SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

08. März 2019, 14:22 Uhr

Oculus

Wie Facebook dem Jungen aus dem Wohnwagen eine Firma abkaufte

Von

Ein neues Buch erzählt, wie die Virtual-Reality-Firma Oculus für drei Milliarden Dollar bei Facebook landete. Im Fokus steht Gründer Palmer Luckey. Der Deal machte den Trump-Fan reich - seinen Job behielt er aber nicht lange.

"Verräterisches Arschloch."

"Wir haben DIR unsere Träume anvertraut. Wir haben dich bezahlt, das zu bauen. Nicht Facebook."

"Ich hoffe, die Swimming-Pools voller Geld waren es wert, die VR-Träume aller Gamer dieser Welt zu verkaufen."

Solche Nachrichten - und das waren noch die netteren - erreichten Palmer Luckey, als Anfang 2014 bekannt wurde, dass er und seine vier Mitgründer ihr Start-up Oculus an Facebook verkaufen. Zunächst war von zwei Milliarden Dollar die Rede, später von drei. Das Oculus-Team reizte nicht nur das Geld. Es hoffte auch, dass sein Virtual-Reality-Headset Oculus Rift durch Facebooks Förderung besser und günstiger werden könnte.

Viele Fans, darunter vor allem Hardcore-Gamer, wollten mit Facebook nichts zu tun haben. Sie waren vor allem auf Luckey wütend, der damals 21 und das Gesicht der Firma war. Er war derjenige, der Virtual Reality (VR) nach den Flops der Neunzigerjahre wieder cool machen sollte. Ein Hardware-Bastler, dessen Karriere in einem umgebauten Wohnwagen begann (siehe Fotostrecke). Manche Fans hatten Oculus und ihm schon seit 2012 über Kickstarter Geld anvertraut.

Vom VR-Messias zur Hassfigur: Auch diesen ungewollten Imagewandel Luckeys thematisiert das Buch "The History of the Future" von Blake J. Harris, das gerade auf Englisch erschienen ist. Harris hat zuvor bereits den "Konsolen-Kriegen" zwischen Nintendo und Sega ein vielbeachtetes Buch gewidmet, das bald als Miniserie verfilmt werden soll.

Neue Firma, neue Rechner

Auf gut 500 Seiten erzählt der Amerikaner nun, wie Oculus vom coolen Start-up zur Facebook-Tochter wurde: Man erfährt dabei, dass aus Luckey fast ein Sony-Angestellter geworden wäre und was es mit einem Team macht, wenn es plötzlich zum Weltkonzern von, so sagt man offenbar bei Oculus, "Marky Z" gehört. Als einer der ersten Schritte stand beispielsweise ein Umstieg auf Apple-Laptops an.

Blake J. Harris betont, er habe für das Buch "Hunderte Interviews" geführt. Was er daraus macht, liest sich wie ein Mix aus journalistischer Aufarbeitung und Roman, "narrative non-fiction writing" nennt Harris das. Einerseits zitiert er interne E-Mails, anderseits wirken viele Dialoge arg geschliffen. Harris' Erklärung dazu am Buchende klingt nach: Die Szenen und Dialoge basieren meistens auf Erinnerungen der Beteiligten. Die Grundzüge der Unterhaltungen aber stimmten und seien durch Recherche abgesichert. Ein Tweet von Star-Entwickler John Carmack, der im Buch eine tragende Rolle spielt, scheint das zu bestätigen.

Beim Lesen fällt es mitunter trotzdem schwer abzuschätzen, mit wie viel Vorsicht Schilderungen zu genießen sind. Wenn Palmer Luckey mit seiner Freundin das Feuerwerk zum US-Unabhängigkeitstag anschaut, wird es auch mal kitschig: "Als die Feuerwerke noch größer und lauter wurden, hörte Luckey auf, über Oculus nachzudenken", heißt es dort. "Es ergab keinen Sinn, sich Gedanken über die virtuelle Realität zu machen, wenn die, die du vor dir hast, so verdammt gut ist. Und so war es. Sie [Palmers Freundin; Anmerkung der Redaktion] war es. Alles war es. Gott segne Amerika, dachte Luckey. Gott segne unser wunderbares Land."

Luckeys Untergang bei Facebook

"The History of the Future" ist eine detailreiche Chronik der ersten Oculus-Jahre, zugleich aber auch der Versuch einer Rehabilitierung Palmer Luckeys. Denn der hatte nach der Fan-Wut 2014 noch ernstere Probleme, die wohl noch nirgends so detailliert nachgezeichnet wurden wie bei Harris.

2016, im US-Wahlkampf Trump gegen Clinton, hatte das Online-Magazin "The Daily Beast" enthüllt, dass Palmer Luckey eine für Trump trommelnde Organisation namens "Nimble America" unterstützt hatte. Das Presseecho war verheerend, mit Negativschlagzeilen wie beispielsweise "Wie deine Oculus Rift heimlich Donald Trumps rassistische Meme-Kriege finanziert". Luckey wurde als Strippenzieher einer angeblichen "Meme-Maschine" Trumps inszeniert.

Praktisch, so schildert es Harris, blieb von der Aktion außer markigen Ankündigungsworten und reißerischen Postings des Reddit-Accounts "NimbleRichMan" aber nicht viel übrig. Die ganze Aktion kam unter den Trump-Unterstützern auf Reddit überhaupt nicht gut an, viele vermuteten einen Betrug. Und die angebliche "Meme-Maschine" soll bis zum Auffliegen von Luckeys Engagement nicht mehr hervorgebracht haben als ein einziges, im Vergleich zu vielen anderen Memes braves Anti-Hillary-Werbeplakat ("Too big to jail").

"Nimble America war nicht für das Erstellen oder das Verbreiten irgendwelcher Memes im Internet verantwortlich", schrieb Blake J. Harris schon 2017 in einem Artikel. Es gebe auch keine Belege, dass "Nimble America" eine rassistische, sexistische oder antisemitische Agenda gehabt habe. Fakt scheint aber zu sein: Luckey hat 10.000 Dollar an "Nimble America" gespendet - und was "NimbleRichMan" schrieb, hatte er vielleicht nicht selbst verfasst, aber mindestens zur Veröffentlichung unter diesem Pseudonym freigegeben.

Urlaub ohne Wiederkehr

Luckey verschwand nach dem Vorfall zunächst "im Urlaub" - in seinen alten Job kam er aber nicht mehr wirklich zurück. Er nahm noch an einem anstehenden Gerichtsprozess gegen die Spielefirma ZeniMax teil und verließ Facebook Anfang 2017 - ohne offiziellen Ausstand.

Während manche die Entscheidung mit dem ZeniMax-Rechtsstreit verbinden, der Facebook am Ende 250 Millionen Dollar kostete, und Mark Zuckerberg 2018 aussagte, er habe noch nie jemand wegen dessen politischer Haltung gefeuert, klingt es bei Harris anders.

Ein großes Thema ist im Buch ein öffentliches Facebook-Posting, in dem sich Luckey zu seiner Spende erklärte. Darin gab er an, er wolle bei der Wahl für den Libertären Gary Johnson stimmen. Schon damals fragten sich viele Beobachter: Warum spendet Luckey dann an Trump-Unterstützer?

Harris' Recherchen zufolge war Luckey seit Jahren Trump-Fan - einer, der ahnte, dass das im tendenziell linken Silicon Valley nicht gut ankommen würde. Deshalb wollte er seinen echten Namen im Kontext von "Nimble America" auch nicht veröffentlicht sehen - ein Plan, den "The Daily Beast" durchkreuzte.

Der Text von Luckeys öffentlichem Statement kam laut Harris' Darstellung "direkt von Mark", also von Mark Zuckerberg. Luckey habe vor der Wahl gestanden: Entweder er veröffentlicht den vorgegebenen Text oder er muss seinen Traum, noch lange bei Oculus zu bleiben, aufgeben. Die einzige Änderung, die Facebook Luckey zubilligte, sei das Entfernen des Satzes "Genau genommen unterstütze ich bei dieser Wahl Donald Trump gar nicht" gewesen, heißt es.

2014 soll Luckey in einer E-Mail, in der es um eine umstrittene Spende des damaligen Mozilla-Chefs ging, einmal selbst geschrieben haben: "Wir kontrollieren nicht, was Mitarbeiter in ihrer Freizeit sagen. Wir werden nicht zu einem dieser Megakonzerne, die Menschen feuern, weil die Meinungen haben, die denen des Unternehmens oder der Öffentlichkeit widersprechen."

Luckey hat jetzt ein neues Fachgebiet

Im Januar 2017, nach der Wahl, aber noch vor der Trennung von Facebook, hat Luckey dem "Wall Street Journal" zufolge übrigens 100.000 Dollar an Trumps Presidential Inaugural Committee gespendet. Heute er ist mit einer neuen Firma im Bereich Verteidigung und Grenzsicherung aktiv, aber weiter am Wohl von Käufern der Oculus Rift interessiert - was zum Bild des Patrioten, aber auch des VR-Enthusiasten passt, das Harris von ihm zeichnet.

Harris' Buch ist alles in allem lesenswert, trotz manch langweiliger Nebengeschichten im Mittelteil und einigem Erzählkitsch. Spannend sind etwa Passagen dazu, wie Oculus-intern und später auch mit Facebook darüber gestritten wurde, wie offen die eigene Plattform sein dürfe. Auch ins Verhältnis von Oculus und Valve sowie Oculus und ZeniMax gibt das Buch interessante Einblicke.

Und nicht zuletzt verrät es, wie Mark Zuckerberg versuchte, die Oculus-Mitarbeiter vor der Übernahme für sich zu gewinnen. Demnach versprach er ihnen beispielsweise einen "Turbo" zum Erfolg und gab sich bei einem Besuch mit McDonald's-Tüte in der Hand ganz bodenständig. "Wow, dachten sie", beschreibt Harris die Reaktion der Oculus-Mitarbeiter darauf, "Tech-Mogule sind ja genau wie wir!"

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung