Spielecomics Die unendliche Leinwand

Der Grafiker Daniel Lieske hat ein Webcomic erschaffen, das die Strukturen von Videospielen aufgreift. 150.000 Mal wurde "Wormworld Saga" bereits gelesen.
Spielecomic "Wormworld Saga": Scrollend wird der Leser in die Geschichte gezogen

Spielecomic "Wormworld Saga": Scrollend wird der Leser in die Geschichte gezogen

Am Anfang steht das Bild einer kleinen Pflanze im Browser-Fenster. Kaum scrollen wir herunter, öffnet sich ein blauer Himmel. Wolken und Flugzeuge ziehen vorüber, dann ein Dickicht, und immer weiter runter geht unser Blick, bis wir mit dem Mausrad das Dickicht durchbrechen und die Michael-Ende-Grundschule am letzten Schultag vor den Sommerferien sehen. So beginnt das erste Kapitel der "Wormworld Saga" .

Daniel Lieske hat ein traumhaftes Comic erschaffen, das den Leser scrollend in sich hineinzieht. Immer näher kommen wir dabei Jonas, dem Halbwaisen, der im Deutschland der achtziger Jahre im Landhaus seiner Oma durch ein Gemälde eine andere Welt betritt und dort zum Helden wird. Mehr als 150.000 Leser hat das online gratis verfügbare erste Kapitel bereits, Comic-Autoren und Magazine wie "Wired" sind begeistert. Dabei ist der 33-Jährige kein Comic-Künstler, sondern Grafiker beim Entwickler Gaming Minds in Gütersloh.

"Wormworld Saga" zeigt, wie Comics sich Videospielen auf neue Art nähern können. Der Scroll-Ansatz zum Beispiel, von Scott McCloud ("Comics richtig lesen") Infinite Canvas genannt, fand sich bislang in Webcomics nur selten. McCloud sah im unendlich scrollenden Browserfenster eine Revolution des Erzählens. "Das ist die ideale Art, ein Comic zu präsentieren", sagt Lieske. "In den Lehrbüchern steht immer: in Doppelseiten denken. Das führt zu einem Rhythmus, der Autoren aufgezwungen wird - als ob man als Musiker nur im Walzertakt schreiben könnte." Der Infinite Canvas befreit ihn nicht nur von Konventionen, er erlaubt ihm, die Struktur und das Gefühl des Videospielens in einem Comic zu verarbeiten. "Der Held wird Quests bestehen und Items beschaffen müssen, um Ziele zu erreichen", sagt Lieske.

Webcomics mit Spielebezug sind bislang meist Satiren gewesen. Brian Clevingers "8-Bit Theater" etwa macht die Helden-Sprites aus dem Ur-"Final Fantasy" zu Stars einer Odyssee, die die Inkonsistenz und unfreiwillige Komik japanischer Rollenspiele zum Thema hat. Und Rich Burlews "Order Of The Stick" nimmt sich die Ungereimtheiten von Pen-and-Paper-Rollenspielen zur Brust. Beide Comics lesen sich jedoch weniger wie ein Spiel, sondern eher wie ein humorvoller Rückblick auf alte Games.

"Wormworld" ist einen Schritt weiter. Durch seine Technik des Infinite Canvas erinnert der Einstieg des Comics an den langsamen Beginn einer Odyssee in einem japanischen Rollenspiel, und seine Helden und Monster lassen an Spieleklassiker wie "Zelda" denken. Erst in den nächsten Kapiteln wird sich zeigen, ob Jonas gegen den Feuerritter bestehen kann und welche Rolle die Drachensiegel spielen werden. Scrollend wird der Leser hineingezogen und nur ungern vom Kapitelende unterbrochen. Wie im richtigen Spiel.

Dieser Text entstammt der März-Ausgabe des GEE-Magazins
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