SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

17. Dezember 2017, 19:13 Uhr

Tester für jugendgefährdende Spiele

"Der Traumjob jedes 16-Jährigen"

Ein Interview von

Mehr als drei Jahre lang hat Niko R. jedes Spiel getestet, das die Bundesprüfstelle als "jugendgefährdend" eingestuft hat. Im Interview erzählt er, was ihn an den Spielen kaltlässt und was ihn am meisten aufregt.

Man könnte Niko R. als einen der härtesten Gamer im Land bezeichnen. Alle Computerspiele, die in den vergangenen Jahren als "jugendgefährdend" eingestuft wurden, hat der Mittdreißiger für die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien getestet - und bis zum Ende durchgespielt.

Im Interview erklärt Niko R., welchen Einfluss er auf die Indizierung von Computerspielen hatte - und warum er sich selbst für ein bisschen spießig hält.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird man Deutschlands einziger Tester für jugendgefährdende Spiele?

Niko R.: Das war reiner Zufall. Mein Vorgänger war, wie ich, Biologe an der Universität und hat mich einfach gefragt. Die Bundesprüfstelle engagiert einen Spieletester, weil man zum Durchspielen der Titel etwas Übung braucht. Es bringt ja nichts, wenn man ständig verliert und neu anfangen muss. Ich war zwar nie ein großer Gamer, hatte aber seit meiner Kindheit gerne gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist der Coolness-Faktor des Jobs?

Niko R.: Der ist hoch, glaube ich. Für meine Nachfolge gibt es schon einen regen Ansturm an Bewerbern. Einige sind erst 16 Jahre alt und natürlich zu jung für den Job. Das ist wohl der Traumjob jedes 16-Jährigen: zocken und dafür Kohle bekommen. In meinem Hauptberuf, der Medizintechnik, weiß übrigens keiner, dass ich diesen Job habe. Deshalb will ich hier auch nicht mit vollem Namen auftreten. Einige Kunden könnte das verwundern.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Besteht Ihr Spieletester-Alltag vor allem aus Blut und Gemetzel?

Niko R.: Na ja, erst einmal ist das nur eine Nebentätigkeit. Pro Jahr musste ich etwa zehn Spiele testen. Dazu gehören auch alte Titel, die auf Wunsch der Hersteller wieder von der Liste runter sollten. Erst einmal muss ich die Spiele komplett durchspielen. Das dauert zehn bis 30 Stunden. Natürlich kann ich auch Cheats verwenden und die leichteste Schwierigkeitsstufe wählen. Dabei mache ich Screenshots und zeichne Videosequenzen auf. Dann muss ich die Spiele neutral und professionell vor dem Gremium der Bundesprüfstelle präsentieren.

SPIEGEL ONLINE: Und was erzählen Sie dann denen von Bundesprüfstelle?

Niko R.: Das ist ein ganz sachlicher Vortrag. Ich gebe keine Kommentare ab wie: "Das hier ist jetzt besonders hart", sondern ich erzähle nüchtern, was für das Spiel relevant ist. Zum Beispiel: "Hier sieht man, wie der Kopf abgetrennt wird." Gewalt ist das häufigste Problem bei den Spielen, manchmal auch Nationalsozialismus. In Deutschland sind zum Beispiel Hakenkreuze in Computerspielen meist nicht erwünscht.

SPIEGEL ONLINE: Brauchen Sie für so einen Job eigentlich Nerven aus Stahl?

Niko R.: Ach, am Ende ist alles Computergrafik und ich betrachte das Spiel als Untersuchungsobjekt. Länger beschäftigt hatte mich ein Open-World-Spiel, das handelte von der Mafia. In einigen Szenen konnte man seine Gegner in einem Schlachthaus am Fleischhaken erhängen oder ihren Kopf in einen Ventilator drücken, bis das Blut spritzte.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie sicher, dass Sie durch Ihre Beschreibungen nicht am Ende selbst bestimmen, ob ein Spiel indiziert wird?

Niko R.: Ich kann mir zwar oft denken, wie das Gremium abstimmen wird, aber ich habe keine Kontrolle darüber und kein Stimmrecht. Bei komplizierten Fällen beraten zwölf Mitglieder der Prüfstelle und hören sich vorher noch die Einschätzung von den Anwälten der Spielehersteller an. Die Anwälte wollen natürlich nicht, dass das Spiel indiziert wird, und argumentieren dagegen.

SPIEGEL ONLINE: Früher wurden noch viel mehr Spiele indiziert. Finden Sie, die Gesellschaft ist verroht?

Niko R.: Ein bisschen. Gewalt und Pornografie sind in den Medien Alltag geworden. Spiele, die man vor zehn Jahren wohl indiziert hätte, kriegen heute nur ein USK-18-Kennzeichen, zum Beispiel "Grand Theft Auto". Als ich ein Kind war, stand im Regal meiner Eltern ein Sex-Lehrbuch mit Schwarz-Weiß-Fotografien. Das zu sehen, war ein krasses Highlight für mich. Heute schauen Jugendliche auf ihren Handys Hardcore-Pornos. Andererseits spricht man Jugendlichen heute auch viel mehr Medienkompetenz zu.

SPIEGEL ONLINE: Lachen Sie manchmal darüber, was in den Achtziger- und Neunzigerjahren indiziert wurde?

Niko R.: Ja, vieles von damals haut heute keinen mehr vom Hocker, beispielsweise "Doom". Ich habe früher auf dem Commodore einen Sidecroller gespielt, ganz schlechte Grafik. Da war man ein kleiner Soldat und konnte dem Gegner in einer Szene die Kehle durchschneiden. Mit 15 Jahren fand ich das krass. Dabei hat man da nur Pixelblöcke gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie als Spieletester von der Killerspieldebatte?

Niko R.: Ich glaube, bestimmte Computerspiele sind nicht gerade hilfreich für die Psyche, vor allem wenn junge Menschen mit sich und ihrem Umfeld Probleme haben und gemobbt werden. Dann hilft es schon, wenn manche Spiele schwerer zu bekommen sind. Da bin ich vielleicht ein bisschen spießig und konservativ. Ich denke, es könnte ruhig etwas mehr indiziert oder mit einem USK-18-Kennzeichen versehen werden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Computerspiele, die besser kein Mensch zu Gesicht bekommen sollte?

Niko R.: Ich musste mal ein Spiel von einem polnischen Entwicklerstudio testen, da hat man einen Mann mit langen Haaren, Ledermantel und Schrotflinte gesteuert. Er war das Klischee eines Killers. Das Ziel war, möglichst viele Zivilisten zu töten, ein Gemetzel in Film-noir-Optik, mit absurd langweiliger Spielmechanik. Da dachte ich mir schon: Was soll der Mist? Ein Spiel, in dem jemand Amok läuft, braucht keiner. Es wurde offenbar nur entwickelt, um zu provozieren.

SPIEGEL ONLINE: Stört Sie solche sinnlose Provokation bei Ihrer Arbeit am meisten?

Niko R.: Nein, wirklich unangenehm finde ich nicht die Gewalt, sondern extrem schlecht gemachte und langweilige Spiele, die absolut stupide sind. Darüber kann ich mich mehr aufregen. Am schlimmsten finde ich aber reale Gewalt, etwa Tötungsvideos. Wenn ich so etwas schauen müsste, hätte ich ein Problem, das könnte ich nicht. Aber es gibt in der Bundesprüfstelle Leute, die genau das tun.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich mal ein Spiel weitergespielt, nachdem es indiziert wurde?

Niko R.: Nein, warum? Wenn die indiziert wurden, hatte ich die ja schon durch.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung