Videospiel »Svoboda 1945: Liberation« Kriegsende mit Schrecken

Drei Millionen Sudetendeutsche wurden unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat vertrieben. Behutsam und emotional nähert sich nun ein Videospiel dem konfliktreichen Thema.
Hintergrundinformationen und Originaldokumente in »Svoboda 1945: Liberation«: Wunden der gewalttätigen Nachkriegszeit

Hintergrundinformationen und Originaldokumente in »Svoboda 1945: Liberation«: Wunden der gewalttätigen Nachkriegszeit

Foto: Charles Games

Videospiele zum Zweiten Weltkrieg gibt es viele. Das im November kommende Blockbuster-Vehikel »Call of Duty: Vanguard« etwa wird sich wieder ins vertraute und schon etwas abgenutzte Setting rund um alliierte Kriegshelden und ihre bösen Nazifeinde begeben. So ausgetreten diese Pfade in Videospielen auch sind: Über das, was direkt nach dem 8. Mai 1945, nach der Kapitulation der Nazis und dem Zusammenbruch des »Tausendjährigen Reiches« geschah, haben sich Videospielmacher bislang kaum Gedanken gemacht.

Das tschechische Indie-Studio Charles Games hat es getan und damit zum zweiten Mal Neuland betreten. Das Team war bereits mit seinem 2017 veröffentlichten Debütspiel »Attentat 1942« ein Pionier: Das Spiel, das gemeinsam mit Professoren für Geschichte der Karls-Universität Prag sowie von Historikern der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik entwickelt und vom Ministerium für Kultur der Tschechischen Republik gefördert wurde, war 2018 das Erste, das in Deutschland trotz Darstellung von Hakenkreuzen von der USK ab zwölf Jahren zum Verkauf freigegeben wurde. Das Verbot der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen nach Paragraf 86a Strafgesetzbuch hatte bis dahin zwar Ausnahmen für Kulturgüter wie Film und Literatur vorgesehen, nicht jedoch für Videospiele.

Dunkle Altlast als Thema

Das nun vom selben Entwickler erschienene »Svoboda 1945: Liberation« nimmt sich eines heiklen Themas an, das direkt das Ende der nationalsozialistischen Diktatur berührt. Im Süden der Tschechoslowakei, nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie ein unabhängiger Vielvölkerstaat, kam es unmittelbar nach Kriegsende zu massenhaften Übergriffen gegen die dort lebende deutsche Minderheit der Sudetendeutschen.

Die deutschen Bewohner des im 1939 völkerrechtswidrig errichteten nationalsozialistischen »Protektorats Böhmen und Mähren« wurden zunächst in sogenannten wilden Vertreibungen nach Deutschland und Österreich zwangsabgeschoben, danach systematisch in euphemistisch als »Aussiedlungen« bezeichneten Aktionen mit Unterstützung der Armee. Drei Millionen Sudetendeutsche, unabhängig von ihrer Nähe zum nationalsozialistischen Regime oder persönlicher Schuld, verloren Heimat und Besitz, zwischen 15.000 und 30.000 Menschen starben. Eine dunkle, erst Ende der Neunzigerjahre in Ansätzen aufgearbeitete Altlast deutsch-tschechischer Beziehungen.

Spurensuche nach Jahrzehnten

Übersichtskarte des Dorfes Svoboda

Übersichtskarte des Dorfes Svoboda

Foto: Charles Games

Am Beginn von »Svoboda 1945: Liberation« liegt diese Zeit schon weit in der Vergangenheit. Als Angestellter des tschechischen Denkmalamts reist man 2001 in den südböhmischen Ort Svoboda, um zu untersuchen, ob dessen altes Schulgebäude erhaltenswert ist. Bei der Spurensuche stößt der Protagonist wieder und wieder auf die Wunden der gewalttätigen Nachkriegszeit – und findet ein Foto, das seinen eigenen Großvater zeigt. Wie »Attentat 1942« verknüpft auch dieses Spiel professionell gefilmtes Videomaterial von Schauspielerinnen und Schauspielern mit vielen Hintergrundinformationen, Originaldokumenten und spielbaren Sequenzen.

Auf der Karte des Dorfes lassen sich die Multiple-Choice-Gespräche mit den relevanten Personen starten; durch sie und das Absolvieren kurzer spielerischer Sequenzen ergibt sich im etwa drei Stunden langen Spielverlauf ein detailliertes Bild der Ereignisse nach dem Krieg.

Im Zentrum stehen die persönlichen Geschichten der Figuren, die hier zu Wort kommen. Die ein letztes Mal zurückgekehrte vertriebene Deutsche kommt darin ebenso zu Wort wie Opfer der Nazi-Besatzungszeit; tschechische Antifaschisten ebenso wie vom in den Nachkriegsjahren auftrumpfenden Kommunismus um ihre Existenz gebrachte Bauern. Die vielleicht eindrucksvollste Figur in diesem feinen Schauspielerensemble wird von Pavel Zatloukal verkörpert: In der Rolle des Jan Vlk steht er als Wolhynientscheche, selbst aus der Westukraine geflüchtet und auf ehemaligem deutschen Besitz in Südböhmen nie ganz verwurzelt, beispielhaft für das allseitige Trauma des Krieges.

Viel Geschichte, weniger Spiel

Die differenzierte Figurenzeichnung gehört zu den Stärken des Spiels

Die differenzierte Figurenzeichnung gehört zu den Stärken des Spiels

Foto: Charles Games

»Svoboda 1945: Liberation« ist spannender Geschichtsunterricht, der sein selten präsentiertes Thema auf spielerische Art und Weise erfahrbar macht. Das große Manko vieler Serious Games teilt aber auch dieses Spiel: Die Balance zwischen Wissensvermittlung und Interaktion ist nicht so ausgewogen, wie man sich das wünschen würde. Zwar sind die Gespräche dank wählbarer Antworten leidlich interaktiv, doch die große Stärke des Mediums, reale geschichtliche und gesellschaftliche Mechanismen selbst erlebbar zu machen, wird nur selten genutzt.

Die Gameplay-Sequenz, in der man in der Rolle eines privaten Bauern Jahr für Jahr gegen die immer absurder werdenden Forderungen der Kommunisten anwirtschaften muss, bleibt nun mal deutlicher in Erinnerung als jeder noch so zugängliche Lexikoneintrag; schade, dass das Spiel nur (zu) wenige dieser Momente anbietet. Trotzdem ist es nicht nur wegen der Bearbeitung eines selten gesehenen Themas empfehlenswert.

Die Stärke von »Svoboda 1945: Liberation« liegt in der Verknüpfung persönlicher, eindrücklich dargestellter Einzelschicksale mit der »großen« Weltgeschichte; und in der Erkenntnis, dass die Trennlinie zwischen Opfern und Tätern kaum jemals einfach zu ziehen ist. Die Traumata der Geschichte bleiben, nur knapp unter der Oberfläche.

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»Svoboda 1945: Liberation«  ist für Windows und Mac zum Preis von 13,99 Euro erschienen.

Das Spiel ist bislang ausschließlich auf Tschechisch mit englischen Untertiteln spielbar; eine deutsch untertitelte Version steht den Entwicklern zufolge aber unmittelbar vor der Veröffentlichung.