Maßnahme für Deutschland Videospielplattform Steam sperrt zahlreiche Sex-Games

Über Steam lassen sich online Spieleblockbuster kaufen, aber auch Erotik- und Pornogames. In Deutschland sind viele jener Titel aber plötzlich nicht mehr verfügbar. Was steckt dahinter?
Die pubertäre Sexsimulation »House Party« ist in Deutschland schon länger nicht mehr verfügbar – zumindest über Steam

Die pubertäre Sexsimulation »House Party« ist in Deutschland schon länger nicht mehr verfügbar – zumindest über Steam

Foto: Eek! Games

2019 schienen Sex- und Porno-Games auf dem Weg in den Spiele-Mainstream zu sein: Die Onlineplattform Steam nahm damals eine Reihe von 3D-Sexsimulationen in ihr Angebot, was solchen Nischentiteln weltweit Aufmerksamkeit bescherte. Dieser Trend ist nun vorerst gestoppt – zumindest in Deutschland.

Ruft man jetzt Steams Shopseiten zu Titeln wie dem vergleichsweise bekannten »Subverse« auf, bekommt man keine Bilder halb nackter Außerirdischer mehr zu sehen. Auf dem größten Portal zum Digitalkauf von PC-Spielen ist die Kategorie der »Adult only«-Games seit Ende Dezember komplett gesperrt. Nutzern aus Deutschland gibt Steam beim Ansteuern entsprechender Spiele folgenden Hinweis: »Ups, Sorry! Bei der Verarbeitung Ihrer Anfrage ist ein Fehler aufgetreten: Diese Inhalte sind in Ihrem Land nicht gestattet.«

Wirklich treffend ist die Formulierung nicht. Steams Betreiberfirma Valve impliziert hier ein Verbot von staatlicher Stelle. Dabei war es Valve selbst, das sein Angebot einschränkte, um auf eine Beschwerde der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein zu reagieren. Diese hatte nicht zum ersten Mal die freie Zugänglichkeit pornografischer Inhalte auf Steam bemängelt.

Was also ist genau passiert?

Viele Fragen, kaum Antworten

Eine offizielle Stellungnahme von Valve gibt es nicht, auch nicht auf SPIEGEL-Nachfrage. »Wir prüfen momentan die Möglichkeit, diese Inhalte für unsere Kunden in Deutschland verfügbar zu machen«, klärt derweil der Support von Steam auf. So lange würden alle Spiele, die von ihren Entwicklern als »sexueller Inhalt« markiert seien, nicht mehr angeboten.

Dieses Vorgehen erklärt wohl, warum die Sperroffensive lückenhaft wirkt. Vereinzelt lassen sich Spiele mit pornografischem Inhalt nämlich nach wie vor aufrufen. Von einer Sperre verschont blieben auch Titel, die eine Alterskennzeichnung der USK erhalten haben, wie der Support von Steam anmerkt.

Auf Reddit wird derweil über angebliche staatliche Zensur diskutiert . Dass es zu solchen Spekulationen kommt, liegt auch am Fehlen offizieller Informationen. Wie von Valve gibt es auch von der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein bislang keine Stellungnahme. So bleibt auch unklar, wie viele Erotiktitel genau betroffen sind. Selbst Entwickler populärer Games wie »Subverse« oder »House Party« hatten von den Sperren für ihre Titel nicht von Valve oder von Jugendschützern, sondern nur über verwunderte Fans aus Deutschland erfahren.

Die Sperre war vermeidbar

Valves Vorgehen ist kein Novum. Bereits Anfang des Jahres sperrte Steam in Deutschland einzelne Titel  wie »Super Naughty Maid«. Die Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein hatte die damalige Berichterstattung über Sex-Games zum Anlass genommen, gezielte Prüfungen vorzunehmen. Die gestiegene Aufmerksamkeit, die mit der Veröffentlichung auf Steam einherging, wurde für die Sexspiele so auch zum Problem.

Szene aus »Subverse«: Auf Kickstarter sammelte die Pornoparodie fast zwei Millionen Dollar, auf Steam kann man sie derzeit nicht kaufen

Szene aus »Subverse«: Auf Kickstarter sammelte die Pornoparodie fast zwei Millionen Dollar, auf Steam kann man sie derzeit nicht kaufen

Foto: Studio FOW

Bemängelt wurden von der Medienanstalt als pornografisch bewertete Sexualdarstellungen: Es ging dabei aber nicht um die Spiele selbst, sondern um die Screenshots auf den jeweiligen Steam-Infoseiten. Man habe bei Valve, dessen deutscher Sitz in Hamburg ist, Nachbesserungen angeregt, so eine Pressesprecherin der Medienanstalt. Denn wer in Deutschland pornografische Inhalte öffentlich zugänglich macht, begeht nach dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag eine Ordnungswidrigkeit. Die Folge können Geldbußen bis zu einer halben Million Euro sein.

Das Anbieten pornografischer Inhalte ist prinzipiell möglich, solange entsprechende Jugendschutzmaßnahmen eingehalten werden. So könnte Steam eines von der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) anerkannten Altersverifikationssysteme einführen, das sicherstellt, dass jugendgefährdende Inhalte nur sogenannten geschlossenen Benutzergruppen zugänglich sind. Das heißt, Steam muss sicherstellen, dass ausschließlich volljährige Nutzer sie zu Gesicht bekommen. Würde die Plattform also mit einem Verfahren wie Postident  das Alter ihrer Kunden verifizieren, könnte sie die »Adult only«-Kategorie in Deutschland wieder ins Programm nehmen.

JusProg ersetzt keine Altersverifikation

Pornospiele wie »Subverse« oder »Super Naughty Maid« werden im Jugendschutz als jugendgefährdender Inhalt bezeichnet. Für nicht pornografische, aber potenziell jugendbeeinträchtigende Inhalte mit einer Alterskennzeichnung ab 16 oder 18 Jahren müssen weniger strenge Maßnahmen getroffen werden . Die strenge Überprüfung geschlossener Benutzergruppen wie bei Pornografie ist hierfür nicht nötig. Wer solche Inhalte anbietet, darf diese allerdings nur nachts anzeigen oder muss seine Website mit einem Jugendschutzprogramm wie JusProg kompatibel gestalten.

Installiert man JusProg, werden auf Steam nicht etwa alle altersgerechten Spiele gefiltert: Die Plattform ist wie andere Gaming-Portale auch komplett gesperrt

Installiert man JusProg, werden auf Steam nicht etwa alle altersgerechten Spiele gefiltert: Die Plattform ist wie andere Gaming-Portale auch komplett gesperrt

Foto: JusProg

JusProg filtert Internetseiten nach Altersgruppen und setzt dabei neben eigenen Listen auf die Selbstkennzeichnung der Anbieter. Steam kennzeichnet sich dem Programm gegenüber komplett als »ab 18 Jahren« und kann von Kindern und Jugendlichen entsprechend gar nicht aufgerufen werden. Titel wie »Cyberpunk 2077« werden so in der Praxis genauso behandelt wie der ab null Jahren freigegebene »Football Manager 2021«.

Allerdings ist die Zukunft von JusProg unklar. Die Selbstkontrolleinrichtung FSM und die KJM streiten seit letztem Jahr vor Gericht über die Anerkennung der Software. Sollte die KJM weitere Beanstandungen haben und JusProg nicht mehr als geeignetes Jugendschutzprogramm gelten, müsste Steam wohl auch für nicht pornografische Spiele eine neue Lösung finden.

Die selbst erklärte Lebenssimulation »AI*Shoujo« zeigt expliziten Sex, wenn man einen Uncut-Patch installiert hat. Trotz der Sperre lässt sie sich weiter bei Steam kaufen.

Die selbst erklärte Lebenssimulation »AI*Shoujo« zeigt expliziten Sex, wenn man einen Uncut-Patch installiert hat. Trotz der Sperre lässt sie sich weiter bei Steam kaufen.

Foto: Illusion

Eine differenziertere Filterung ist mit dem age-de.xml-Standard, den auch JusProg verwendet , technisch bereits möglich. Dazu müssen Seitenbetreiber diese aber auch implementieren. Ein Aufwand, den Valve offenbar ebenso wie eine echte Altersverifikation scheut, obwohl auf Steam bereits Alterskennzeichnungen der USK angezeigt werden.

»Wir haben vor einiger Zeit einen Jugendschutzvertreter von Steam auf diese Möglichkeiten hingewiesen«, sagt Stefan Schellenberg, der Vorsitzende des JusProg e.V., auf Nachfrage dazu. »Leider wurde unseres Wissens davon bislang nichts umgesetzt.«

Teils fragwürdige Titel

Valves Angebot an Porno-Games steht nicht nur in Deutschland immer mal wieder in der Kritik. Denn unter den Spielen befinden sich einige, die gewaltverherrlichende und frauenfeindliche Fantasien beinhalten. Der Verdacht auf kinderpornografische Darstellung stand angesichts einiger Hentai-Spiele ebenfalls bereits im Raum . Da Valve neue Veröffentlichungen üblicherweise nicht inhaltlich prüft, entfernt das Unternehmen selbst äußerst fragwürdige Titel wie »Rape Day« wenn nur auf Druck von außen .

Differenzierte Lösungsvorschläge hat Valve angesichts der drohenden Regulierung bislang offenbar nicht gemacht. Stattdessen sperrt das Portal lieber mit dem Vorschlaghammer Inhalte, so wie jetzt wieder Ende Dezember. Dass die Steam-Sperren sogar Spielentwickler unerwartet trafen, zeigt, wie abhängig diese von der Plattform und ihren Entscheidungen sind. Für einige gesperrte Titel wie »Subverse« ist Steam bisher der einzige Vertriebsweg.

»Gal*Gun 2« wurde in Deutschland zunächst wegen seiner jungen Anime-Protagonistinnen indiziert. Mittlerweile ist das Spiel ab 18 Jahren freigegeben. Auf Steam ist es weiter erhältlich.

»Gal*Gun 2« wurde in Deutschland zunächst wegen seiner jungen Anime-Protagonistinnen indiziert. Mittlerweile ist das Spiel ab 18 Jahren freigegeben. Auf Steam ist es weiter erhältlich.

Foto: Inti Creates

Mancher Entwickler gibt sich daher resigniert – und will seine Verkaufschancen lieber selbst in die Hand nehmen. So sagt ein Mitarbeiter von Denpasoft, dem Publisher von »Super Naughty Maid«, man arbeite man schon daran, die eigene Website für Deutschland jugendschutzkonform zu gestalten. So müsse man sich nicht weiter auf Steam verlassen.