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"The Beginner's Guide": Ein Spiel, das mehr ein Essay ist

Computerspiel "The Beginner's Guide" Das Zwei-Stunden-Meisterwerk

Sie haben eigentlich keine Zeit mehr für Videospiele? "The Beginner's Guide" sollten Sie trotzdem eine Chance geben. Das Spiel im Essay-Stil ist gerade einmal zwei Stunden lang - und so bewegend wie kaum ein anderer Titel.

Frank Underwood verschwendet keine Zeit. Es adelt also den Entwickler Davey Wreden, dass Underwood, US-Präsident aus der Serie "House of Cards", in der dritten Staffel das Computerspiel "The Stanley Parable" spielt.

Wreden hatte das Spiel zuerst 2011 als Modifikation des Ego-Shooters "Half-Life 2" entwickelt. Zwei Jahre später erschien eine überarbeitete, kommerzielle Version, die bis heute etwa 1,5 Millionen Mal verkauft wurde. Für ein kleines, seltsames und sogar von Kritikern geliebtes Spiel ist das enorm.

In Wredens Erstlingswerk steuerten die Spieler einen Büroarbeiter namens Stanley, während ein Sprecher dessen Geschichte erzählte. Doch man musste dem Erzähler nicht folgen, sondern konnte gegen ihn aufbegehren, sodass dieser in zahlreichen absurden Situationen um die Kontrolle des Spiels rang. Selten hatte ein Computerspiel eine originellere Erzählform.

Ein schwieriges Spiel

Formal ähnlich und doch ganz anders ist "The Beginner's Guide ", das neue und gerade erschienene Spiel von Wreden. Der Entwickler spricht diesmal selbst aus dem Off, dabei führt er die Spieler regelrecht an der Leine.

Das Spiel ist schwierig, aber das liegt nicht daran, dass es schwierig zu spielen ist. Die ersten Rezensenten brachte es reihenweise dazu, sich hinter Spoiler-Warnungen zu verschanzen - nicht nur, weil es ein sehr kurzes, narratives Spiel ist, dessen Pointen niemand vorwegnehmen will.

Die Zurückhaltung rührt auch daher, dass das Spiel Fans und Kritikern einen Spiegel vorhält, aus dem - für ein Computerspiel ganz ungewohnt - keine Helden zurückblicken. Dabei bedarf es weder Geschicklichkeit noch schneller Reflexe, um nach weniger als zwei Stunden zum Ende zu kommen. Die Herausforderungen von "The Beginner's Guide" sind emotionaler und intellektueller Natur.

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Davey Wreden erzählt von einem befreundeten Entwickler namens Coda, der selbst nur durch seine Spiele in Erscheinung tritt. Die beiden stehen zunächst zueinander wie Max Brod und Franz Kafka: Wreden ist überzeugt vom Genie Codas, welcher seine Werke aber sonst mit niemandem teilt.

Ein Labyrinth? Überspringen wir!

Die Spieler befinden sich dennoch von Anfang an in Codas Spielen. Er habe sie nun veröffentlicht, doziert Wreden, in der Hoffnung, so auch Coda zu erreichen, der 2011 plötzlich aufgehört habe, Spiele zu programmieren.

Die Führung beginnt als lockerer Ausflug in Codas eigenartige, hermetische Spielwelten, die Wreden voller Begeisterung, mit Liebe zum Detail und durchaus mitreißend interpretiert. Doch schon früh ist zu spüren, wie Wreden seine Spieler bevormundet und in Codas Kreationen eingreift.

Wenn Wreden etwa ein Labyrinth einfach überspringt, damit er mit seiner Erzählung schneller vorankommt, nimmt er den Spielern einen der seltenen Momente, in denen sie herkömmliche spielerische Aufgaben lösen können. Die Stimmung trübt sich langsam. Vom grotesken Humor, der "The Stanley Parable" prägte, ist bald nichts mehr übrig.

Spielwelt von Coda: Entwickler Wreden führt die Spieler

Spielwelt von Coda: Entwickler Wreden führt die Spieler

Fiktive Erzählung mit Doku-Elementen

So streng die Spieler durch "The Beginner's Guide" geführt werden, so offen ist das Spiel in seiner Aussage. Vermeintliche Gewissheiten bezüglich seiner Bedeutung, die es für kurze Zeit aufbaut, stürzt es bald wieder um. Es ist ein Essayspiel, das spielerische Pendant zum Essayfilm.

Ein Essay ist ein Versuch. Der Versuch, sich kreisend einem Thema anzunähern, das nicht so einfach zu fassen ist. Im Essayfilm begleitet oft ein Erzähler das Publikum, wie auch hier Wredens Stimme die einzelnen Kapitel zusammenhält. Die Spieler sind seine stummen Komplizen.

"The Beginner's Guide" handelt vom kreativen Prozess, von der Aneignung der Kunst durch ihre Rezipienten, von Spielen an sich und vielleicht noch von vielem mehr. Das Spiel mischt wie auch der Essayfilm dokumentarische Elemente mit einer fiktiven Erzählung. Es ist nämlich noch nicht einmal sicher, ob es Coda überhaupt gibt.

Coda trägt Züge von Wreden

So wie Davey Wreden ihn darstellt, trägt Coda Züge von Wreden selbst. Wreden hatte sich nach dem Erfolg von "The Stanley Parable" in einem Blogpost zu Wort gemeldet und über seine Depressionen und Ängste gesprochen, die das öffentliche Interesse in ihm ausgelöst hatten. Doch auch dem einfachen Kurzschluss, vom Werk auf den Schöpfer und seine Biografie zu schließen, verweigert sich das Spiel.

Gerade weil "The Beginner's Guide" einen verunsichern kann, ist das Spiel ein seltenes und wertvolles Erlebnis. Es füllt die intellektuelle Leere, die die Masse der Unterhaltungssoftware hinterlässt. Selbst wer nur zwei Stunden im Jahr für Videospiele übrig hätte, würde sie mit "The Beginner's Guide" definitiv nicht verschwenden.


"The Beginner's Guide" von Everything Unlimited Ltd. für PC, Mac und Linux circa 9 Euro

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