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Geistesblitze im Minutentakt: Entdeckungsreise durch "The Witness"

Videospiel "The Witness" im Test Eine Welt voller Rätsel

Eine Insel voller Maschinen und Geheimnisse: Mit diesem Konzept wurde "Myst" Mitte der Neunzigerjahre zum Riesenhit. Nun erscheint eine Art spiritueller Nachfolger des Klassikers - und ist auch noch besser.
Von Tobias Hanraths

Ein Netz aus vertikalen und horizontalen Linien. Darauf ein Startpunkt und ein Ziel, zwischen denen der Spieler eine Linie zeichnen muss. Mehr Gameplay-Elemente hat "The Witness" nicht. Keine Gegner, keine Action, keinen Handlungsdruck. Nicht einmal Text oder Musik.

Hinter dem Spiel steckt ein kleines Entwicklerteam namens Thekla, dessen Kopf und Herz Jonathan Blow ist. Blow sorgte bereits mit "Braid" für viel Furore. Die 2008 zunächst für die Xbox 360 erschienene Mischung aus Zeitreisepuzzles und Hüpferei gilt als einer der Wegbereiter moderner Indie-Spiele. Danach war es lange still um Blow.

Schon die ersten 15 Stunden lassen jedoch ahnen, warum die Entwicklung von "The Witness" so lange gedauert hat: Die farbenprächtige, abwechslungsreiche Spielwelt ist nicht nur überraschend groß, sondern vollgestopft mit Details. Und die sind nicht nur Dekoration.

Die Art und Weise, wie "The Witness" seine Rätsel und die Spielwelt miteinander verschmelzen lässt, gab es so noch nie zu sehen - auch nicht in vergleichbaren Titeln wie "The Talos Principle". Jeder Spoiler wäre hier einer zu viel. Aber Spieler mit Beobachtungsgabe und räumlichem Vorstellungsvermögen sind bei "The Witness" klar im Vorteil.

Ständiger Nachschub an neuen Ideen

Denn natürlich sind die Rätsel längst nicht so simpel, wie es zu Beginn scheint. Bis zum Schluss überrascht "The Witness" immer wieder mit neuen Rätselelementen - und vor allem mit den Tricks, mit denen es diese vermittelt. Klassische Tutorials gibt es nicht, stattdessen muss sich der Spieler die Logik hinter verschiedenen Rätseln mit der Zeit selbst zusammenreimen.

Das ist angesichts vieler moderner Spiele, die ihre Nutzer eher zu viel als zu wenig an die Hand nehmen, eine echte Wohltat. Anderseits starrt man dadurch gelegentlich wie der berühmte Ochs vorm Berg auf ein Puzzle. Was zum Beispiel ist zu tun, wenn in einem Rätsel schwarze und weiße Kästchen nebeneinander stehen? Was bedeutet ein bunter Stern? Und was heißt es, wenn beides gleichzeitig auftaucht?

Dass die gelegentliche Ratlosigkeit keinen Frust aufkommen lässt, ist der Struktur des Spiels zu verdanken. Denn nach den ersten paar Rätseln darf sich der Spieler völlig frei durch die Welt bewegen. Die verschiedenen Regionen der Insel - darunter ein kleines Dorf, eine Wüste voller Ruinen, ein Sumpf und eine mittelalterliche Burg - haben alle ihr eigenes Thema. An einer Stelle stehen Farben im Mittelpunkt, anderswo sind "Tetris"-Kenntnisse gefragt. Kommt er irgendwo nicht weiter, kann der Spieler so zunächst an anderer Stelle weitermachen.

Oft findet sich dort dann die entscheidende Information, mit der sich plötzlich mehrere einst verschlossene Türen an anderen Orten öffnen lassen. Im Grunde kopiert "The Witness" so die typische Struktur eines "Zelda"-Spiels, allerdings ganz ohne Inventar, freischaltbare Fähigkeiten und andere Hilfsmittel. Alles findet komplett im Kopf des Spielers statt, jeder Erfolg ist selbst erarbeitet. Die Euphorie, die solche Geistesblitze auslösen, gibt es in Spielen sonst höchstens beim Sieg gegen einen Endgegner in "Dark Souls".

Manchmal mysteriös - und manchmal zu obskur

Eigeninitiative verlangt auch die Story. Denn dort gibt sich "The Witness" noch geheimnisvoller, als es "Braid" schon war. Überall in der Spielwelt finden sich Andeutungen, die den verlassenen Zustand der Insel erklären könnten - versteinerte Menschen, wirre Zeichnungen an den Wänden, vereinzelte Audiorecorder. Die angerissenen Themen kreisen um Forscherdrang und Spiritualität, eine richtige Geschichte erzählt "The Witness" aber nicht.

Und auch bei seinem Gameplay überschreitet das Spiel gelegentlich die Grenze zwischen angenehm-mysteriös und nervig-obskur. Vor allem die Rätsel, die mit Spiegelungen und Perspektiven arbeiten beschäftigen, sind etwas zu fummelig. Allerdings sind das nur wenige unter den knapp 700 Kopfnüssen, die das Spiel laut Entwickler Blow enthält. Um das erste Ende des Spiels zu erreichen, muss der Spieler nicht einmal die Hälfte davon lösen.

Dass es auch danach noch reichlich zu entdecken gibt, wird an jeder Ecke der Spielwelt deutlich: Denn hier wimmelt es nur so von rätselhaften Symbolen und verschlossenen Türen. Gut möglich, dass diese letzten Rätsel Onlinecommunitys noch Monate beschäftigen werden, so wie beim Spiel "Fez".

Ganz so tief einsteigen muss natürlich nicht jeder Spieler: Ergiebig genug ist "The Witness" trotz des stolzen Preises von gut 40 Euro auch so.


"The Witness", Playstation 4 und PC (weitere Plattformen folgen), circa 40 Euro