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15. November 2009, 14:24 Uhr

Videospiel-Schule

"Gamedesign hat viel mit Bildung zu tun"

In New York wurde im Oktober eine ungewöhnliche Schule eröffnet. "Quest To Learn" ist die erste öffentliche Schule in den USA, deren Lehrplan ausschließlich auf spielbasiertes Lernen setzt. Das Magazin "GEE" sprach mit der Gründerin und Gamedesignerin Katie Salen.

Wie kommt es dazu, dass Sie sich als Gamedesignerin mit Bildung beschäftigen?

Salen: Ich habe schon immer Games entwickelt, die nicht nur unterhalten, sondern auch etwas bedeuten wollen. Dazu muss ich den Spieler immer wieder mit Problemen konfrontieren und ihm im Kontext des Spiels beibringen, wie er diese lösen kann - und das, ohne ihn dabei zu frustrieren. Ich finde, Gamedesign hat an sich sehr viel mit Bildung zu tun.

Ihre Schule "Quest To Learn" will mit spielbasiertem Unterricht einen neuen Weg gehen. Was kann man sich darunter vorstellen?

Die traditionellen Lehrmethoden entsprechen nicht mehr den Bedürfnissen der Schüler. Wo, wann und wie sie lernen, hat sich durch digitale Medien verändert. Wir wollen mit "Quest To Learn" weg vom Frontalunterricht, der Schüler ausschließt und voneinander abgrenzt. Spielbasiert bedeutet aber nicht, dass wir den ganzen Tag mit Videogames verbringen. Vielmehr wollen wir ein Umfeld schaffen, in dem Kinder spielend lernen. Die Schüler sollen etwa in die Rolle von Forschern schlüpfen und so in Wissensgebieten Probleme lösen. Sie lernen, wie Biologen, Historiker oder Mathematiker zu denken, anstatt einfach nur Mathe, Bio und Geschichte zu pauken. Unsere Lehrer müssen sich also von ihrem Selbstverständnis als Inhaltsanbieter lösen und sich stattdessen als Designer von Erfahrungen verstehen. Die Schüler werden vor Situationen gestellt, in denen sie keine Ergebnisse präsentiert bekommen, sondern selbstständig lernen müssen, wo und wie sie an relevante Informationen gelangen.

Wie denken Sie heute über Ihre eigene Schulzeit?

Ich war ein neugieriges Kind und habe es geliebt, zu lernen. Erst an der Universität und während meiner Arbeit als Designerin habe ich angefangen, den traditionellen Unterricht zu hinterfragen und über Alternativen nachzudenken.

Wie waren die Reaktionen der Öffentlichkeit und vor allem der Eltern auf das neue Konzept?

Viele Eltern wollen ihre Kinder bei uns anmelden. Es gibt aber auch Kritiker, die meinen, dass unser Konzept nicht funktionieren kann. Sie haben bereits Beweise für dessen Erfolg sehen wollen, bevor wir begonnen hatten, es umzusetzen. Wir stoßen auch oft auf Unverständnis, weil sich der Mythos hält, dass wir eine reine Videospielschule seien. Das geht nicht weg, egal was wir den Medien erzählen.

Welches Spiel hat Sie die wichtigsten Lektionen im Leben gelehrt?

Volleyball. Ich habe diesen Sport lange professionell gespielt und davon viele Lebenslektionen gelernt. Zum Beispiel, wie wichtig es ist, im Team zu spielen - und vielleicht sogar den Wert von Spielen an sich.

Das Interview führte Robin Krause für GEE

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