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Rollenspiel: So schön und düster ist "The Witcher 3"

Foto: Christian Neeb

Rollenspiel "The Witcher 3" im Test Monsterjäger mit Katzenaugen - Polens ganzer Stolz

Die Geschichten über den Hexer Geralt von Rivia sind polnisches Nationalerbe. Nun ist das dritte Videospiel der "The Witcher"-Reihe erschienen: "Wild Hunt" verzaubert mit einer Märchenwelt, wie man sie noch nicht gesehen hat.

Der Sturm faucht über die Ebene. Birken biegen sich in den Böen. Das Gras wogt, Wellen auf einem Meer, das sich erstreckt, so weit das Auge reicht. Auf dem Berg steht eine einsame Gestalt. Zerzauste weiße Mähne. Ein Blitz, der die Nacht zerreißt.

Der Anblick lässt vermuten, jemand habe ihn mit Ölfarben und Pinsel auf den Millimeter genau komponiert. Caspar David Friedrich oder einer seiner Freunde. Aber der Maler bin ich. Und meine Leinwand heißt "The Witcher 3: Wild Hunt".

Als Barack Obama 2011 in Polen zu Gast war, überreichte der damalige Premierminister Donald Tusk dem US-Präsidenten eine Version von "The Witcher 2: Assassins Of Kings". Der bedankte sich artig. Später sagte er, er kenne sich zwar mit Videospielen nicht so aus, habe sich aber sagen lassen, dass das Spiel ein "tolles Beispiel für die Stellung Polens in der neuen Weltwirtschaft" sei, ein "Tribut an die Talente und die Arbeitsmoral des polnischen Volkes". "The Witcher" ist ein Vorzeigeprodukt Polens.

Die Spiele des Studios CD Projekt Red basieren auf der Reihe von Erzählungen und Romanen des polnischen Autors Andrzej Sapkowski. Und sowohl die digitalen, als auch die analogen Versionen der Geschichte über den Hexer Geralt, einen Monsterjäger mit Katzenaugen, der eine mittelalterliche Fantasywelt vom Bösen befreit, können mittlerweile zum Kulturerbe Polens gezählt werden.

Metal Gear Witcher

Nun ist "Witcher 3" erschienen, und Polen hat definitiv einen Grund, stolz zu sein. Denn mit dem Spiel für Windows, die Playstation 4 und die Xbox One erzählt CD Projekt Red einmal mehr eine abstrakte und doch packende Parabel auf unser Hier und Jetzt. "The Witcher 3" verzaubert mit einer Märchenwelt, wie man sie noch nicht gesehen hat - und liefert die neue Messlatte für Rollenspiele.

Held Geralt in "The Witcher 3": Stoppelbärtiger Griesgram

Held Geralt in "The Witcher 3": Stoppelbärtiger Griesgram

Foto: Christian Neeb

Geralt von Rivia wirkt müde. Ein stoppelbärtiger Griesgram, der dem gealterten Solid Snake aus "Metal Gear Solid IV" ähnelt. Gemeinsam mit seinem Partner Vesemir streift er durchs Land, auf der Suche nach seiner Schülerin und Adoptivtochter Ciri. Er und Vesemir gehören dem Orden der Hexer an, einer Gruppe von mutierten Monsterjägern, die gegen Geld Ghule, Greife und Gespenster bekämpfen.

Spielfigur Snake in "Metal Gear Solid IV": Müde Helden

Spielfigur Snake in "Metal Gear Solid IV": Müde Helden

Immer wieder muss Geralt auf den Spuren von Ciri Aufträge übernehmen, um Informationen über den Aufenthalt des Mädchens zu finden. Und am Rande des Weges warten Dutzende weitere Aufgaben - vom Beschaffen einer verlorenen Bratpfanne bis zum Kampf gegen verfluchte Brunnengeister.

Auf den ersten Blick wirkt "The Witcher 3" wie ein Open-World-Spiel. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Unterteilt ist das Spiel in mehrere großflächige Regionen, die der Spieler nacheinander bereist. In ihnen ist er zu Fuß oder zu Pferd unterwegs. Den Hexer Geralt kontrolliert er aus der dritten Person.

Die Königreiche, die er dabei erkundet, sind ein Amalgam aus osteuropäischen Sagen und den Fantasyklischees des Westens. Eine farbenfrohe Melange - mit Schattenseiten. Für jedes sonnenüberflutete Weizenfeld, das sich sanft im Wind wiegt, baumelt ein Dieb an der nächsten Eiche. Einige Eindrücke liefert unsere Bildstrecke.

Schön und düster zugleich: Die Spielwelt von "The Witcher 3"

Schön und düster zugleich: Die Spielwelt von "The Witcher 3"

Foto: Christian Neeb

"Witcher 3" spielt sich dabei wie ein Mix aus "The Elder Scrolls: Skyrim" und "Red Dead Redemption". Ein einsamer Outlaw auf der Suche nach Erlösung - und Hunderte Aufgaben zwischen ihm und seinem Ziel. Anders als in den meisten anderen Rollenspielen gibt es keine Möglichkeit, einen eigenen Charakter zu entwerfen. "The Witcher 3" erzählt Geralts Geschichte. Doch wie die abläuft, das bestimmt der Spieler zumindest teilweise.

Alles eine Charakterfrage

Mitleid oder Verachtung für einen Säufer, der alles verloren hat und die eigene Frau schlägt? Gnadenloses Gericht über einen jungen Tagedieb? Nicht nur bei großen Entscheidungsmomenten der Story, sondern auch in vielen kleinen Begegnungen mit Bauern, Händlern und Rebellen entwirft der Spieler mit seinen Entscheidungen ein eigenes Psychogramm des Hexers.

Bei allem Lob ist die Reise des Monsterjägers aber nicht ohne Fehl. Ein reines Action-Rollenspiel wie "Bloodborne" ist "Witcher 3" nicht geworden. Oft wirkt die Steuerung der Hauptfigur etwas hakelig. Auch grafisch tut sich der Titel auf der neuen Konsolengeneration ab und an etwas schwer. Besonders in Zwischensequenzen ruckelt es. Und die Navigation der vielen Menüs kann zum Albtraum geraten. Doch bei der Fülle, die "Witcher 3" in beinahe jedem anderen Bereich liefert, fallen die Makel kaum ins Gewicht.

"The Witcher" sieht toll aus, manchmal ruckelt das Spiel auf der Konsole allerdings

"The Witcher" sieht toll aus, manchmal ruckelt das Spiel auf der Konsole allerdings

Foto: Christian Neeb

Sogar das Kartenspiel überzeugt

Die Monsterjagd gestaltet sich angenehm abwechslungsreich. Mit seiner Katzensicht, die an die "Assassin's Creed"-Reihe erinnert, geht Geralt Spuren und Hinweisen auf den Grund, wie Mittelalter-Detektiv William von Baskerville in "Der Name der Rose". Große Bossgegner sind nur mit eingehendem Studium ihrer Stärken und Schwächen besiegbar - und mit der richtigen Kombination aus Magie, selbst gebrauten Tränken und Ölen.

Zum Zeitvertreib kann der Spieler sich dem Kartenspiel Gwent hingeben, das andere Hersteller als eigenen Titel veröffentlicht hätten. Oder er streift mit Geralt einfach durch die Landschaft, in der jeder Platz seine eigene Identität hat und kaum ein Abschnitt dem anderen gleicht.

Der größte Gewinn von "Witcher 3" ist, dass sich all dies wie ein großes Ganzes anfühlt - nicht wie eine Liste von Features, die ein Hersteller der Marktforschung entnommen und lieblos in ein Open-World-Korsett gezwängt hat.

Sicher: Geralts Unternehmungen können mit ihren vielen Möglichkeiten wie eine Überforderung wirken. Doch ein Moment auf einer vom Mond beschienenen Waldlichtung der Spielwelt reicht, um den Abenteurer vor und hinter dem Bildschirm wieder zu beflügeln, doch noch ein Monster mehr zu erschlagen und die Welt von "Witcher 3" nach eigenem Willen zu formen.

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