"Touchtone" im Test Zur Überwachung gezwungen

In E-Mails schnüffeln, Telefonate abhören: Im iOS-Spiel "Touchtone" wird der Spieler zum Spitzel. Eine Idee, die zunächst fesselt, auf Dauer aber ein wenig plump umgesetzt wurde.

Mikengreg

Ist es verdächtig, wenn ich aus einem Gespräch etwas mit Bombenradius heraushöre? Soll ich es sofort melden oder abwarten? Ich melde es - nur um sicher zu gehen. Und bekomme als Antwort, dass ich übertreibe. Das Gespräch deutet auf nichts Böses hin. Aber ich soll weitermachen.

Rätsel lösen, Mitteilungen lesen und auf terroristische Umtriebe achten: Ich bin ein Spion im Netzwerk. Hacke mich in den Datenstrom und suche nach allem, was verdächtig ist. Ich spiele "Touchtone", ein iOS-Spiel von Mikengreg, einem kleinen Entwicklerstudio aus Chicago.

Zunächst sieht es so aus, als würden die Bürger dazu aufgefordert, kleinere Überwachungsaufgaben zu übernehmen: in E-Mails und SMS schnüffeln und Telefonanrufe abhören. Eine Art Crowdsourcing der NSA: Überwache deinen Nächsten und melde Verdächtiges.

Um jedoch verdächtige Informationen zu finden, muss ich zuerst Rätsel lösen. Beziehungsweise: mich puzzelnd in Systeme hacken. Nur wenn ich eine Aufgabe löse, komme ich voran, kann die nächste Botschaft lesen und beurteilen. Es sind genau diese Puzzles, die mich bei der Stange halten.

Dabei versuche ich, Leitungen zu den Empfängern zu legen, schiebe Spielplättchen über ein Feld, die Datenströme umlenken, teilen oder umfärben. Das wird mit jedem Puzzle schwerer und komplexer. Manchmal muss ich das iPad beiseite legen, weil ich nichts mehr verstehe. Kurz darauf aber scheint sich das Bild sortiert zu haben, ich kann weitermachen.

Die Geschichte verliert an Fahrt

Während die Rätsel immer komplizierter werden, verliert die Geschichte schnell an Fahrt. Anfangs ertappe ich mich immer wieder selbst dabei, wie ich im Zweifelsfall Unterhaltungen zu schnell als verdächtig einstufe und so mehr melde als nötig ist. Konsequenzen gibt es nicht. Oder besser gesagt: Nur in meinem Kopf. Da frage ich mich, wie meine Ablehnung eines Überwachungsstaates mit meinen Antworten vereinbar sein soll.

Doch schon bald wird mir das Heft ganz aus der Hand genommen. Konnte ich im Tutorial noch selbst bestimmen, was verdächtig ist und was nicht, bekomme ich jetzt Anweisungen. Und fühle mich überflüssig. Bei der Überwachung eines Bürgers mit iranischem Hintergrund kann ich sämtliche Unterhaltung nur noch als verdächtig einstufen. Das ist so, wird mir gesagt. Das macht die Handlung schlagartig uninteressant und die im Spiel formulierte Kritik am Überwachungsstaat wird auf ein wenig subtiles Holzhammerlevel überführt.

"Touchtone", so muss ich mir selbst immer wieder sagen, ist eben in erster Linie ein gelungenes Puzzlespiel, das nebenbei den Überwachungsstaat kritisiert. Und kein neues "Papers, Please".


"Touchtone" von Mikengreg, Englisch für iOS, 2,99 Euro

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