Brettspielmesse in Essen "Da sind schon Freundschaften fürs Leben entstanden"

Die Würfel werden heute fallen - und zwar gleich tausendfach in Essen auf der Brettspielmesse. Die Branche gilt nach wie vor als Männerdomäne, doch hinter der weltgrößten Publikumsmesse steht eine einzelne Frau.

Internationale Spieletage in Essen (Archivbild): Der Andrang wird immer größer
Friedhelm Merz Verlag

Internationale Spieletage in Essen (Archivbild): Der Andrang wird immer größer

Ein Interview von


200.000 Besucher aus 100 Ländern werden zur diesjährigen Brettspielmesse Spiel in Essen erwartet, von Donnerstag bis Sonntag testen sie die neuesten analogen Spiele. Im Interview spricht Veranstalterin Dominique Metzler, 56, über die Anfänge der Messe, das internationale Wachstum der Brettspiel-Szene und ihren eigenen schwierigen Start in einer Männerwelt.

Zur Person
  • Friedhelm Merz Verlag
    Dominique Metzler, Jahrgang 1963, ist seit 1990 Chefin der Messe Internationale Spieltage SPIEL. Sie findet einmal im Jahr in Essen statt und gilt als weltweit wichtigste Messe für analoge Spiele.

SPIEGEL: Frau Metzler, Ihre Messe war einst als kleines Treffen für Spielefans gedacht, inzwischen kommen jährlich Hunderttausende Besucher - wie ist es dazu gekommen?

Metzler: Eigentlich stieß schon die erste Veranstaltung 1983 auf überraschend großes Interesse. Mein Stiefvater Friedhelm Merz hatte ein Treffen für Leser einer Spiele-Fachzeitschrift organisiert, das eigentlich in Bonn stattfinden sollte. Allerdings meldeten sich statt der erwarteten 500 Leser mehr als 1000 an, deshalb zog die Veranstaltung um in eine Volkshochschule in Essen. Einer der Spieler war Radiojournalist beim WDR und brachte einen kurzen Bericht, so kamen schließlich 5000 Besucher. Das war beim Hauptbahnhof und alle Zufahrtsstraßen mussten gesperrt werden, weil der Ansturm nicht zu bewältigen war.

SPIEGEL: Und danach mussten Sie in die Essener Grugahalle umziehen?

Metzler: Noch nicht direkt. Aber schon im zweiten Jahr kamen 15.000 Menschen, also sagte die Stadt, dass wir in die Messehallen mussten. Das wollte eigentlich keiner, weil wir dachten, dass die Spieleverlage keinen Standbau betreiben würden. Als sich 1985 aber schon 110 Aussteller anmeldeten und 36.000 Besucher kamen, war für uns klar: Wir müssen jetzt eine richtige Messe daraus machen.

SPIEGEL: Seit 1990 sind Sie die allein verantwortliche Veranstalterin. Wie kam es dazu?

Metzler: Meine Eltern hatten sich mit einem Verlag selbstständig gemacht, der die Messe veranstaltete. Ich bin eingestiegen und wollte mir damit eigentlich nur das Studium finanzieren. Als mein Stiefvater erkrankte, fragte mich meine Mutter eines Abends: 'Der Friedhelm wird nicht mehr lange leben. Willst du die Messe übernehmen oder nicht?' Und da habe ich Ja gesagt, ohne mir das lange zu überlegen.

SPIEGEL: Damals waren Sie eine der ersten Frauen in herausragender Funktion in der Brettspiel-Szene. Wie wurden Sie aufgenommen?

Metzler: Friedhelm war eine Persönlichkeit und ein Visionär, der jede Woche eine andere brillante Idee hatte. Hinter ihm standen zwei Frauen - meine Mutter und ich - und setzten seine Projekte um. Nach seinem Tod meinte die ganze Branche, dass zwei Frauen die Messe nicht alleine stemmen könnten. Aber die hatten überhaupt keine Ahnung, wer das im Hintergrund schon seit Jahren machte. Einige Verlage haben sich sogar hinter unserem Rücken mit der Messe Essen getroffen und wollten ihre eigene Veranstaltung machen.

SPIEGEL: Auch heute noch hört man aus der Brettspiel-Szene häufig die Klage, dass es nicht genügend Spieleautorinnen und Redakteurinnen gebe. Können Sie Frauen, die in der Szene Fuß fassen möchten, etwas raten?

Metzler: Bis auf einige Pressesprecherinnen war es sehr lange wirklich eine reine Männerwelt. Ich selbst habe lange darunter gelitten, dass man mich nicht für voll nahm. Irgendwann habe ich beschlossen, einfach gute Arbeit zu machen. Frauen müssen tatsächlich immer noch härter arbeiten, um die gleichen Chancen zu bekommen. Allerdings nervt mich manchmal auch die ganze Diskussion: Wenn man immer besonders betont, dass Frauen oder Mädchen alles schaffen können, benachteiligt man sie ja schon dadurch. Natürlich können Frauen alles schaffen, da muss man doch nicht weiter drüber reden.

SPIEGEL: Das Hobby Brettspielen wächst auch international rasant. Wie wirkt sich das auf die Messe aus?

Metzler: Überall auf der Welt entstehen neue Events und Verlage. Im letzten Jahr hatten wir Besucher aus über 100 Nationen und Aussteller aus über 50 Ländern. In diesem Jahr haben wir beispielsweise erstmals Aussteller aus Iran, selbst dort blüht eine Szene auf. Es war übrigens schon immer so, dass man an der Messe ablesen konnte, wo auf der Welt das Spielen gerade zum Hobby wird. Wir haben vor Jahren gejubelt, als der erste Verlag aus Polen kam. Heute sind hier 40 bis 50 polnische Aussteller.

SPIEGEL: Was würden Sie Spielern raten, die zum ersten Mal die Messe besuchen?

Metzler: Ich würde mir nicht allzu viel vornehmen. Lasst die Atmosphäre erstmal auf euch einwirken, denn obwohl so viele Menschen hier sind, ist die Stimmung richtig toll. Die Spieler feiern sich und ihr Hobby. Setzt euch an die Spieletische und spielt einfach auch mal los mit anderen Menschen, da sind schon Freundschaften fürs Leben entstanden.



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Wolfgang B 24.10.2019
1. ... Nicht nur Spiele...
Auch in Hamburg gab es eine 1. Spielmesse vom 11.10.-13.10. Das besondere waren aber nicht nur die Spiele Aussteller, sondern auch die größte norddeutsche Fan Gemeinschaft von LEGO (Steinhanse e.V.), die auf 350 qm Modelle zum Bestaunen ausstellte. Auch das ist Spiel ??
benmartin70 25.10.2019
2.
Zitat von Wolfgang BAuch in Hamburg gab es eine 1. Spielmesse vom 11.10.-13.10. Das besondere waren aber nicht nur die Spiele Aussteller, sondern auch die größte norddeutsche Fan Gemeinschaft von LEGO (Steinhanse e.V.), die auf 350 qm Modelle zum Bestaunen ausstellte. Auch das ist Spiel ??
Was wollen Sie damit sagen? Ja Lego ist auch Spiel(en). Aber kein Gesellschaftsspiel. Eher basteln, oder...?
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