Kampf gegen exzessives Computerspielen Drogenbeauftragte will Altersfreigaben verschärfen

Die Drogenbeauftragte Marlene Mortler will gegen exzessives Videospielen vorgehen - etwa mit verschärften Altersfreigaben. Die zuständige Prüfstelle hält davon nichts.
Spieler mit Playstation Vita

Spieler mit Playstation Vita

Foto: Oliver Berg/ dpa

Ein Leben ohne Internet - für viele Jugendliche ist das offenbar unvorstellbar. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat sich die Zahl der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren, die laut einer Studie nicht mehr ohne Internet auskommen können, seit 2011 fast verdoppelt. Fünf Prozent der Jungen und sechs Prozent der Mädchen in Deutschland seien "internetsüchtig", heißt es - wobei Forscher darüber streiten, ob es Internetsucht überhaupt gibt.

Vor allem Videospiele hätten ein enormes Suchtpotenzial, sagt Marlene Mortler  (CSU), die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, SPIEGEL ONLINE. "Wenn wir uns nicht darum kümmern, kann die Spielsucht zu einem Massenphänomen werden."

Problematisch findet Mortler unter anderem die von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) vergebenen Altersfreigaben für Videospiele: Diese seien "zu grob gerastert" und "überhaupt nicht mehr geeignet".

Seit 2003 sind die USK-Kennzeichnungen im Jugendschutzgesetz  verbindlich geregelt, es gibt Freigaben ab 0, 6, 12, 16 und 18 Jahren. Seit 2014 vergibt die USK gemeinsam mit der IARC (International Age Rating Coalition)  auch für Onlinespiele und Apps Alterseinstufungen.

Welche Spiele machen süchtig?

Bisher orientiert sich die USK bei der Altersfreigabe vor allem an der dargestellten Gewalt in den Spielen. Mortler fordert nun, dass bei der Bewertung von Spielen auch deren Suchtpotenzial berücksichtigt wird. Unklar bleibt dabei, was genau damit gemeint ist und wie man ein solches Potenzial messen könnte.

Die Faszination von Spielen hängt schließlich auch vom eigenen Umfeld und den eigenen Vorlieben ab: Während mancher Jugendliche seine Freizeit mit dem Onlinespiel "League of Legends" verbringt, spielt jemand anderes vielleicht lieber Saison nach Saison "Fifa 17", ein Fußballspiel. Und ein dritter Spieler kann womöglich beiden Titeln nichts abgewinnen. Und könnten prinzipiell zum Beispiel nicht auch Serien wie "Pokémon" süchtig machen, die man stundenlang am Stück schauen kann?

Mortler sagt, die USK müsse prüfen, inwiefern ein Spiel einen so sehr fesselt, dass man nicht mehr damit aufhören kann. Gerade Rollen- und Strategiespiele hätten eine enorme "Bindungswirkung". Warum genau Mortler das bislang nicht allzu umstrittene Genre der Strategiespiele herauspickt, ließ sich aber auch auf Nachfrage nicht klären.

Um welche Spiele geht es?

Auch bei einer weiteren Stellungnahme Mortlers kann man nur rätseln, welche Spiele genau gemeint sind - und inwiefern das beschriebene Spielsystem überhaupt auf einen der populärsten Titel zutrifft. "Viele Spiele weisen sehr gut erkennbare Belohnungs- und Bestrafungsmechanismen auf", heißt es in der Stellungnahme. "Wer den Rechner abschaltet, verliert in der virtuellen Welt Punkte, Ansehen oder sogar das Leben seines Avatars. Wer online bleibt, am besten rund um die Uhr, wird zum digitalen Helden."

Bei den "zu grob gerasterten" Altersfreigaben kann man Mortler besser folgen. "Was für einen Elfjährigen unproblematisch ist, kann für einen Sechsjährigen schon zum Problem werden", sagt sie. Mortler findet also die Abstände zwischen den einzelnen Freigaben zu groß.

Ebenso fordert die Drogenbeauftragte, dass die USK das Kennzeichen "ab 0 Jahren" abschafft. Mortler hält diese Kennzeichnung für "problematisch" und "irreführend": Der Hinweis suggeriere Eltern, die Spiele ohne Altersbeschränkung seien "ungefährlich oder gar empfohlen", so Mortler, die findet, dass die virtuelle Welt in den ersten Jahren keinen Platz habe.

Pläne könnten Eltern verunsichern

USK-Geschäftsführer Felix Falk hält es nicht für sinnvoll, die Altersfreigaben in Mortlers Sinne zu überarbeiten. "Mit einer Veränderung könnte eher Schaden angerichtet werden, wenn man Eltern damit verunsichert", sagt Falk. Erst dieses Jahr seien die bestehenden Stufen in der Bund-Länder-Kommission als richtig bekräftigt worden.

"Für die Probleme exzessiver Nutzung kann das keine Lösung sein", sagt Falk. "Das ist stark von individuellen Faktoren abhängig, etwa vom sozialen Umfeld." Für solche Probleme gebe es keine pauschalen Lösungen. Auch Kriterien, an denen sich messen lässt, ob bestimmte Medieninhalte süchtig machten, gebe es bislang nicht.

Ähnlich äußert sich Maximilian Schenk vom Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) , der Mortlers Forderungen für "nicht realistisch" hält. Die Drogenbeauftragte würde die Funktion der USK-Alterskennzeichen  verkennen, meint Geschäftsführer Schenk: "Das sind keine pädagogischen Empfehlungen."

Schenk stört sich auch am Begriff "Internetsucht", den Mortler verwendet: "Die Wissenschaft ist von einem Konsens dazu weit entfernt", sagt Schenk. Ob es derartige Mediensüchte gebe und wie diese gemessen werden könnten, sei unklar. Tatsächlich gibt es eine "Internetsucht" laut den international geltenden Diagnosesystemen psychischer Störungen (ICD-10 und DSM-IV) nicht.

Marlene Mortler weist allerdings darauf, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein ist. Am Mittwoch sprach sie bei einer Konferenz in Berlin zum Thema "Internetsucht" mit 350 Experten aus Politik, Wissenschaft und Praxis. Auch dort, sagt Mortler, seien die Defizite in der Altersfreigabe erkannt worden.

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