Videospiel "Uncharted 3" Der bessere Actionfilm

Im Actionkino ist die Handlung fast egal, es geht vor allem ums Spektakel. In Actionspielen ist die Irrelevanz des Plots sogar Prinzip. Bestes Beispiel: "Uncharted 3". Der Held marschiert, ruht kurz aus, dann explodiert wieder etwas. Macht trotzdem Spaß.

Sony Computer Entertainment

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Bei einem guten Actionfilm vergisst man die Handlung fast sofort. Oder wissen Sie aus dem Stegreif, in welchem James-Bond-Film die Szene mit der Verfolgungsjagd auf Skiern vorkommt, die mit einem Fallschirmsprung endet, was davor und danach passiert und warum?

Das Erinnern an den Plot ist in aller Regel nicht das primäre Ziel eines echten Actionfilms. Er bietet stattdessen Sensationen im Wortsinn, intensive Eindrücke physischen Geschehens, eingebettet in eine Wegwerfhandlung. Was bleibt, sind all die dramatischen Momente des Dem-Tod-Entrinnens. Der Held marschiert weiter, die Richtung stimmt ganz automatisch. Sogar warum er jetzt genau marschiert, ist eigentlich egal. Kurz ausruhen, dann kann wieder etwas explodieren.

Im Spiel kommt das Actionkino ganz zu sich selbst

So gesehen sind die Spiele der "Uncharted"-Reihe (für Playstation 3) ideale interaktive Actionfilme, irgendwo zwischen "Indiana Jones" und der reichlich dämlichen "National Treasure"-Reihe mit Nicolas Cage. Wie man das aus Hollywood-Produktionen kennt, tauchen hier in regelmäßigen Abständen Objekte auf, die die Protagonisten dann auf kaum nachvollziehbare Weise dazu bringen, innerhalb eines einzigen Schnitts den halben Erdball zu umrunden: "Ah, wir müssen in den Jemen." Von der verschneiten Gebirgslandschaft in tropische Gewässer, von antiken Burganlagen zu gut gesicherten Militäreinrichtungen, von der Fabrikhalle in die Wüste. Das alte Prinzip des Actionfilms kommt im Spiel ganz zu sich selbst: Auch dort ist jeder Drehort ja eigentlich auch nicht mehr als ein Level, den der Held zu bewältigen hat.

Im dritten "Uncharted"-Teil "Drake's Deception" hat Serienheld Nathan Drake mal wieder seltsame Artefakte aus dem Nachlass seines Ur-Ur-Urahnen, des Entdeckers Sir Francis Drake aufgetrieben, die mal wieder den (verschlungenen) Weg zu einer mal wieder verborgenen Stadt weisen, in der mal wieder eine große, gefährliche Macht lauert, hinter der mal wieder auch ein paar schwerbewaffnete Bösewichte her sind, mit einer stattlichen Portion Kanonenfutter im Gefolge. Das ist der Plot.

Mehr wird sich kaum jemand merken können, obwohl in den eingestreuten Dialogsequenzen immer wieder der Eindruck erweckt wird, die Charaktere hätten irgendwelche historisch hergeleiteten Erleuchtungsmomente, in denen ihnen plötzlich irgendetwas von Bedeutung klar wird.

Figuren verschwinden einfach, aber wen interessiert das schon?

Außer Drake spielen ein väterlicher Schnurrbartträger namens Sully mit, zwei Damen, eine blond, eine dunkel, eine brav, eine nicht so, und ein britischer Bombenkopf. Die nicht so brave Dame und der Bombenkopf verschwinden gegen Ende einfach aus der Geschichte, was aber kaum auffällt - auch das ist so ein typisches Actionfilm-Phänomen, an das man sich längst gewöhnt hat.

Und wie bei jedem guten Actionfilm ist all das auch bei "Uncharted 3" im Grunde vollkommen egal. Das Spiel sieht spektakulär aus: lichtdurchflutete Stadtlandschaften, unterirdische Katakomben mit riesigen, reichverzierten Schließmechanismen, arabische Wüstenfestungen und der obligatorische Level auf See, in dessen Verlauf Drake die komplette Besatzung eines mittelgroßen Schiffes niedermetzeln muss.

Gnade, Versöhnung oder Verhandlung sind als Konzept in "Uncharted" nicht vorgesehen, das war schon immer so, und auch das kennt man von James Bond. Wer dem Helden hier vor die Schrotflinte (das Sturmgewehr, den Granatwerfer) läuft, der ist in der Regel selbst schwerbewaffnet und sehr ungehalten. Wie fast jeder Shooter ist "Uncharted 3" ein vielstündiger Akt hundertfach wiederholter Notwehr.

Actionspielrhythmus perfektioniert

Die eigentliche Kunst der Entwickler in den Naughty-Dog-Studios aber besteht in ihrem großen Talent, den Feuergefechten Ausgleichendes entgegenzusetzen. Schießereien wechseln sich mit Kletterpassagen ab, es gibt (nicht übermäßig anspruchsvolle) Rätsel zu bewältigen, die immer etwas mit Schaltern, Schiebereglern und gewaltigen Apparaturen zu tun haben. Und Renn-Passagen, in denen Drake vor Horden ekliger Käfer, herabstürzenden Gebäudeteilen oder einem Flammenmeer davonlaufen muss. Anspannung und Entspannung, Schauwerte und Adrenalinschübe, garniert mit spektakulären Ereignissen im Hintergrund: Bei Naughty Dog hat man einen Actionspielrhythmus jenseits des Dauerfeuers aktueller Kriegs-Shooter perfektioniert.

Obwohl die Level groß und zuweilen unübersichtlich erscheinen, wird man immer von einer unsichtbaren Hand geleitet, weiß so gut wie immer, wo man als Nächstes hinlaufen oder -klettern sollte. Der sauber animierte Drake tänzelt mit traumwandlerischer Sicherheit durch Sequenzen, die einem irgendwie bekannt vorkommen, obwohl sie hier schon mit besonderer Grandezza inszeniert sind: die Prügelei mit einem Hünen auf der offenen Laderampe einer Transportmaschine im Flug, der Sprung aus dem explodierenden Gebäude, der Showdown am Abgrund, Faust gegen Messer.

"Uncharted 3" macht das alles routiniert bis perfekt. Wer Actionfilme mag und vor einer spielerischen Herausforderung nicht zurückschreckt - die Feuergefechte werden gegen Ende durchaus anspruchsvoll -, dem wird es viel Spaß machen.

Seinen größten Moment hat der Titel aber in einer Passage, die mit allen Regeln des Actionspiels bricht: Da stolpert Drake verloren und dem Verdursten nah durch die Wüste, wo Schießen nichts hilft und Klettern keine Option ist. Ohne Richtung, ohne Orientierung, ohne Hoffnung - theoretisch. Denn praktisch weiß der Spieler ja, wie bei einem Actionfilm, dass es weitergehen muss. Schließlich ist das Actionkino ein Ort, an dem man eigentlich gut behütet wird, sicher aufgehoben ist. Und auch hier ist klar, dass der Protagonist wohl kaum im Sand verrecken wird.

Dass es also vermutlich egal ist, in welche Richtung man nun weitermarschiert.


"Uncharted 3 - Drake's Deception" für Playstation 3, freigegeben ab 16 Jahren, ca. 50 Euro



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
marcomeerbusch 11.11.2011
1. Es ist egal...
... in welche Richtung der Spieler in der Wüste läuft. Man kann auch ein paar mal einige Schritte hin- und hergehen, trotzdem erreicht man das rettende Dorf. Ein bisschen schade ist es schon, dass das Spiel recht anspruchslos ist. Dennoch soll es dadurch natürlich nicht abgewertet werden. Die Story wird genial transportiert und ist spannend, aber die ewig gleich ablaufenden Schiessereien und die Lösung der Kletter- und Rätselpassagen könnte man auch einen Schimpansen beibringen. Nichts desto trotz: gut unterhalten wird man sicherlich, aber man sollte nicht zuviel erwarten.
Batistuta, 11.11.2011
2. .
Ich finde die Schiessereien, die sich, im Gegensatz zu den meisten anderen Shootern, immer wieder einfallsreich abwechseln, später schon ziemlich anspruchsvoll. Obwohl ich da sicher kein Neuling bin gab es die ein oder andere Stelle die mich einiges an Nerven gekostet hat, aber ich mag es wenn ein Spiel einen auch etwas fordert. Ansonsten ist die Inszenierung und Grafikpracht nahezu perfekt, besser kann man sich die knapp 10 Stunden Spielzeit kaum unterhalten lassen.
Diego666, 11.11.2011
3. Oder wissen Sie aus dem Stegreif, in welchem James-Bond-Film...
"Der Spion, der mich liebte." Ich finde nicht unbedingt, dass in Actionfilmen Handlug egal ist. Sie ist nicht das wichtigste, aber etwas Konsistenz erwartet man schon. Und vom IMO besten James Bondfilm ever sowieso.
springer1980 11.11.2011
4. keine plotlöcher
...aus der Wüste hätte man in der Tat viel mehr machen können - gerade wenn es so ist, wie naughty dog berichten, dass für die visuelle technologie der sandsimulation soviel investiert wurde. nicht umsonst wurde das ganze ja mitunter als einziges zuerst der öffentlichkeit präsentiert. ein taumelnder held, der nicht nur seine kraft sondern tatsächlich den weg sucht - der sternenhimmel hat sich ja wirklich aufgedrängt - das hätte mir persönlich auch sehr gut gefallen. technologisch ist das ganze wirklich ein meisterwerk und setzt auch allem bisher dagewesenen nochmal die krone auf. witzig ist auch zu hören, dass kurz vor der veröffentlichung in aller eile ein bug beseitigt wurde, der dazu führte, das nach kurzer spieldauer, die fast gesamte grafik auf alten ps3s zu erliegen kam! ;-) für mich ein sehr gelungenes spiel - vor allem du passegen, in denen der held die orientierung verliert - sei es in der wüste oder durch psychopharmaka... soetwas habe ich vorher so noch nicht gesehen. was die verschwundenen helden angeht - ich glaube, chloe ist nicht unbedingt scharf auf erneute bekanntschaft mit drakes alter flamme (hab ihren namen vergessen ;-) ). am ende zeigt sich, dass das vermutlich die richtige entscheidung war. der brite!?! hallo? der hat sich das bein gebrochen, um den rest der truppe zu retten! tses. weiter so mit artikeln über digitale spiele.
robinato 11.11.2011
5. Dummes Actionkinopublikum?
"Im Actionkino ist die Handlung fast egal, es geht vor allem ums Spektakel." Das sehe ich anders. Spannend ist ein Actionfilm dann, wenn sich die Getriebenheit des Helden durch überzeugende Handlung und glaubwürdige Charaktere vermittelt. Strukturell sind auch ruhige Passagen wichtig, exemplarisch z.B. in "Terminator 3".
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