Ungewöhnliche Aufbausimulationen Wenn das digitale Volk aufbegehrt

In Aufbaustrategiespielen wie "Dwarf Fortress", "RimWorld" und "Space Haven" sind die eigensinnigen Bewohner virtueller Welten die heimlichen Hauptdarsteller. Ein Blick in eine wuselige Games-Nische.
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Aufbaustrategiespiele: "Dwarf Fortress", "RimWorld", "Space Haven" und Co.

Foto: Bay 12 Games

Videospielerinnen und Videospieler sind von ihren Spielen keinen Widerspruch gewöhnt. Wenn sie in Aufbau- oder Strategiespielen wie jenen der "Siedler"-Reihe oder in "Civilization" per Mausklick Befehle erteilen, erwarten sie Gehorsam, und zwar sofort. Dass die digitalen Untertanen einen eigenen Kopf haben oder eigene Entscheidungen treffen, ist meist weder erwünscht noch vorgesehen. 

Und dann wiederum gibt es Spiele, in denen alles stillsteht, weil ein Arbeiter plötzlich zu deprimiert ist, um die lebenswichtige Bewässerungsanlage zu bauen. In denen eine achtlos eingerissene Wand zu Tobsuchtsanfällen bei den virtuellen Untertanen führt und sich regelrechte Aufstände entwickeln, weil das Kantinenessen schlecht ist. Wer "Rimworld" oder "Dwarf Fortress" kennt, weiß: Diese Spiele sind nicht nur Herausforderungen für strategisches und planerisches Geschick, sondern wahre Geschichtengeneratoren. Wer es auf sich nimmt, ihre oft komplexen Regeln und Systeme zu erlernen, wird reich belohnt - mit Erlebnissen, die ganz und gar einzigartig sind. 

Bei ihnen sind die Spieler keine übermächtigen Macher, deren Anweisungen sich sofort in der Welt manifestieren, sondern Planer, deren Vorschläge von den sich dafür zuständig haltenden Spielfiguren selbstständig ausgeführt werden - oder eben nicht. Die digitalen Wesen haben ihren eigenen Kopf, Spielewelten sind eher wuselige Ameisenhaufen als trockene Spielfelder. Ein Überblick über eine faszinierende Nische zwischen Simulation und Strategie. 

Der Übervater des Genres: "Dwarf Fortress" 

In "Dwarf Fortress" wird eine ganze Fantasy-Welt simuliert - von Geologie über Geschichte bis hin zu Tierwelt, Psyche und einzelnen Körperteilen und Organen ihrer Bewohner

In "Dwarf Fortress" wird eine ganze Fantasy-Welt simuliert - von Geologie über Geschichte bis hin zu Tierwelt, Psyche und einzelnen Körperteilen und Organen ihrer Bewohner

Foto: Bay 12 Games

"Dwarf Fortress" ist das Werk zweier Brüder, die ihm seit eineinhalb Jahrzehnten ihr Leben widmen. Wann das absurd ambitionierte Projekt fertig sein wird, ist ungewiss. In trügerisch dürrem Buchstaben- und Zeichensalat wird hier ein Ausschnitt aus einer Fantasy-Welt simuliert. Und zwar inklusive Geologie, Tausenden Jahren Vorgeschichte, Erosion, Pflanzenwuchs, Fauna, Kleidung, Haarwuchs, Psyche und inneren Organen (!) ihrer Zwergenbewohner. Fanseiten wie "dfstories"  sammeln die Geschichten, die das Spiel am laufenden Band generiert. 

"Dwarf Fortress" ist kostenlos, wird ausschließlich über Spenden finanziert und ist seit 2012 im New Yorker Museum of Modern Art vertreten. Für Normalspieler stellt es eine Herausforderung dar. Eine kürzlich angekündigte kommerzielle Version für Steam soll die Einstiegshürden aber senken und sowohl eine simplere Grafik als auch eine vereinfachte Bedienung bieten.

"Dwarf Fortress", kostenlos erhältlich für Windows, Linux und Mac

 Kontroverse Gefängnissimulation: "Prison Architect" 

In "Prison Architect" verbinden sich Gebäude- und Infrastrukturplanung mit genau simuliertem Gefängnisalltag - ob Kuschelknast oder Hochsicherheitstrakt

In "Prison Architect" verbinden sich Gebäude- und Infrastrukturplanung mit genau simuliertem Gefängnisalltag - ob Kuschelknast oder Hochsicherheitstrakt

Foto: Paradox Interactive

Statt Fantasy gibt es in "Prison Architect" knallhartes Gefängnisleben. Der niedliche Look täuscht: In den hier errichteten Strafanstalten und Gefängnissen geht es rau bis gewalttätig zu. Auch die Todesstrafe gibt es im Spiel - wenn sich die Gefängnisarchitekten dazu entscheiden. Denn vom vorbildlich humanen Strafvollzug bis zum knallharten Hochsicherheitsknast ist alles möglich. 

Das 2015 erschienene "Prison Architect" hat einen interessanten Twist: Der Feind kommt hier nicht von außen, sondern ist stets im Inneren präsent. Potenziell gefährliche Gefängnisinsassen, Überbelegung, logistische Fehler bei der Versorgung, Gangs und Drogenkriminalität sorgen für ein explosives Klima, das sich in Prügeleien, Morden, Ausbruchsversuchen und Gefängnisrevolten entlädt. Trotz Knuddelfaktor ein recht düsteres Strategiespiel.

"Prison Architect", erhältlich für Windows, Mac, Linux, PS4, Xbox One, Switch, iOS, Android

Die kommerziell erfolgreiche Story-Maschine: "RimWorld" 

Die Mischung aus "Wild-West-SF" und Seifenoper macht "RimWorld" zum erfolgreichsten Koloniesimulator mit eigenwilligen Protagonisten.

Die Mischung aus "Wild-West-SF" und Seifenoper macht "RimWorld" zum erfolgreichsten Koloniesimulator mit eigenwilligen Protagonisten.

Foto: Ludeon Studios

"RimWorld" ist das kommerziell erfolgreichste Spiel in der Nische. Es verbindet große Spieltiefe mit gefälligem Äußeren und einfacher Steuerung. Wie zentral die sich von selbst aus den Spiel entwickelnde Story ist, zeigt sich an der zu Spielbeginn wählbaren "Geschichtenerzähler KI", die für mal mehr, mal weniger dramatische zufällige Ereignisse zuständig ist. 

In der Science-Fiction-Koloniesimulation geht es nur vordergründig um den Aufbau von Infrastruktur und Verteidigung. Weitaus zentraler sind die jeweils zufällig generierten Charaktere der Kolonisten. Mit der vor Kurzem erschienenen "Royalty"-Erweiterung halten intergalaktische Adelshäuser Einzug in die Seifenoper. Mehr Sims-Gefühl gab's selten im Genre der Aufbausimulationen.

"RimWorld", erhältlich für Windows, Linux und Mac 

Tragischer Slapstick im Inneren eines Asteroiden: "Oxygen Not Included" 

"Oxygen Not Included" von den "Don’t Starve"-Machern Klei, ist schon rein optisch etwas Besonderes

"Oxygen Not Included" von den "Don’t Starve"-Machern Klei, ist schon rein optisch etwas Besonderes

Foto: Klei

Die Seitenansicht ist nicht das Einzige, was dieses Aufbaustrategiespiel speziell macht: In "Oxygen Not Included" macht man das Innere eines Asteroiden zum Heim einer wachsenden Anzahl von eigensinnigen Weltraumkolonisten. Besonderes Augenmerk gilt dem klugen Management von Abfall, Flüssigkeiten und Gasen, die hier relativ realistisch simuliert durch die Höhlen wabern. 

Zugleich sind die bedauernswerten Männchen ziemliche Individualisten mit jeweils ganz eigenen Vorlieben, Ängsten und Ticks. Das Schicksal spielt den kleinen Astronauten hier in Form von Unfällen, Fehlplanungen oder einfach Pech oft ganz schön düstere Streiche. Dank Grafikstil und schwarzem Humor fühlt sich das zum Glück eher nach Slapstick als nach Tragödie an.  

"Oxigen Not Included", erhältlich für Windows, Linux und Mac) 

Ambitionierter Neuzugang: "Space Haven" 

"Space Haven" ist noch im Early Access, der Raumschiffbau samt Weltraumodyssee kommt beim Steam-Publikum aber hervorragend an

"Space Haven" ist noch im Early Access, der Raumschiffbau samt Weltraumodyssee kommt beim Steam-Publikum aber hervorragend an

Foto: Bugbyte

Der jüngste Zugang zum Genre ist noch nicht fertig, verspricht aber schon im sogenannten Early Access frischen Wind: Die individuell simulierten Astronauten von "Space Haven" sind zunächst für den Ausbau einer kleinen Raumstation zuständig, die sich aber später, die nötigen Zubauten vorausgesetzt, als aufgemotztes Raumschiff auf den Weg in die unendlichen Weiten macht. Als unfertiges Spiel in Entwicklung lässt "Space Haven" noch Komfortfeatures, wie etwa ein umfassendes Tutorial, vermissen. Die finnischen Entwickler haben die Fertigstellung innerhalb der nächsten zwei Jahre angepeilt. 

Das Spiel im schick-nostalgischen isometrischen Pixel-Look versteht sich als Mischung aus wuseliger Aufbaustrategie und der zufallsgenerierten Weltraum-Odyssee des Indie-Kultspiels "FTL - Faster Than Light". Es ist ein kleiner Überraschungshit auf der Spieleplattform Steam, wo es bei der Veröffentlichung der Vorabversion sogar die Top Ten der meistverkauften Steam-Spiele stürmen konnte. Ein Beweis mehr dafür, dass diese eigentlich sehr spezielle Strategie-Nische auch ein breites Publikum ansprechen kann.  

"Space Haven",erhältlich für Windows, Linux und Mac)

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