Grundidee abbringen lässt.


Tom Hillenbrand, Konrad Lischka: Drachenväter  - Die Geschichte des Rollenspiels und die Geburt der virtuellen Welt, 360 Seiten; 42 Euro