Boxen in der virtuellen Realität Liebe Leserin, lieber Leser,

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drei Tage lang taten meine Oberarme weh - und das mitten im Urlaub. Bei jedem Anheben meines Koffers spürte ich, dass ich mich beim Boxen übernommen hatte. Meinen virtuellen Gegner "Ugly Joe" hatte ich zwar ausknocken können, auf Dauer war meine Ich-hau-einfach-mal-drauflos-Schlagtechnik aber wohl doch ein Fehler. Drei Kämpfe von jeweils nicht mehr als drei Runden reichten bei "The Thrill of the Fight" aus, mich an meine körperlichen Grenzen zu bringen - und mich tags darauf vom vermeintlichen Profiboxer zum Muskelkater-Jammerlappen zu machen.

Gegner im Blick: So erlebt man das Spiel
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Gegner im Blick: So erlebt man das Spiel

"The Thrill of the Fight" ist eine auf Action getrimmte Virtual-Reality-Boxsimulation, die dieser Tage für die Oculus Quest erschienen ist - und die seitdem von Quest-Besitzern mit Lobeshymnen überschüttet wird. Für andere VR-Headsets ist das Spiel zwar schon länger verfügbar. Einige davon bergen aber das Risiko, dass man beim Umtänzeln des Gegners über das Kabel stolpert, das Geräte wie die Oculus Rift mit einem PC verbindet. Auf der Quest dagegen lässt sich kabellos boxen, mit der Brille auf dem Kopf und zwei Controllern in den Fäusten. Auf Spielflächen ab zwei mal zwei Meter Größe kann man sich dabei frei bewegen.

Mit großer Spielfläche: Eine Runde "The Thrill of the Fight" im Garten
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Mit großer Spielfläche: Eine Runde "The Thrill of the Fight" im Garten

Was auf Screenshots unspektakulär aussieht, ist durchs Headset erlebt das bisher körperlich wohl intensivste VR-Workout. Wer sich geschickt anstellt, kann etwa durch Umherlaufen oder durchs Ausweichen mit dem Kopf Schlägen des Gegners entgehen. Mir persönlich hat noch kein anderes VR-Spiel in so kurzer Zeit so viel Spaß und Schmerzen wie "The Thrill of the Fight" bereitet. Und das, obwohl gefährliche Treffer des Gegners nur zum Ausgrauen des Sichtfelds führen statt zu blauen Flecken.

Bemerkenswert ist die Boxsimulation auch, weil sie im Wesentlichen ein Einmannprojekt ist. Das erklärt wohl auch, warum sich Entwickler Ian Fitz fast nur auf die Kämpfe selbst konzentriert hat. Auf eine aufwendige inszenierte Story im "Rocky"-Stil oder viel Drumherum jedenfalls muss man verzichten. Es gibt lediglich simple Trainingsoptionen, etwa am Boxsack und am Speedbag. Auch Multiplayer-Matches fehlen, daher kämpft man auch auf Dauer nur gegen verschieden starke, ausschließlich männliche Computer-Boxer.

Dafür ist "The Thrill of the Fight" mit einem Preis von gerade mal zehn Euro ein Schnäppchen - erst recht, wenn man den Fitnessfaktor mit einrechnet. Für diesen Preis bekommt man selbst in Billig-Fitnessstudios nur einen halben Monat Training, wie ich als Kunde einer der großen Ketten weiß. Im Moment jedoch fällt mir die Abwägung schwer, wann ich wieder ins Fitnessstudio gehen kann. Denn gerade steckt mir schon wieder der letzte VR-Boxkampf in den Knochen.

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Snowden und Start-ups: In Lissabon startet der Web Summit

Web Summit in Lissabon
ANTONIO COTRIM/EPA-EFE/REX

Web Summit in Lissabon

Besser boxen als ich - in der Realität und damit wohl auch in VR - kann übrigens meine Kollegin Sonja Peteranderl. Sie ist gerade in Lissabon unterwegs, um von Europas größter Webkonferenz zu berichten, die heute beginnt. Bis Donnerstag werden beim Web Summit 70.000 Teilnehmer erwartet. Große Konzerne wie Microsoft, Google und Amazon geben dort Einblicke in Themen wie Robotik und autonomes Fahren, aber auch viele Start-ups sind präsent. Mit Spannung erwartet wird unter anderem ein Auftritt von NSA-Whistleblower Edward Snowden per Videoschalte.

Seltsame Digitalwelt: Verhasstes Navi
von Judith Horchert

Unsere Familie saß kürzlich im Auto, aus den Lautsprechern dröhnte - wie so oft - Kindermusik, diesmal "Das Katzentatzentanzspiel" von Fredrik Vahle. "Guck, die Katze tanzt allein/tanzt und tanzt auf einem Bein", düdelte es friedlich durchs Auto. Gerade als es mal wieder spannend zu werden drohte ("Kam der Igel zu der Katze…"), wurde die Musik plötzlich von ganz allein leiser. Über das Smartphone schaltete sich eine Frauenstimme ein: "Biegen Sie in 200 Metern rechts ab, danach halten Sie sich links".

Denn bei jeder Wegbeschreibung blendet das Navi die Musik kurz aus, sehr zum Unmut des Kindes auf dem Rücksitz, das drei Jahre alt und dessen Unmut entsprechend schnell geweckt ist. Bei der ersten Musikpause konnte es sich noch gerade so beherrschen, doch als die nächste Anweisung das Katzenlied erneut unterbrach, tönte von hinten ein schriller und wütender Schrei: "Mensch Google, jetzt sei doch endlich mal leise!"

App der Woche: "Gwent - The Witcher Card Game"
getestet von Tobias Kirchner

CD Projekt

"Gwent" ist ein aufwendig gestaltetes und schönes Kartenspiel, das manche vielleicht aus dem Rollenspiel "The Witcher" kennen. Die Spieler zücken darin Karten, die auf den Kriegern und Kreaturen aus den Abenteuern des Hexers Geralt von Riva basieren. Im Vergleich zu anderen virtuellen Kartenspielen wie "Hearthstone" ist "Gwent" etwas einsteigerfreundlicher. Seine Mechanik ist mit verschiedenen Kartenreihen, die aus Nahkämpfern, Fernkämpfern und Belagerung bestehen, ziemlich einzigartig.

Wie im Genre üblich gibt es zahlreiche Karten, die sich sammeln lassen, genau wie Bonuspakete, für die echtes Geld ausgegeben werden kann. Wer in "Gwent" erfolgreich sein will, kommt aber auch ohne Zusatzkäufe aus. Eine Android-Version der App soll im Frühjahr 2020 folgen, Varianten des Spiels für PC, Playstation 4 und Xbox One sind bereits erschienen.

Gratis, von CD Projekt, mit In-App-Käufen: iOS


Fremdlink: Drei Tipps aus anderen Medien

  • "A network of 'camgirl' sites exposed millions of users and sex workers" (Englisch, drei Leseminuten)
    "TechCrunch" berichtet über ein Datenleck mit vergleichsweise heiklen Informationen: Über eine nicht einmal per Passwort geschützte Datenbank ließen sich Informationen zu Nutzern von "Camgirl"-Seiten abrufen, die zu einer Firma aus Barcelona gehören. Einsehbar waren demnach Details zur Aktivität auf der Plattform, aber auch private Chatnachrichten.

  • "Handmade Pixels: Independent Video Games and the Quest for Authenticity" (Englisch, 328 Seiten)
    Sogenannte Indie-Games à la "Braid" und "Undertale" sind in der Welt der Videospiele längst mehr als ein Nischenphänomen. Der Spieleforscher Jesper Juul hat der Entwicklerszene jenseits großer Spielefirmen nun ein inhaltlich tiefgehendes, aber verständlich geschriebenes Buch gewidmet. Auch auf Basis vieler Interviews reflektiert Juul, was sich hinter den großen Szeneschlagworten wie "indie" und "authentisch" verbirgt.

  • "Inside the Icelandic Facility Where Bitcoin Is Mined" (Englisch, zwei Leseminuten plus Fotos)
    Island ist ein beliebter Standort für Krypto-Unternehmer, die sich auf das Mining von Digitalwährungen wie Bitcoin spezialisiert haben. "Wired" zeigt eindrückliche Bilder der Fotografin Lisa Barnard, die in einer sehr großen isländischen Mining-Einrichtung namens Enigma zu Besuch war. Auch der SPIEGEL war dort schon vor Ort.

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche

Markus Böhm

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insgesamt 3 Beiträge
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Kunstgriffe 04.11.2019
1. Bloss nicht nachmachen!
Ich habe den Inhalt des Artikels gut gefunden, aber ich rege mich über die Form auf. Auch in diesem Text steht ein Phantasie-Wort: "Videoschalte", das es so gar nicht gibt bzw. Lesende glaubend macht, es sei korrektes Deutsch. Diese Wort steht nicht mal im Duden, es ist einfach falsch geschrieben. SPON als "Leitmedium" ist eh voller Grammatik- und stilfehler. Angefangen bei falschen Anführungszeichen bis hin zum falschen Setzen der Ellipse ("..." ohne Leerzeichen davor) in englischer Darstellung statt in deutscher (auf SPON hundertfach falsch geschrieben, weil einfach die Syntax des CMS-Programmierers blind übernommen wurde. Krass.). Wie kann es sein, dass ein "Leitmedium" derart schlampig in der Außendarstellung ist? Ein Unternehmen, dessen täglich Brot der Text ist, diesen aber nicht korrekt einsetzt und so die Leser falsches lehrt, ist entweder ignorant oder frei von Experten für dieses Gebiet. Was gilt hier?
touri 05.11.2019
2.
Virtuelles Boxen hört sich ganz interessant an, wobei mir die Wii Variante auch schon Muskelkater verpasst hat :p
rgom 05.11.2019
3. es ging mir genauso
Hatte ebenfalls drei Tage lang Muskelkater. Das Spiel ist ein echter "System Seller" für die Quest. Also ein Titel für den allein sich die Anschaffung der Quest lohnt. Neben Beat Saber vielleicht.
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