Spiele-Messe in Essen So entsteht ein Brettspiel

Mehr als tausend Neuheiten werden in der kommenden Woche auf der Brettspiel-Messe in Essen vorgestellt. "Adventure Island" ist eines davon. Aber wie entsteht eigentlich so ein Spiel?

Brettspiel "Adventure Island"
Diana Doert

Brettspiel "Adventure Island"

Von


Lukas Zach wollte schon lange ein Brettspiel entwickeln. Deshalb suchte er einen Spieleautor, mit dem er zusammenarbeiten konnte. Deshalb zog er kurzerhand wahllos ein Spiel aus seinem gut gefüllten Spieleregal und schrieb den Autor des Spiels an.

"Zum Glück war das ein Spiel von mir", sagt Michael Palm und lacht. Er ist Spieleautor und Besitzer des Spieleladens "Seetroll" in Konstanz. Mittlerweile arbeitet Lukas in Bremen eine Hälfte der Woche als Entwickler für Computerspiele und die andere tüftelt er gemeinsam mit Michael an Brettspielen. Ihr erstes gemeinsames Kartenspiel "Die Kutschfahrt zur Teufelsburg" war gleich ein Erfolg.

Heute sind die beiden ein eingespieltes Team, die 800 Kilometer Entfernung zwischen Konstanz und Bremen stören sie nicht: An zwei festen Tagen in der Woche chatten oder skypen sie, oft entwickeln sie mehrere Spiele gleichzeitig. Auf diese Weise ist auch "Adventure Island" entstanden, das zur Brettspiel-Messe Spiel 18 in Essen erscheint.

Basteln, spielen, basteln, spielen

2013 begannen sie mit dem Entwurf für ein schnelles Familienspiel mit dem Arbeitstitel "Era". Gestrandet auf einer einsamen Insel hatte jeder Spieler einen eigenen Charakter, man konnte Karten aufdecken und es wurde ein wenig gewürfelt.

Ausgehend von dieser ersten Idee bastelten die beiden Autoren Prototypen und testeten sie mit verschiedenen Spielerunden. Zunächst nur die beiden Autoren, auch mal jeder nur für sich alleine am Schreibtisch. Später dann mit Freunden und Familie und auch mit Kollegen von der Arbeit. Sogar spielebegeisterte Kunden aus Michaels Geschäft durften testen.

"Wir haben bald gemerkt, dass gerade bei den vielen Testrunden die unterschiedlichen Wohnorte ein Vorteil für uns sind", erklärt Michael. "Jede Spielergruppe ist anders, die einen spielen vielleicht sehr strategisch, der nächsten Gruppe geht es mehr darum, das Abenteuer durchzuspielen. So kommt es dann zu ganz unterschiedlichen Spielsituationen, und Fehler fallen viel schneller auf."

Spieleautoren Michael Palm und Lukas Zach bei der Arbeit

Spieleautoren Michael Palm und Lukas Zach bei der Arbeit

In den ersten Testrunden zu zweit ging es noch um grundsätzliche Dinge, etwa wie viele Aktionen ein Spieler pro Zug hat.

Nach jeder Veränderung mussten die beiden Autoren wieder basteln. Schon Kleinigkeiten führten dazu, dass die Spielregeln umgeschrieben oder Werte auf Karten angepasst werden mussten. Nur so kann laut den beiden am Ende ein Spiel ohne Schwachstellen im Mechanismus oder Widersprüche in der Anleitung herauskommen.

Für Michael und Lukas bedeutete das: 28 Prototypen basteln, Karten drucken, ausschneiden, Spielmaterial zusammensuchen und viele Runden spielen. So wurde nach und nach aus dem schnellen Kartenziehspiel ein kooperatives Abenteuerspiel für bis zu fünf Personen.

Die Jahresabrechnung reicht manchmal nur für ein Essen

Als Nächstes brauchten die Autoren einen Spieleverlag, mit dem sie ihr Spiel veröffentlichen wollten. Nicht jedes Spiel passt zu jedem Verlag. So bringen Verlage wie Amigo und Drei Hasen in der Abendsonne hauptsächlich Kinder- und Familienspiele heraus, Verlage wie Feuerland oder Lookout Games dagegen eher komplexere Kennerspiele.

Da Michael und Lukas schon in der Vergangenheit mit Pegasus Spiele zusammengearbeitet hatten, boten sie das Spiel dem Verlag an. Der nahm daraufhin die beiden Autoren mit ihrer Idee unter Vertrag. Ähnlich wie Buchautoren sind Spieleautoren prozentual am Verkauf beteiligt. "Von manchen Spielen können wir nach einer Jahresabrechnung einmal essen gehen. Bei anderen ist es etwas mehr", erzählt Michael. Dass Entwickler ausschließlich von ihren Spielen leben können, ist eher selten.

Erstes Layout für das Spiel
Pegasus Spiele

Erstes Layout für das Spiel

Plötzlich "Gestrandet"

Der Verlag beauftragte dann als Erstes eine Illustratorin mit einem allgemeinen Entwurf, um Thema und Design des Spieles abzubilden. Bilder von einer einsamen Insel entstanden, Dschungelatmosphäre, viel Natur, wenig Menschen. Damit das Thema auch schon mit dem Namen des Spieles klar wird, wurde es zunächst in "Gestrandet" umgetauft. Am Ende hat man sich mit "Adventure Island" für einen internationalen Titel entschieden.

Im nächsten Schritt wurde über das Spielmaterial entschieden. Gehört ein neues Spiel zu einer bestimmten Reihe, ist beispielsweise die Größe des Kartons schon vorgegeben, um das Spiel optisch anzupassen. Menge und Art des Spielmaterials sind mitentscheidend, was das Spiel später kosten wird.

Spielregeln schreiben - und ab nach China

Von nun an ging es zügig weiter: Illustratorinnen und Grafiker entwarfen Material wie Spielkarten und das Layout des Kartons. Die Spielregeln wurden geschrieben, erneut getestet und verfeinert.

Druckfertige Spielregeln
Pegasus Spiele

Druckfertige Spielregeln

Letzter Schritt bei der Entstehung eines Spieles ist die Herstellung. Verlage haben die Wahl, ihre Spiele in Asien oder einigen europäischen Ländern wie Polen, Deutschland oder den Niederlanden herstellen zu lassen. Bekannteste Hersteller in Deutschland sind ASS und Ludofact.

Bei "Adventure Island" hat der Verlag einen erprobten Hersteller in China gewählt. Zur Messe in Essen werden die ersten 500 Exemplare des Spieles eingeflogen. "Es ist immer ein spannender Moment, wenn der erste Probedruck ankommt", sagt Spieleredakteur Klaus Ottmaier von Pegasus Spiele. "Bei 'Adventure Island' wurde fast alles wie geplant gedruckt. Lediglich die Karten, die als Trenner für die Spielkarten im Karton gedacht waren, sind in der falschen Größe angekommen. Aber das konnten wir zum Glück schnell beheben."

Das ist allerdings nicht immer so. "Es gab auch schon mal den Fall, dass alle Spielerkarten zufällig auf die Kartons verteilt worden waren. Also mussten wir eine Nacht vor der Messe alle Spiele öffnen, Karten rausholen und richtig gemischt wieder einsortieren. Zum Glück passiert das nicht oft."

Jetzt fehlt dem Spiel nur noch Spieler.
Diana Doert

Jetzt fehlt dem Spiel nur noch Spieler.

Zwischen der ersten Idee und dem fertigen Spiel "Adventure Island", das man kaufen kann, lagen fünf Jahre - und viele Prototypen. Nachdem daran Autoren, Spieleredakteure, Illustratorinnen, Grafiker und Hersteller gearbeitet haben, braucht das Spiel nur noch eines: Spieler.



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mens 20.10.2018
1. Idee nichts wert
Dass der Ideengeber prekär lebt und andere sich die Taschen voll machen, ist anscheinend eine Realität, die durch alle Branchen geht. Bis auf Ausnahmen. Für die Beteiligten der Umsetzung sind (Fach)-Kunden bereit Geld in die Hand zu nehmen. Im Gegensatz zu den dort eingenommenen Summen, ist der Stundenlohn des sog. Erfinders ein Almosen. Viele müssen sich fragen, warum sie für den Stress und unbezahlte Überstunden beim Schöpfen und Erschaffen sogar studiert haben. Während sich wiederholende Tätigkeiten finanziell mehr lohnen. Für Kreative lohnt sich Neu-Erfinden nicht mehr, weil ihnen diese Zeit niemand bezahlen will. Beispiel Logo-Entwurf für eine kleine Firma: ein paar gequälte hundert Euro. Und was verlangen dann Boten, Papierhersteller und Drucker? Nur schlaue Kopisten bekommen da leider wirklich einen Fuß auf den Boden.
t.buning 20.10.2018
2. Adventure Island ist der Titel eines NES-Spieles von Hudson
Zugegeben, das Spiel selbst war schon ein dreistes Plagiat zu Sega's Wonderboy. Ich hoffe, die Entwickler des Brettspiels haben auch sichergestellt, dass es keine rechtlichen Probleme wegen des Namens gibt. Das Spiel wird meines Wissens nach auch noch von Nintendo per Download vertrieben, und die kennen bei solchen Geschichten bekanntlich kein Pardon.
ekel 20.10.2018
3. Danke
Danke für den spannende Artikel. Ein sehr ungewöhnliches Hobby oder ungewöhnlicher Beruf, von dem die meisten Menschen beinahe nichts mitbekommen. Ich hätte gerne noch etwas mehr darüber Erfahren, wie die Autoren auf ihre Ideen kommen und wo sie sich ev. inspirieren lassen. Ich bin leidenschaftliche Spielerin und werde mir dieses Spiel auf jeden Fall zulegen. Natürlich werde ich es in einem Fachgeschäft kaufen. :-)
skeptiker81 20.10.2018
4.
@t.buning Dass Adventure Island und Wonderboy im Grunde genommen identisch sind liegt an einem einfachen Umstand. Dasselbe Team hat beide Titel entwickelt. Die optischen Rechte von Wonderboy lagen jedoch bei SEGA.
touri 22.10.2018
5.
Zitat von mensDass der Ideengeber prekär lebt und andere sich die Taschen voll machen, ist anscheinend eine Realität, die durch alle Branchen geht. Bis auf Ausnahmen. Für die Beteiligten der Umsetzung sind (Fach)-Kunden bereit Geld in die Hand zu nehmen. Im Gegensatz zu den dort eingenommenen Summen, ist der Stundenlohn des sog. Erfinders ein Almosen. Viele müssen sich fragen, warum sie für den Stress und unbezahlte Überstunden beim Schöpfen und Erschaffen sogar studiert haben. Während sich wiederholende Tätigkeiten finanziell mehr lohnen. Für Kreative lohnt sich Neu-Erfinden nicht mehr, weil ihnen diese Zeit niemand bezahlen will. Beispiel Logo-Entwurf für eine kleine Firma: ein paar gequälte hundert Euro. Und was verlangen dann Boten, Papierhersteller und Drucker? Nur schlaue Kopisten bekommen da leider wirklich einen Fuß auf den Boden.
Ich denke Sie haben wenig Ahnung über was für Summen wir im Brettspielgeschäft (Boardgames) reden, zumindest in Deutschland. Ich kenne mich da ein wenig aus, da ich im Freundekreis Kontakte in die Richtung habe. Von wenigen "Hits" abgesehen sind die Erlöse eher übersichtlich. Deswegen haben auch über die letzten Jahrzehnte viele Verlage dicht gemacht, sind zusammen gegangen oder werden nur noch nebenberuflich betrieben. Die wenigsten Verlage haben z.B. noch wirklich feste Mitarbeiter. Z.B. die Supporter eines Verlages, denen Sie auf Cons und Messen begegen können machen die Sache als Hobby und bekommen manchmal lediglich das Material was sie vorstellen zu einem günstigeren Preis. Unterhalten Sie sich einfach mal mit einem Supporter und Sie werden erstaunt sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.