Audiospiele im Test Wer schreit, gewinnt

Alle mal herhören! Manche Spiele funktionieren auch ohne Bilder - wenn der Sound außergewöhnlich ist. "Zombies, Run!" motiviert Läufer mit Untotengeschrei, im "Dark Room Sex Game" muss gestöhnt werden. Sechs Audiogames im Kurzporträt, mit Ausschnitten zum Reinhören.
Audiospiel "Pah!": Bei diesem Spiel muss mitgebrüllt werden

Audiospiel "Pah!": Bei diesem Spiel muss mitgebrüllt werden

Foto: Labgoo

Der Spielemarkt entwickelt sich ständig weiter - und mit ihm seine Begriffe. Als "Audiogame" galten noch vor wenigen Jahren Spiele, die sich an sehbehinderte Gamer richteten. Mittlerweile ist die Definition dank neuer Klangexperimente offener. "Ein Audiogame ist ein Spiel, das nicht ohne Sound gespielt werden kann", sagt Sander Huiberts, einer der Betreiber der Website Audiogames.net.  Wichtig sei, dass der Spieler im auditiven Bereich herausgefordert werde. Das Zuhören müsse sein Handeln und Spielerlebnis prägen.

Die Möglichkeit, Soundeffekte oder sogar die Nutzerstimme prominent in ihr Spielkonzept zu integrieren, nutzen Entwickler auf verschiedenen Plattformen. Von der iPhone-App bis zum Kunstspiel stellt SPIEGEL ONLINE sechs ungewöhnliche Audiogames vor:

"Zombies, Run!" - Ums virtuelle Leben laufen

Menüscreen aus "Zombies, Run!": Die gerade erschienene iPhone-App ist ein Mix aus Laufsoftware und Spiel. Eingebettet in die echten Lauftrainings des Nutzers erzählt sie eine Zombiegeschichte.

Menüscreen aus "Zombies, Run!": Die gerade erschienene iPhone-App ist ein Mix aus Laufsoftware und Spiel. Eingebettet in die echten Lauftrainings des Nutzers erzählt sie eine Zombiegeschichte.

Foto: Zombies, Run!

Als Mix aus Laufsoftware und akustischer Apokalypse präsentiert sich die iPhone-App "Zombies, Run!" . Beim Laufen aktiviert, unterhält sie den Sportler mit Zombiegeschichten, in die er direkt involviert ist. Fiktive Radionachrichten suggerieren ihm zwischen seinen Lieblingssongs, dass er in zombieverseuchtem Gebiet unterwegs ist. Unter dem Namen "Runner 5" soll er Medikamente, Batterien und Munition in die heimische Basis bringen. Diese werden dringend benötigt: In "Zombies, Run!" läuft der Spieler nicht nur um sein virtuelles Leben, sondern um das Hunderter Menschen.

Grundsätzlich funktioniert das Spiel außer beim Laufen auch beim Walken. Das Tempo des Nutzers ist nur bei kurzen Zombie-Verfolgungsjagden wichtig, die auf Wunsch in die Handlung eingestreut werden. Ansonsten stellt die Untoten-App über GPS und den Beschleunigungssensor des iPhones lediglich fest, ob sich der Spieler überhaupt bewegt.

Android-Version folgt im Mai

Die Hintergrundgeschichte von "Zombies, Run!" stammt von der britischen Autorin Naomi Alderman. "Wir mussten uns überlegen, wie komplex die Geschichte werden darf, damit sie spannend bleibt und auch während des Laufens verständlich", berichtet sie von der Entwicklung. Ihr Team habe vor derselben Herausforderung gestanden wie Hörspielproduzenten: "Zu erklären, was passiert, ohne ständig Dinge zu sagen wie 'Oh! Schau mal! Da drüben! Ganz viele unterschiedliche Zombies!'"

Nach Auskunft der Entwickler besteht "Zombies, Run!" zunächst aus 13 Missionen, die jeweils ungefähr eine halbe Stunde Körpereinsatz erfordern. Mit sich schnell wiederholenden Soundsamples müssen also nur sehr aktive Läufer rechnen. 17 weitere Missionen sollen als kostenlose Updates folgen.

Das Spiel, das über Crowdfunding finanziert  wurde, kostet in Apples App Store 5,99 Euro. Eine Android-Variante von "Zombies, Run!" soll im Mai erscheinen.

Neben diesem Artikel können Sie sich zwei Audioausschnitte aus "Zombies, Run!" anhören.

"Deep Sea" - Unterwasser-Alptraum mit Gasmake

Spieler beim Testen von "Deep Sea": Das Kunstspiel des US-Sounddesigners Robin Arnott wird mit einer Gasmaske auf dem Kopf gespielt. Je lauter der Spieler darunter atmet, desto schlechter hört er über seinen Kopfhörer die Anweisungen einer Computerstimme.

Spieler beim Testen von "Deep Sea": Das Kunstspiel des US-Sounddesigners Robin Arnott wird mit einer Gasmaske auf dem Kopf gespielt. Je lauter der Spieler darunter atmet, desto schlechter hört er über seinen Kopfhörer die Anweisungen einer Computerstimme.

Foto: Robin Arnott

"Deep Sea"  heißt das wohl atemraubendste Audiogame der vergangenen Monate. Im grafiklosen Actionspiel des US-Sounddesigners Robin Arnott kämpft der Spieler in einer imaginären Unterwasserwelt mit Seemonstern - ohne diese je zu Gesicht zu bekommen. Über den Kopfhörer bekommt der Spieler Kommandos von einer Computerstimme, schießen kann er per Joystick.

Klingt wenig atemraubend? Stimmt, aber es gibt noch ein Spielelement: die blickdichte Gasmaske, die man beim Spielen des Shooters tragen muss. Über eingebaute Mikrofone registriert sie die Atemgeräusche des Spielers und spielt sie über dessen Kopfhörer wieder ab. Das bedeutet: Wer zu laut atmet, überhört die Anweisungen des Kommandeurs und lockt mit seinem Lärm Monster an. Ein kreatives wie perfides Spielsystem.

"Erschreckendstes Spiel aller Zeiten"

Obwohl Robin Arnotts Spiel bisher fast ausschließlich auf Spielemessen präsentiert wurde, hat es sich im Internet bereits einen Ruf aufgebaut - als das "erschreckendste Spiel aller Zeiten". So titelte Joystiq.com über "Deep Sea".  Was der Tester des Spielemagazins noch nicht wissen konnte: Der Unterwasser-Alptraum wird von Präsentation zu Präsentation schrecklicher.

Als Arnott sein Werk Mitte März auf der "Game Developers Conference" vorstellte, hatte er beispielsweise das Spielende verschärft. "Wenn der Spieler stirbt, wird es jetzt nicht mehr einfach nur still", erzählt der Sounddesigner. "Man hört jetzt einen Radioton, der immer lauter wird. So laut, dass der Spieler gezwungen ist, den Kopfhörer abzunehmen."

In die unheimliche Soundkulisse von "Deep Sea" reinhören können Sie mit dem Ausschnitt neben diesem Artikel - die Gasmaske müssen Sie sich dazu denken.

"Pah!" und "Gnilley" - Wer schreit, gewinnt

Stimmbasierter Shooter: "Pah!" lässt sich ausschließlich mithilfe der Wörtchen "Ahhh" und "Pah" steuern. Erhältlich ist das Spiel im Android Market und in Apples App Store.

Stimmbasierter Shooter: "Pah!" lässt sich ausschließlich mithilfe der Wörtchen "Ahhh" und "Pah" steuern. Erhältlich ist das Spiel im Android Market und in Apples App Store.

Foto: Labgoo

Im Vergleich zu "Deep Sea" darf sich der Spieler bei "Pah!"  auf angenehmere Weise mit seinem Atem beschäftigen. In dem Ballerspiel für Smartphones gilt es, ein Raumschiff per Stimme zu steuern. Mithilfe des Wörtchens "Ahhh" bestimmt der Spieler die Flughöhe (je länger der Ton gezogen wird, desto höher fliegt das Schiff), mit "Pah" schießt er seine Waffe ab. So ist das Spiel zwar kein Audiogame im engsten Sinne, aber zumindest stark von Soundeffekten geprägt - und zwar denen des Spielers.

Nach Angaben des Entwicklers wurde "Pah!" seit Erscheinen im Mai 2011 bereits mehrere hunderttausend Mal heruntergeladen. Es könnte also doch eine rationale Erklärung dafür geben, warum ihr Busnachbar letztens "Pah, Pah, Pah" in sein Telefon geschrien hat.

Für das iPhone kostet "Pah!" 0,99 Euro, im Android-Market gibt es das Spiel kostenlos.

Brüllen und nicht flüstern

Wer sich mit "Pah!" warmgespielt hat, kann auch bei "Gnilley"  mit der Stimme punkten. Das Minispiel für Windows steuert der Spieler zwar klassisch mit der Tastatur, Gegner werden jedoch per Brüllen ins Computermikrofon erledigt. Und mit Brüllen ist Brüllen gemeint und nicht etwa Ins-Mikro-Flüstern. Überzeugen Sie sich selbst: "Gnilley" lässt sich kostenlos herunterladen.  Ein zweiter Teil des Schreispiels ist laut Entwickler Glen Forrester bereits in Planung.

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Übrigens, falls Sie gerade heiser sind oder Rücksicht auf Ihre Nachbarn nehmen wollen: Bei YouTube können Sie sich Videos anschauen , die das Durchspielen von "Gnilley" dokumentieren. Das ist ähnlich unterhaltsam wie Selbstbrüllen.

"Papa Sangre" - "Videospiel ohne Video"

"Papa Sangre": Das Abenteuerspiel für iPhone und iPad zählt zu den aufwendigeren Produktionen der vergangenen Jahre. Wired.com bezeichnete das Spiel als "Videospiel ohne Video".

"Papa Sangre": Das Abenteuerspiel für iPhone und iPad zählt zu den aufwendigeren Produktionen der vergangenen Jahre. Wired.com bezeichnete das Spiel als "Videospiel ohne Video".

Foto: Somethin' Else

"Die Monster sehen wahrscheinlich noch schlimmer aus, als sie sich anhören. Du kannst dich also glücklich schätzen, dass es zu dunkel ist, um sie zu sehen." Mit Sätzen wie diesen beschreiben die Entwickler der Firma Somethin' Else ihr Audiogame "Papa Sangre".  Das 2010 erschienene Abenteuerspiel verschlägt den Spieler in eine mexikanisch angehauchte Horrorwelt. Akustisch. Auf dem iPhone-Display sind während des Spielens lediglich ein Kompass sowie zwei Fußsymbole zu sehen, mit deren Hilfe sich die Spielfigur bewegt.

Wohin die Spielfigur in der virtuellen Welt laufen soll - es gilt, Musiknoten zu finden und Monstern auszuweichen -, muss der Spieler hören. Eine spezielle Soundaufnahme ermöglicht die räumliche Orientierung per Kopfhörer. In der Praxis funktioniert dieses System gut, bei seinen Testern stieß "Papa Sangre" überwiegend auf positive Resonanz. "Es ist fast unglaublich, wie effektvoll ein Spiel sein kann, wenn ein oft übergangener Aspekt - der Ton - in den Mittelpunkt gerückt wird", schrieb etwa Wired.com,  unter der Überschrift "Das Videospiel ohne Video".

Erhältlich ist "Papa Sangre" für iPhone und iPad. In Apples App Store kostet es 3,99 Euro. Produzent Paul Bennan berichtet, das Spiel habe sich gut verkauft. Seine Firma arbeite bereits an einem Multiplayer-Audiogame.

Eine Kostprobe der Soundeffekte aus "Papa Sangre" bietet ein Clip auf der Spielwebsite.  Zum Anhören sollten Kopfhörer aufgesetzt werden.

"Dark Room Sex Game" - Stöhnen im Takt

Website des "Dark Room Sex Game": Das 2008 erschienene Rhythmusspiel für Windows wird mittlerweile nicht mehr zum Download angeboten - trotz großer Nachfrage. In dem Erotikspiel gilt es, mit Hilfe einer Wii-Fernbedienung Stöhngeräusche zu erzeugen.

Website des "Dark Room Sex Game": Das 2008 erschienene Rhythmusspiel für Windows wird mittlerweile nicht mehr zum Download angeboten - trotz großer Nachfrage. In dem Erotikspiel gilt es, mit Hilfe einer Wii-Fernbedienung Stöhngeräusche zu erzeugen.

Foto: Markus Böhm

Sex interessiert die Menschen immer - auch ohne Bilder. Das zeigt der Erfolg eines der meistgefragten Audiogames: "Dark Room Sex Game" . In dem 2008 erschienenen Mehrspielerspiel geht es darum, eine an den PC angeschlossene Wii-Fernbedienung im richtigen Rhythmus zu bewegen. Spielerischer Erfolg macht sich akustisch bemerkbar: in Form von Stöhnen, das nach und nach an Intensität gewinnt. Eine kuriose Kopfkinovariante. Die Macher des "Dark Room Sex Game", eine Kopenhagener Entwicklergruppe, schreiben auf ihrer Website: "Unsere Idee war es, dass ein Sexspiel noch erotischer sein würde, wenn man das Visuelle weglässt und die Spieler zwingt, ihre Vorstellungskraft zu nutzen."

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Und tatsächlich scheint das Konzept aus Kopenhagen aufzugehen. Obwohl die Entwickler ihr Spiel mittlerweile nicht mehr zum Download anbieten, bekommen sie nach wie vor Anfragen interessierter Spieler. Oft ist es ein Testvideo , das Menschen aus aller Welt auf das Spiel aufmerksam macht. Mehr als Hunderttausend Nutzer haben es bereits angeklickt.

Es ist übrigens gut möglich, dass das seltsame Sexspiel bald ein Comeback feiert - mit neuer Technik. Douglas Wilson, einer der Entwickler: "Ich fände es toll, ein neues Erotikspiel mit dem Playstation-Move-Controller zu machen. Vielleicht klappt das ja im Laufe dieses Jahres."

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