Livestreaming-Plattform Twitch will mehr

10.000 Besucher werden in Berlin zur TwitchCon erwartet - und David Hasselhoff. Das Festival der Livestreaming-Plattform und Amazon-Tochter lässt erahnen: Das Unternehmen hat große Pläne.

Szene von der TwitchCon 2018: "Platzhirsch" bei Livestreaming zu Games
Getty Images

Szene von der TwitchCon 2018: "Platzhirsch" bei Livestreaming zu Games

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Wird auf der TwitchCon auch so gekreischt wie bei YouTuber-Fantreffen? Burkhard Leimbrock kann das nicht ausschließen, ist aber skeptisch. Das bereits ausverkaufte Event darf nämlich nur besuchen, wer mindestens 18 Jahre alt ist, wie Leimbrock betont. Allzu jungen Fans, womöglich von genervten Eltern begleitet, dürfte man auf dem bislang größten Deutschland-Event seiner Firma also eher nicht begegnen.

Burkhard Leimbrock ist Commercial Director Europe von Twitch. Die Livestreaming-Plattform bringt ihr US-Festival TwitchCon am Wochenende erstmals nach Europa. Rund 10.000 Menschen werden im CityCube auf dem Berliner Messegelände erwartet. Neben populären Streamern bekommen Twitch-Fans dort unter anderem David Hasselhoff und den Komponisten Philip Sheppard zu sehen. Dazu gibt es Community-Treffen, E-Sport-Partien und das Finale des Gesangswettbewerbs "Twitch Sings".

Zu Hasselhoff heißt es im Werbetext zur TwitchCon, er werde Sonntagnachmittag einen Vortrag darüber halten, "wie er seine Karriere als vielseitiger Entertainer gestaltet und wie wichtig es ist, mit Hilfe der eigenen Fantasie Inhalte und Erlebnisse zu kreieren, die einen bleibenden Eindruck beim Publikum hinterlassen".

David Hasselhoff
AP

David Hasselhoff

Bislang steht Twitch vor allem für Live-Übertragungen von Spielesessions. Unterhalter, aber auch professionelle Videospieler aus aller Welt filmen sich für die Plattform beim Spielen von Titeln wie "League of Legends" oder "Apex Legends". Parallel läuft der Chat, er ist das Bindeglied zwischen Stars und Fans, genau wie das sogenannte Cheering, durch das sich Streamer loben oder anfeuern lassen. Die Zuschauer als entscheidender Teil des Erlebnisses: Twitch betrachtet das als eine seiner Stärken.

Mesut Özil und "Doctor Who"

Auch einige Prominente sind in letzter Zeit auf Twitch gelandet, darunter Mesut Özil, der dort "Fortnite" spielt. "Das ist wirklich organisch", sagt Burkhard Leimbrock, Özil sei nicht aktiv angeworben worden. "Prominente melden sich tatsächlich bei uns und sagen: 'Ich habe Lust, auf Twitch zu streamen.' Nicht andersherum."

Das Streamen sei ein Weg, mit den Fans Kontakt zu halten, sagt Leimbrock. Wenn jemand wie ein Fußballer eine tendenziell junge, männliche Zielgruppe habe, dann finde er diese eben auf Twitch - und wenn sich der Star auch noch für Videospiele begeistere, dann umso besser.

Mehrere Millionen deutsche Nutzer würden Twitch mindestens einmal pro Monat benutzen, sagt Leimbrock - genaue Zahlen gibt sein Unternehmen nicht bekannt. Weltweit hat Twitch nach eigenen Angaben 15 Millionen täglich aktive Nutzer.

Mehr als nur Gaming

Die Plattform, die seit 2014 zu Amazon gehört, ist schon länger kein reines Gaming-Portal mehr. Obwohl sich nach wie vor viel ums Spielen dreht, gibt es zahlreiche davon losgelöste Streams, vom "Tagebuch eines Landwirts" bis zu ASMR-Sessions, die beim Zuhörer ein angenehmes Kopfkribbeln auslösen sollen. Twitch streamt Fernsehserien wie "Pokémon" und "Doctor Who" - und neben E-Sport wird mitunter auch traditioneller Sport übertragen.

Die Zahl der geschauten Stunden habe sich bei den Nicht-Gaming-Inhalten zwischen 2017 und 2018 mehr als verdoppelt, heißt es von Burkhard Leimbrock. Er sagt, Twitch sehe sich als ein "Platz, an dem sich eine Community trifft, um interaktiv und gemeinsam Sachen anzuschauen und sich dann darüber auszutauschen". Dabei könne es um Gaming gehen, aber auch um anderes.

Tatsächlich sind manche Gaming-Kanäle schon jetzt erstaunlich wandelbar: Immer wieder stößt man beispielsweise auf Frage-Antwort-Runden mit den Fans, während derer der Streamer spielt - das laufende Spiel ist dabei nur Nebensache.

Auch auf einem der bekanntesten deutschen Gaming-Kanäle, bei PietSmiet, gibt es nicht nur Spielestreams zu sehen, sondern auch mal Gruppenmitglied Peter Smits beim Kochen von Spaghetti-Bolognese. Als das EU-Parlament Ende März über die Pläne zur Urheberrechtsreform abstimmte, war das ebenfalls bei PietSmiet zu sehen - genau wie zuvor der Protest gegen den umstrittenen Reformartikel 13. Vor einigen Jahren habe man noch "ausschließlich Bullshit-Videos" gemacht, sagt Smits: Da habe er nicht damit gerechnet, mal so etwas zu streamen.

Europa ist für Twitch wichtig

Die Live-Kommentierung der EU-Abstimmung zur Mittagszeit sei "außergewöhnlich gut" angekommen, sagt Smits: "Wenn wir abends zu einer normalen Zeit mit einem Videospiel live gehen, würde das in der Regel nicht so viele Zuschauer erreichen."

Die Urheberrechtsreform beschäftigt nicht nur Twitchs Streamer, sondern auch das Unternehmen. Kürzlich hatte es durch Medienberichte geschürte Gerüchte gegeben, die Firma könnte vor dem Hintergrund der Reform Einschränkungen für Nutzer aus Europa planen. Twitch dementierte alsbald.

Tatsächlich plant die Firma, in Europa noch stärker Fuß zu fassen - mit Events wie der TwitchCon, aber zum Beispiel auch mit einem neuen Büro in Paris, als Ergänzung zu denen in London, Hamburg, Berlin und Stockholm.

Twitch sei der europäische Markt sehr wichtig, sagt Burkhard Leimbrock: Man werde hier weiter investieren und Mitarbeiter einstellen. Und man werde alles dafür tun, dass Streams aus Europa weiter global sichtbar seien und dass sich in Europa weiter Streams aus nicht-europäischen Ländern abrufen ließen.

Ein schwieriger Spagat

Es wird interessant zu beobachten, ob und wie es Twitch gelingt, Zuschauer jenseits von Gamern stärker anzusprechen, ohne dabei seinen guten Ruf in der Spielerszene aufs Spiel zu setzen.

Das sei ein "ganz schmaler Grat", sagt dazu die Journalistin Petra Fröhlich, die auf der Website "Gameswirtschaft" über die Spielebranche berichtet. "Man merkt das bei vielen Plattformen wie jetzt auch Facebook: Sobald es in den Mainstream geht, ist es für die Core-Zielgruppe nicht mehr ganz so cool. Insofern muss auch Twitch aufpassen, nicht die treusten aller Fans zu verlieren."

Beim Livestreaming zu Games sieht Fröhlich Twitch derzeit als "Platzhirsch", bei Themen wie Real-Life, Comedy oder Sport, wo Twitch mit vielen weiteren Live-Angeboten, zum Beispiel von Facebook, konkurriert, sieht sie andere Dienste vorn. Twitch sei derzeit schon noch überwiegend auf die Gaming-Zielgruppe ausgerichtet, sagt Fröhlich: Dies zeige sich zum Beispiel bei den Premiumangeboten wie Twitch Prime, bei denen viele der Extras und Boni auf Core-Gamer abzielten.

Burkhard Leimbrock sagt, Gaming werde immer im Fokus von Twitch bleiben. Vielleicht werde man eines Tages aber über Twitch sagen, das Ganze habe man mit Gaming begonnen. Dann jedoch seien viele andere Sachen hinzugekommen.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
tomdabassman 12.04.2019
1. Viel Erfolg
Ganz wichtig als Steigerung der multimedialen Offenbarung persönlicher Belanglosigkeiten jetzt auch noch der eigene Livestream, sprich Ego-TV. Kann definitiv nur in einer Orgie der gegenseitigen Übertreffung an Abseitigkeiten und Obszönitäten (incl.Live-Mord und -Selbstmord) enden. In Echtzeit auch definitiv unkontrollierbar, was wiederum die Gegner des Uploadfilters freuen wird. Danke nein.
touri 12.04.2019
2.
Zitat von tomdabassmanGanz wichtig als Steigerung der multimedialen Offenbarung persönlicher Belanglosigkeiten jetzt auch noch der eigene Livestream, sprich Ego-TV. Kann definitiv nur in einer Orgie der gegenseitigen Übertreffung an Abseitigkeiten und Obszönitäten (incl.Live-Mord und -Selbstmord) enden. In Echtzeit auch definitiv unkontrollierbar, was wiederum die Gegner des Uploadfilters freuen wird. Danke nein.
Ich weiß leider nicht was mir Ihr Beitrag sagen will. Wie dem auch sei, ich schau gerne gamingstreams auf Twitch an insbesondere Starcraft 2. Für mich spannender als jedes Fußballspiel und ich kann den Contentcreator direkt Geld rüberschieben, wenn ich es will. Hat bei mir das Fernsehen komplett ersetzt.
Klaatu Barada Nikto 13.04.2019
3. Die Zukunft des Live-Streamings liegt nicht bei YouTube und Twitch
Zentralisierte Plattformen wie YouTube und Twitch werden es bald sehr schwer haben gegen einen dezentralisierten Konkurrenten, der keine Gebühren auf durch Spenden und neue Subscriber generierte Gewinne für die Streamer erhebt. Beide Plattformen behalten Gebühren von 30 bis 50% der Einnahmen eines Content Creators sprich Streamers für sich. Der mit 93 Millionen Subscribern weltbekannteste Youtuber, der Schwede PewDiePie, wird ab dem 14. April Livestreaming exklusiv auf dLive betreiben. Dort gehen 90,1% der generierten Spenden und Subscibes an den Streamer selbst, die anderen 9,9% werden auf die Nutzer verteilt. Stichwort: Disruptive Blockchain-Technologie via dApp...
vitalik 13.04.2019
4.
Zitat von tomdabassmanGanz wichtig als Steigerung der multimedialen Offenbarung persönlicher Belanglosigkeiten jetzt auch noch der eigene Livestream, sprich Ego-TV. Kann definitiv nur in einer Orgie der gegenseitigen Übertreffung an Abseitigkeiten und Obszönitäten (incl.Live-Mord und -Selbstmord) enden. In Echtzeit auch definitiv unkontrollierbar, was wiederum die Gegner des Uploadfilters freuen wird. Danke nein.
Was auch immer Sie mit Ihrem Text sagen wollen, es ergibt keinen Sinn. Vielleicht sollten Sie sich auch Mal informieren, bevor Sie Ihre inhaltslose Vorurteile in Worte fassen.
vitalik 13.04.2019
5.
Zitat von Klaatu Barada NiktoZentralisierte Plattformen wie YouTube und Twitch werden es bald sehr schwer haben gegen einen dezentralisierten Konkurrenten, der keine Gebühren auf durch Spenden und neue Subscriber generierte Gewinne für die Streamer erhebt. Beide Plattformen behalten Gebühren von 30 bis 50% der Einnahmen eines Content Creators sprich Streamers für sich. Der mit 93 Millionen Subscribern weltbekannteste Youtuber, der Schwede PewDiePie, wird ab dem 14. April Livestreaming exklusiv auf dLive betreiben. Dort gehen 90,1% der generierten Spenden und Subscibes an den Streamer selbst, die anderen 9,9% werden auf die Nutzer verteilt. Stichwort: Disruptive Blockchain-Technologie via dApp...
Dezentralisiert ist wohl die Antwort auf alles, klar. Aber wie genau soll sich ein "Niemand" Gehör und Präsenz verschaffen, wenn niemand ihn kennt? Eine eigene Plattform, die niemand kennt, verspricht kein Erfolg. Ihr Vergleich mit PewDiePie ist einfach nur unsinnig, da diese Youtuber seine Follower mitnehmen wird. Man wird sehen, wieviele der Follower nach dem Umstieg noch übrig bleiben. Und zum Schluss: Glückwunsch, Sie haben erfolgreich das Buzzwort Blockchain in Ihren Text reingebaut. Die Frage ist nur, was das mit der Qualität des verfügbaren Contents zu tun hat?
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