Abrechnung pro Installation Wie eine neue Gebühr Spieleentwickler zur Weißglut bringt
Werbebild zu »Rust«: Das Spiel von Garry Newmans britischer Firma Facepunch nutzt die Unity-Engine
Foto: Facepunch StudiosDieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
»Unity kann sich ins Knie ficken«: So lässt sich die Überschrift des neuesten Blogposts von Garry Newman sinngemäß übersetzen. Was der britische Softwareentwickler sagt, hat in der Szene Gewicht. Bekannt gemacht hat ihn eine »Half-Life 2«-Modifikation namens »Garry’s Mod«. Er ist zudem der Gründer von Facepunch, dem Studio hinter dem Online-Survival-Hit »Rust«. Seiner Wut lässt er nun freien Lauf. »Das Vertrauen ist weg«, schreibt Newman. Unity sei das denkbar »schlechteste Unternehmen«, das für die Unity-Engine zuständig sein könne.
Wer Newmans Aufregung nachvollziehen will, muss einige Grundlagen der heutigen Spieleentwicklung kennen. Die sogenannte Unity-Engine ist eine Softwareumgebung der Firma Unity und das technische Grundgerüst unzähliger Games, darunter Handy-, PC- und Konsolenspiele, aber auch VR- und AR-Projekte. Auch »Rust« basiert darauf. Zu den bekannteren Konkurrenzprodukten zählt etwa die Unreal-Engine von Epic Games . Unity wurde in Dänemark gegründet, hat seinen Hauptsitz mittlerweile aber in San Francisco.
Gerade bei kleinen Entwicklern beliebt
John Riccitiello, der Chef von Unity, schätzte im Jahr 2018 , dass ungefähr jedes zweite Videospiel weltweit die Engine seiner Firma nutze. Interessant für Einzelentwickler und Studios ist diese unter anderem, weil sie Dutzende Plattformen unterstützt. Spielemacher müssen Games, die etwa für Windows, die Playstation und Android erscheinen sollen, so nicht für jede Plattform von Grund auf neu entwickeln. Ihnen stehen in der Welt von Unity zahlreiche Tutorials und vorgefertigte Inhalte zur Verfügung, die das Kreieren neuer Titel vereinfachen. Die Unity-Engine galt bislang außerdem als relativ kostengünstig, was sie gerade für Indie-Entwickler ohne große Firmen im Rücken interessant machte.
Seit diesem Dienstag aber sieht sich Unity nun mit einer Welle der Empörung aus jener Entwicklerszene konfrontiert. Der Grund dafür ist ein neues Preismodell, das zum 1. Januar in Kraft treten soll. Ein Kernpunkt dabei ist die Einführung einer sogenannten Runtime Fee, einer neuen Gebühr, die zusätzlich zu den bisherigen Abotarifen fällig werden soll.
Professionelle und kommerziell halbwegs erfolgreiche Entwickler zahlen für Profipakete mit Namen wie Pro oder Industry bereits mehrere Tausend Euro pro Jahr . Einsteigern bietet Unity ein kostenloses Paket namens Personal. Ein preislich dazwischen angesiedeltes Angebot, Plus genannt, hat Unity im Zuge seiner Preisreform soeben aus seinem Portfolio für Neukunden gestrichen.
Bis zu 20 US-Cent pro weiterer Installation
Das neue Modell samt der Runtime Fee sieht nun zum Beispiel vor , dass Personal- und Plus-Entwickler nach dem 1. Januar pro neuer Installation 20 US-Cent an Unity zahlen müssen, sobald sie mit einem Spiel zwei Grenzwerte überschritten haben. Diese liegen nach den aktuellen Plänen bei 200.000 neuen Installationen und 200.000 Dollar Umsatz innerhalb der vergangenen zwölf Monate. Eine der Folgen wäre: Kauft ein Nutzer ein Spiel mit Unity-Engine online und spielt es dann außer auf seinen PC auch auf den eigenen Laptop oder sein Steam Deck auf, müssten die Entwickler dreifach Geld an Unity zahlen, sofern die Erfolgsgrenze überschritten ist.
Abhängig davon, welches Abo ein Entwickler hat und wie oft sein Spiel insgesamt neu installiert wird, variiert die Höhe der Abgaben. In den teureren Paketen etwa startet die Gebühr bei 15 und 12,5 US-Cent und sinkt bei steigender Installationszahl. Für große Studios ist die Preisänderung deshalb weniger dramatisch. Für kleine Entwickler dagegen, die ihre Games oft nur für wenige Euro anbieten, sind die festen Installationsgebühren schmerzhaft. Zumal ein Teil ihrer Umsätze schon jetzt bei den Plattformbetreibern wie Valve, Apple oder Nintendo hängen bleibt.
In Rechnung gestellt werden sollen die neuen Installationen zwar erst ab 2024 und Re-Installationen auf demselben Gerät sollen folgenlos bleiben (mehr dazu hier ). Viel Kritik aber richtet sich dagegen, dass das neue Bezahlmodell fortan auch für alle Spiele gelten soll, die in den Jahren zuvor auf der Basis der Unity-Engine erstellt wurden. Wie aus dem Nichts also will Unity ein über Jahre hinweg etabliertes Preissystem ändern, um mehr Geld als bisher zu verdienen. Und plötzlich könnten Studios auch ältere Spiele, die nach wie vor häufig installiert werden, Kosten verursachen, die beim Entwickeln des Spiels nie eingeplant waren. Eine Folge könnten Preissteigerungen sein. Eine andere, dass Spiele aus den Katalogen verschwinden.
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— Innersloth 🦥 (@InnerslothDevs) September 12, 2023
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Zahlreiche Entwickler haben sich im Netz öffentlich gegen die Pläne von Unity positioniert. So kündigten etwa Mega Crit, die Macher des Indie-Vorzeigetitels »Slay the Spire«, an, für ihr neues Spiel einen Engine-Wechsel zu erwägen. »Noch nie zuvor haben wir ein öffentliches Statement abgegeben«, schrieben sie adressiert an Unity . »So sehr habt ihr es verkackt.« Innersloth, die Macher des bekannten Onlinespiels »Among Us«, schimpften : »Stoppt das. What the fuck?« Und der X-Account zum Spiel »Genokids« schrieb: »Wir werden dafür bestraft, wenn Nutzer das Spiel auf so vielen Geräten installieren, wie sie wollen.«
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Garry Newman betonte in seinem Blogpost, für seine Firma seien grundsätzlich nicht die reinen Kosten das Problem. Unitys Vorstoß schmerze vor allem, weil die Firma die Entwickler damit überrumpele, schreibt er sinngemäß. »Wir haben dem nicht zugestimmt«, heißt es von Newman. »Wir haben die Engine benutzt, weil man im Voraus bezahlt und dann sein Produkt herausbringt. Uns wurde nicht gesagt, dass das hier passieren wird.« Zehn Jahre habe seine Firma »Rust« auf Grundlage der Unity-Engine entwickelt, jedes Jahr sei dabei Geld an Unity gegangen: »Und jetzt haben sie ihre Regeln geändert.«
Das sagt Unity zur Kritik
Für wie absurd er die neue Runtime Fee hält, versucht Newman mit einer Analogie zu verdeutlichen. »Das wäre so, als würde Adobe allen Nutzern von Photoshop pro Ansicht eines Bildes etwas in Rechnung stellen«, schreibt er. »Als würde Adobe versuchen, ein System zu erfinden, mit dem sie dich jeden Monat verfolgen und dir eine Rechnung stellen können. Und dabei geht es nicht nur um neue Bilder, sondern um die Bilder, die du in den letzten 20 Jahren erstellt hast. Du bekommst automatisch jeden Monat eine neue Rechnung.«
Unity hat auf die Welle der Kritik bereits reagiert. Das Unternehmen betont etwa, dass mehr als 90 Prozent der Benutzer seiner Softwareumgebung von der neuen Gebühr gar nicht betroffen seien. Und zu zahlreichen Bedenken von Internetnutzern, wie Unity die Zahl der Installationen angesichts etwa von Spieleabos, Piraterie und Charity-Aktionen überhaupt fair nachhalten wolle, schreibt die Firma sinngemäß , sie werde es schon irgendwie hinbekommen, solche Sonderfälle von der Abrechnung auszuklammern. Prinzipiell werde die Zahl der Installationen anhand eines eigenen Datenmodells ermittelt, so Unity, auf dessen Basis man Schätzungen treffe.
We want to acknowledge the confusion and frustration we heard after we announced our new runtime fee policy. We’d like to clarify some of your top questions and concerns:
— Unity (@unity) September 13, 2023
Who is impacted by this price increase: The price increase is very targeted. In fact, more than 90% of our…
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In manchem Punkt ist das Unternehmen seit Dienstag offenbar bereits zurückgerudert. Der Nachrichtenseite Axios etwa hatte Unity anfangs noch mitgeteilt, sogar das Neuinstallieren eines Spiels auf demselben Gerät zähle als zusätzliche Installation. Ob der Protest der Entwickler weitere Änderungen bewirken kann, bleibt abzuwarten.
Update, 18. September, 12 Uhr: Am Sonntagabend hat Unity nun Änderungen an seinen neuen Regeln in Aussicht gestellt . Wie diese im Detail aussehen werden, ist bislang aber unklar.
Update, 25. September, 8.20 Uhr: Inzwischen hat Unity seine Pläne recht grundlegend überarbeitet. Eine Übersicht der neuen Regeln finden Sie hier .