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Markus Böhm

Spiele-Entwicklung "The Last of Us Part 2" ist ein Meilenstein in Sachen Barrierefreiheit

Markus Böhm
Ein Netzwelt-Newsletter von Markus Böhm

Liebe Leserin, lieber Leser,

"The Last of Us Part 2" ist das Playstation-Spiel der Stunde: Im Netz wird intensiv über die Handlung und die Gewaltdarstellungen diskutiert. Aber es gibt viel Bemerkenswerteres.

"The Last of Us Part 2" zwingt Spielerinnen und Spieler, rohe Gewaltfantasien und pure Rachegelüste auszuhalten und hilflos mitzuziehen. 

Das schrieb mein Kollege Carsten Görig neulich in seinem Test zum Freitag veröffentlichten, offenbar faszinierenden Playstation-4-Exklusivtitel "The Last of Us Part 2". Er stellte das Postapokalypse-Spiel des Studios Naughty Dog als "Trip in die Abgründe der Seele" dar, als eine "Reise in die Hoffnungslosigkeit, die harte Arbeit ist".

Szene aus "The Last of Us Part 2": Hier wurde aktiviert, dass der Sprechername bei den Untertiteln immer angezeigt und eingefärbt wird

Szene aus "The Last of Us Part 2": Hier wurde aktiviert, dass der Sprechername bei den Untertiteln immer angezeigt und eingefärbt wird

Foto: Naughty Dog/Sony

Ich will ehrlich sein: Auf so ein Spiel habe ich im Moment, mitten im Sommer, während der Corona-Pandemie und mit den Gewaltszenen aus den USA vor Augen, überhaupt keine Lust. Da lockt es mich auch nicht, dass "The Last of Us Part 2" interessanterweise auch das erste große Videospiel ist, das queere Geschichten nicht nur andeutet, sondern diese auch auserzählt, wie unser Autor Matthias Kreienbrink hier beschreibt. Warum also widme ich diesen Newsletter trotzdem "The Last of Us Part 2"?

Ganz einfach: Weil dieses Spiel völlig unabhängig vom persönlichen Geschmack ein Meilenstein der Games-Entwicklung ist. Und damit meine ich nicht die hervorragende Grafik, nicht die Animationen oder die Dialoge. Mir geht es um seine Zugänglichkeit. "The Last of Us Part 2" ist im Kern zwar ein klassisches Videospiel, mit Schieß- und Schleichpassagen - ein Titel, der wie jeder andere Playstation-Hit per Gamepad gesteuert wird. Doch wohl noch kein Blockbuster zuvor hat es Spielerinnen und Spielern erlaubt, ihr Spielerlebnis derart detailliert an ihre Wünsche und Bedürfnisse anzupassen.

So bietet das Spiel neben fünf Schwierigkeitsgraden auch spezielle Einstellungspakete für "barrierefreies Sehen", für "barrierefreies Hören" und auch für eine "barrierefreie Motorik", die direkt zu Beginn anwählbar ist. Das Motorik-Paket etwa richtet sich an Spieler mit Körper- und Bewegungsbehinderungen und umfasst Dinge wie ein automatisches Zielen auf Feinde, einen automatischen Waffenwechsel und einen Schutz davor, dass die Figur durch Eingaben des Spielers von Vorsprüngen stürzt und so stirbt. Außerdem lassen sich Rätsel auf Wunsch einfach überspringen.

Das Spiel bietet drei Einstellungspakete, man kann es aber auch noch viel individueller einstellen

Das Spiel bietet drei Einstellungspakete, man kann es aber auch noch viel individueller einstellen

Foto: Naughty Dog/Sony

Mehrere Dutzend solcher Optionen lassen sich auch einzeln an- und abwählen: Man kann auf diese Art jederzeit genau so viel Hilfe aktivieren, wie man gern haben möchte. Zahlreiche auf einmal, gar keine oder auch nur ein paar ganz bestimmte. Vor allem für Spielerinnen und Spieler mit Behinderungen ist diese Auswahl ein Segen, der manchen sogar zu Tränen rührt  - doch auch alle anderen Spieler profitieren.

Zum Thema "Kampf" gibt es einige Regler, von "Geiseln entkommen nicht" bis "In Bauchlage unsichtbar"

Zum Thema "Kampf" gibt es einige Regler, von "Geiseln entkommen nicht" bis "In Bauchlage unsichtbar"

Foto: Naughty Dog/Sony

Mich selbst hat bei Playstation-Titeln schon oft geärgert, wie klein die Schrift in Menüs und Untertiteln ist. Bei "The Last of Us Part 2" gibt es solche Probleme nicht, wie ich in einem Kurztest überprüft habe. Hier lässt sich sogar einstellen, dass alle Text-Einblendungen wie "Beliebige Taste drücken" laut vorgelesen werden und dass bei Untertiteln angezeigt wird, wie die sprechende Person heißt und wo im virtuellen Raum sie sich befindet.

Bei den Untertiteln lässt sich einstellen, dass ein Pfeil signalisiert, wo in der Spielwelt sich eine sprechende Figur befindet, die gerade nicht im Bildausschnitt zu sehen ist

Bei den Untertiteln lässt sich einstellen, dass ein Pfeil signalisiert, wo in der Spielwelt sich eine sprechende Figur befindet, die gerade nicht im Bildausschnitt zu sehen ist

Foto: Naughty Dog/Sony

Letztlich will ich "The Last of Us Part 2" zwar weiterhin nicht spielen. Aber es freut mich aufrichtig, dass die Entwickler bei diesem Spiel wirklich viel dafür getan haben, dass jeder, dem es anders geht, die Chance dazu hat, es zu erleben. Von der Barrierefreiheit eines "The Last of Us Part 2" sollten sich andere Studios unbedingt inspirieren lassen.

Seltsame Digitalwelt: Gar nicht so schlecht gealtert

Viele Bücher und Zeitungsartikel zu Digitalthemen altern schlecht. Welche Pixelwelten etwa früher als problematisch galten, ist im Nachhinein nur noch amüsant, genau wie der Tech-Schrott, dem einen einst der Pearl-Katalog andrehen wollte. Mit solchen Gedanken im Hinterkopf bestellte ich mir neulich einen zwei Jahrzehnte alten Netzleitfaden namens "Looses Internet-Handbuch 2000" - ein Buch mit Wolken auf dem Cover, aus denen Giraffenköpfe herausragen . Das müsste aus heutiger Sicht doch voll von Anekdotengold und abgedroschenen Formulierungen sein, dachte ich mir.

Ein wenig Schmökern belehrte mich eines Besseren. Klar, zahlreiche der damals empfohlenen Websites existieren heute nicht mehr und auch viele einst wichtige Marken wie AOL haben ihre beste Zeit hinter sich. Doch ansonsten wirken viele Kapitel des Buchs, das aus Zeiten vor Facebook und Co. stammt, noch immer halbwegs passend. Zur Frage "Kann ich durch das Internet reich werden?" beispielsweise heißt es: "Ja, nein, möglicherweise - vielleicht sollte die Frage besser lauten: 'Kann ich weiterhin ohne das Internet Geld verdienen?'". So könnte man auch heute noch darauf antworten.

Deal der Woche: "Humble Fight for Racial Justice Bundle"

Vor zwei Wochen habe ich Ihnen an dieser Stelle schon einmal ein Computerspielepaket empfohlen, dessen Erlöse Gruppen zugutekommen, die sich gegen Rassismus und für Gleichberechtigung einsetzen. Beeindruckende acht Millionen Dollar wurden mit dem Bundle von Itch.io letztlich gesammelt, fast 1400 Entwicklerinnen und Entwickler stellten ihre Werke zur Verfügung . Mittlerweile ist das Itch.io-Paket nicht mehr kaufbar, es gibt mit dem "Humble Fight for Racial Justice Bundle " aber ein neues, ebenfalls interessantes Set.

Dieses Paket für 28 Euro - oder auf freiwilliger Basis auch mehr - enthält deutlich weniger Games, dafür aber vorwiegend bekannte Titel, die man über die Spieleplattform Steam spielen kann. Dazu zählen das originelle Puzzlespiel "Baba is you", die Partygame-Sammlung "Jackbox Party Pack 4", das Rennspiel "Sonic & Sega All-Stars Racing" und das Basketballspiel "NBA 2K20", sowie Indie-Klassiker wie "Spelunky". Mit dem "Football Manager 2020" enthält es zudem einen echten Zeitfresser für Fußballfans. Auch einige Comics und E-Books sind Teil des Bundles. Bezahlt werden kann es hier per PayPal, Kreditkarte oder Alipay , und auch beim Humble-Angebot wird das eingenommene Geld im Kontext der US-Proteste gespendet.

Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

  • "Der Zuckerberg der gespreizten Schenkel " (Podcast, 88 Minuten)
    Kaum jemand dürfte das Onlineporno-Geschäft weltweit so geprägt haben wie Fabian Thylmann. Im "OMR Podcast" von Philipp Westermeyer erzählt der deutsche Unternehmer, der heutzutage unter anderem Besitzer des Kölner Klubs "Bootshaus" ist, wie er einst mit Plattformen wie YouPorn und Pornhub ein Pornoimperium aufbauen konnte - und wie das Geschäftsmodell solcher Seiten auch nach seinem Ausstieg funktioniert.

  • "Die Corona-App fängt an zu wirken, sobald 15 Prozent mitmachen " (fünf Leseminuten)
    In Medienberichten zur Corona-Warn-App hieß es oft, dass laut einer Oxford-Studie mindestens 60 Prozent der Bevölkerung eine solche App nutzen müssten, damit auf diesem Weg die Pandemie gestoppt werden könne. Die Forscherin Lucie Abeler-Dörner sagt dazu der "Süddeutschen Zeitung": "Am besten funktioniert die App tatsächlich, wenn viele Leute sie nutzen. Unsere Simulationen zeigen jedoch, dass die App anfängt zu wirken, sobald 15 Prozent der Bevölkerung mitmachen."

  • "Facial Recognition " (Video, 21 Minuten)
    Im Zuge der jüngsten Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt war auch Gesichtserkennung wieder ein Debattenthema. In diesem Beitrag erklärt Comedian John Oliver, was mit Gesichtserkennung überhaupt gemeint ist und was das Gefährliche am Einsatz der Technologie ist.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche

Markus Böhm

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