Phänomen Grafikblender Schön geil - oder schön überflüssig?

Manche Spiele brillieren vor allem durch ihre Grafik. Doch wie entscheidend ist der schöne Schein? Hier schwärmen und schimpfen zwei Autoren des Magazins "WASD" über teure Rechner, Mon Chérie und Red-Bull-Duft.

Sonys Spiel "The Order 1886" gilt als klassischer Grafikblender
Sony

Sonys Spiel "The Order 1886" gilt als klassischer Grafikblender

Ein Pro und Kontra von und


Pro: Ich und mein Baby

Wer meint, es käme nicht darauf an, wie ein Spiel aussieht, hat wohl noch nie einen echten PC-Boliden angeworfen.

Vor ein paar Monaten bin ich 30 geworden und habe das Gefühl, in eine komplett neue Lebensphase katapultiert worden zu sein. Mein Rücken macht plötzlich Probleme, ich habe jede Menge Zipperlein, meine Schläfen werden grau. Und das sind ja nur die äußeren Veränderungen.

Plötzlich fällt mir auf, dass jeder um mich herum heiratet, dass Eigenheime mit Doppelgarage und Kirschlorbeerhecke erworben werden, und statt über Bands reden alle nur noch über Kindernamen (Ich habe mir aus Protest übrigens "Sophia und Jonas an Bord" in Death-Metal-Schrift auf ein Shirt drucken lassen).

Bei all dem kann ich nicht mitreden, immerhin habe ich keine Kinder. Ich kann nicht nachempfinden, wie es ist, wenn das eigene Kind laufen lernt oder das erste Mal (total süß!) auf ein Spucktuch kotzt. Den Stolz, den Eltern empfinden, wenn die kleine Sophia nach drei Hipp-Gläschen die Windel richtig vollmacht, den kann ich nicht nachfühlen. Zumindest dachte ich das.

Denn dann ist mir eingefallen, dass auch ich ein kleines Baby hier rumstehen habe. Nur ist es keine Laura und kein Felix oder Paul. Mein Baby heißt: "Intel Core i5 7600k mit RTX 2080, 16 GB DDR4 RAM, Gaming Motherboard mit RGB-Leuchten und Silent Gehäuse + 21:9 Bildschirm". Mein Baby kann 50 Fantastilliarden Teraflops. Mein Baby fährt in gefühlt 0,2 Nanosekunden hoch. Mein Baby könnte, so wirkt es, in einer Stunde so viele Proteine falten, dass wir morgen den Krebs besiegen. Mein Baby kann "Crysis" auf Ultra.

Mein Baby lässt die Playstation 4 und sogar die Xbox One X im Staub zurück. Für seine Rechenleistung muss das Stauwasserkraftwerk noch eine Extraturbine anwerfen. Und jetzt kommt ihr her und wollt mir sagen, dass es gar nicht um pure Leistung geht? Dass es nicht darum geht, wie gut ein Spiel aussieht, sondern wie gut es sich spielt?

Meine Vermutung: Ihr habt alle noch nie in 4K und Widescreen gespielt. Euch noch nie getraut, auf achtfaches Anti-Aliasing zu klicken. Noch nie in "Battlefield 5" das Raytracing eingeschaltet. Während ihr, tief gebeugt über eurer 30-FPS-wenn-überhaupt-aber-nur-mit-Rückenwind-Nintendo-Switch sitzt, stehe ich an meinem Standing Desk, habe Noise-Cancelling-Kopfhörer auf und lasse mich von meinem Baby in andere Welten entführen. Die Kategorie "Grafikblender" gibt es nämlich gar nicht. Es gibt nur Spiele, die meinen PC ausreizen und solche, die es nicht tun.

Na gut, zugegeben: Hässliche Gammel-Spiele wie "Proteus" hab ich natürlich auch gespielt. Ja, ja, ja, die haben eine tolle Atmosphäre und vielleicht auch eine tolle Story und ja, ja, ja, vielleicht landen die irgendwann im Museum of Modern Art. Können sie ja auch gern. Dann können sich Leute, die nichts von Computerspielen verstehen, sich Computerspiele anschauen, die von Menschen gemacht werden, die nichts von DirectX verstehen.

Mein Baby und ich, wir machen uns da nichts draus. Wir lassen alle passiven und aktiven RGB-Lüfter aufheulen und spielen "The Division 2" in 4K. Zumindest so lange, bis es auch für mich endgültig Zeit ist, erwachsen zu werden.

Christian Alt ist ein Journalist mit Rückenproblemen und streitet sich mit der Kontra-Stimme Christian Schiffer gern im gemeinsamen Podcast "Last Game Standing".

Kontra: Schlimmer als Mon Chérie

Grafikblender stehen symbolisch für die Ungerechtigkeit auf der Welt. Weg damit!

Grafik ist mir scheißegal. Wer geile Grafik will, der soll sich halt von mir aus 80 Mikrogramm LSD einbauen, auf einer Parkbank in München-Sendling Platz nehmen und die nächsten acht Stunden Bäume anglotzen. Und wer keine Drogen nehmen möchte, der soll sein Bedürfnis nach geiler Grafik von mir aus mit Disney-Filmen befriedigen oder in die fucking Pinakothek gehen.

Grafik ist die Geißel des Mediums Computerspiel. Würden sich Gamedesigner mal auf ihre Spiele konzentrieren, anstatt da Stunde um Stunde tumb vor sich hinzupinseln, wir hätten weit gehaltvollere Spiele, die zudem auch auf einem 286er mit 16 MHz noch flüssig laufen würden.

Und vor allem wären uns ohne Grafik auch die ganzen Grafikblender erspart geblieben. Es hätte uns kein "Ryse: Son of Rome" heimgesucht, kein "The Order 1886" , kein "Crysis", kein "Final Fantasy 13" und auch kein "The 7th Guest". In einer Welt ohne Grafikblender hätten wir mehr Zeit, mehr Geld, mehr Lebensqualität und vermutlich auch mehr LSD.

Das einzig Gute an Grafikblendern ist, dass sie das Genre der Walking Simulatoren mit hervorgebracht haben, ein Genre, so sedierend, dass es sich noch als außerordentlich nützlich erweisen könnte, sollten der Menschheit aus irgendwelchen Gründen die chemischen Narkosemittel ausgehen. Aber sonst? Grafikblender sind so überflüssig wie das depperte Knöpfchendrücken in "Dragon's Lair".

Denn Grafikblender sind wie Markus aus der 7a. Markus war ein fleischgewordener Grafikblender: dumm wie eine Brezn, aber halt braungebrannt vom Snowboarden. 1991, auf der Party im Skilager, wollte ich dann mit Marion aus der 7c zu Roxette Schieber-Tanzen.

Irgendwann öffnete ich den obersten Knopf von meinem Flanellhemd, um ein bisschen verwegener auszusehen, nahm meinen ganzen Mut zusammen und nickte ihr so selbstbewusst zu, wie es eben ging. Anschließend tänzelte ich mehr oder weniger lässig zu ihr rüber und fragte sie mit brüchiger Stimme, ob sie nicht Lust hätte, da jetzt also vielleicht nunja, also da jetzt mit mir auf die Tanzfläche zu gehen, weil doch gleich Roxette und so. Sie lächelt.

Ihre Augen trafen die meinigen, plötzlich war da eine tiefe Vertrautheit zwischen uns beiden; mein Herz klopfte, ihr Herz klopfte, meine Hormone spielten verrückt, ihre Hormone spielten verrückt, ich machte einen Schritt auf die zu, sie machte einen Schritt auf mich zu - und dann schob sich Snowboard-Markus ins Bild und eine halbe Minute später wogten Marion und das gebräunte Arschloch eng umschlugen zu "Listen to your heart" hin und her.

Irgendwann später hat Marion mir dann erzählt, dass Markus voll nach Red Bull gestunken habe. Selbst schuld, kann ich da nur sagen. Hätte Marion sich halt mal nicht für das "The Order 1886" unter den Menschen entschieden, sondern für mich: den "Handball-Manager 2010" unter den Menschen!

So ist das mit den Grafikblendern. Sie führen uns immer wieder vor Augen, wie ungerecht die Welt ist. Solchen Quatschspielen wird das ganz Geld hinterhergeworfen, weil es da draußen leider immer noch genügend Marions gibt, die den Scheiß haben wollen. Grafikblender sind die Donald Trumps unter den Spielen, große Klappe, aber nichts dahinter. Grafikblender sind wie Mon Chérie: Sieht von außen ja echt lecker aus, aber innen erwartet einen dann nur gallertartige Frucht-Matschepatsche.

Und ja: Grafikblender sind wie dieser Text hier. Breitbeinig vorgetragene Thesen, die ins Nichts führen, aber irgendwie "deep" klingen, Wortgestrüpp, das gut "sounded", unreflektierter, kraftausdrucksgeschwängerter Anekdotenbrei, der einen irgendwie emotional "abholen" soll. Will man so etwas lesen? ... Ach verdammt!

Marion ist später Krankenschwester, Red-Bull-Markus natürlich Banker geworden. Und Christian Schiffer? Der hat es mittlerweile zum "Anstoss 2" unter den Spielejournalisten gebracht, meint er.

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
fireb 23.06.2019
1.
was willst du uns jetzt sagen?
xcountzerox 23.06.2019
2. Oha...
Graue Schläfen schon mit 30? Woher das wohl kommt? Aber gut, es soll auch schon 20jährige Kahlköpfe geben, nicht aus eigenem Antrieb. Bei mir läuft seit 5 Jahren das selbe System und monatlich überlege ich aufzurüsten. Dann installieren und starte ich ein aktuelles Spiel und oh Wunder, es läuft wunderbar in HD. Mehr macht mein Monitor eh nicht, denn ich aber nicht tauschen werde, solange er noch macht. Ist ja schliesslich auch mein Fernseher mit DVB-C. Ein Auto habe ich auch seit Jahren nicht mehr und mein 5 Jahre altes Galaxy tut es immer noch bestens, wird wohl aber trotzdem getausch werden müssen, weil die carsharing Anbieter die Android 5 nicht mehr unterstützen wollen. ich behaupte also, ich habe mindestens so viel Spass beim zocken, wie Du, im Leben aber ganz sicher. Und das auch ohne graue Schläfen mit knapp 50 :D
Mentalterrorist 23.06.2019
3. Ich bin...
...Vater von 2 Kindern und Coregamer mit einem 8Kerner und einer GTX 1080 (alles wassergekühlt). Und auch LEDs gibts im Rechner. Und es wird in 4K gespielt. Aber trotzdem finde ich es super, wenn mein Sohn die ganze Faust in den Mund kriegt. Und ob ich nun verdummendes Fernsehen schaue oder Grafikblender spiele (und ja, ich bin eine Grafikhure): dann nehm ich doch lieber die Grafikblender.
richey_edwards 23.06.2019
4. habe heute das gleiche
gedacht bei einem F1 Spiel das völlig real aussieht, wie im Fernsehen, aber keinen Split-Screen-modus hat um mit meinem Kumpel auf der Couch zu zocken.
J.Corey 23.06.2019
5.
Ich las die Worte, doch einen Sinn ergaben sie nicht für mich. Der eine hat einen Rechner und der andere einen Korb - Wayne?
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